Benutzerbild von klada

Angesteckt von Schalk's Blog über Fragen von Qualität und Quantität machte ich mir gestern Gedanken, wie qualitativ das Trainingslager im Harz für mich tatsächlich gewesen war und kam zu dem Schluss: Es war hochqualitativ. Aber es war eben nicht auf Tempo ausgelegt, sondern auf Länge, Technik, An- und Abstiege meistern.

Und so entschloss ich mich gestern zu einem schnellen Lauf über meine Hausstrecke. Mit Asphalt, Trails und je 430 Höhenmetern in Auf- und Abstieg. Die Hausstrecke bietet eine Hochwasservariante mit 21,7 km statt 21,1 km. Beste Durchschnittspace über alle Varianten gerechnet: 5:38. Gelaufen am 27.6.2011 in gutem Trainingszustand vor dem k78. Die Form reichte vor dem k78 immerhin zu einer 40:29 über 10 km mit leicht angezogener Handbremse zum Schluss. Nur so zur Orientierung.

Nun bin ich gerade sehr unzufrieden, was meine Tempofähigkeit angeht, komme mir vor wie ein Schleicher. Ein Gefühl, das beim Harzen am Sonntag – immer schön einem locker laufendem Schalk hinterher – noch einen beachtlichen Wirkungsverstärker verabreicht bekam.

In den letzten zwölf Monaten bin ich, wenn's hoch kommt, fünf Mal mit Pulsgurt gelaufen. Ich kann das Laufen doch schon längst nach Gefühl, was brauche ich da noch so eine Krücke, pah, dachte ich! Trotzdem entscheide ich mich ausnahmsweise mal für die Krücke. Wer weiß, vielleicht ist es ja doch nicht so weit her mit meinem Belastungsgefühl.

Ich ziehe meine neuen Asics Fuji Gel Racer an, einen Trailschuh mit ursprünglich geringer 8 mm Fersensprengung, den ich – als Minimalschuhfetischist – aber noch weiter auf 4 mm herunterbauen ließ und lege den kleinen Salomon-Trinkrucksack an. Handy auf Musikbetrieb geschaltet, Kopfhörer auf und los.

Ich laufe die Keilstraße herunter und merke, dass der Schuh irgendwie gewöhnungsbedürftig ist. Unausgewogen. Doof das. Möglicherweise hätten 6 mm Sprengung auch gereicht. Egal. Es geht jetzt über die Ampel Richtung Dahlhauser Schwimmbrücke, und ich sehe nach 1,5 km zum ersten Mal auf den Garmin Forerunner, den ich auf Pulsanzeige gestellt hatte. Okay, 123. Das ist, laut letzter Leistungsdiagnostik vom Januar, mittendrin in GA 1. Dann kann ich also mal eine Prise Tempo zugeben.

Ich entscheide mich, die Hochwasserumgehungsschleife zu laufen, obwohl die Ruhr heute gar kein Hochwasser hat, und müsste nach dem langsamen Einlaufkilometer auf dem Flachstück etwas anziehen, um vor dem ersten Berg gut in der Zeit zu liegen, ohne aber am Anstieg platt zu sein. Gesagt, getan. 5:12 / 5:10 / 5:04. Puls pendelt um 129-130. Immer noch GA 1.

Für eine gute Zeit würde es auch wichtig sein, möglichst wenig pinkeln zu müssen, denn ich laufe die Strecke immer brutto für netto. Blöder Weise hatte ich gestern nicht nur zwei Maurerbomben Bier sondern auch noch reichlich Wasser getankt und in der Früh auch noch mal Wasser und Kaffee. Sei's drum.

Der Isenberg wartet. Erst fünf Kilometer vorbei, und ich hab' schon Hunger. Mist. Aber immerhin ist ein Gel im Rucksack. Reindrücken, runterspülen, fertig. Scheiße, Finger kleben. Also Wasser ansaugen, über die Finger spucken und Hose als Trockentuch benutzen. Nicht schön, aber hilfreich. Ich nehme mir vor, heute nicht zu gehen. Und so wuchte ich meine unfassbaren 77,4 kg, die ich morgens noch als üblen Jahreshöchstwert gewogen hatte, die Steigung rauf. Die Pfade werden enger und steiniger. "Bück dich hoch!" Danke an Deichkind, die mir mit ihrem aktuellen Song gerade in den Ohren liegen. Treffender könnte man meinen Stil in diesem Moment kaum beschreiben.

Endlich oben. Schöner Blick auf die Ruhr. Geil! Und die Uhr? Puls 145. Durchschnittspace bis hierhin: 5:49. Nicht schlecht. Es kommen zwar noch einige knifflige Anstiege, aber nicht schlecht. Tja, leider meldet sich meine Blase mit Nachdruck. Also einmal fix hinter den Baum und weiter. Ich sinnere darüber, wie man Pinkelpausen optimieren könnte, und mir fallen ein paar piekfeine Problemlösungen ein ... .

Die erste meiner zwei Lieblingspassagen auf dieser Strecke wartet. Der Isenbergrücken. Landschaftlich ein schöner und zugleich angenehm zu laufender Pfad, der aber immer viel zu früh zu Ende ist. Abstieg über Naturtreppen und eine mittelsteile Passage, wo ich es rollen lasse. Puls 127.

Ich überquere die Landstraße und quäle mich anschließend einen langgezogenen Hang durch ein Neubaugebiet mit Einfamilienhäusern am Waldrand hoch. Blick auf den Langenberger Sender und endlich rein in die technischen Trails, die nun warten. Im Radio erzählen sie irgendwas von irgendwelchen Fischarten, die Greenpeace wieder zum gewissenberuhigten Verzehr freigegeben hat. Ich hab' immer noch Hunger.

Nun liegt mir die Rinne zu Füßen. Zweite Lieblingspassage. Technisch mittelschwerer Downhill, den ich mit zunehmender Routine immer zügiger laufen kann. Es rüttelt mich ordentlich durch und meine Blase auch. Hilft nix, zweite Pinkelpause. Im Radio reden sie jetzt über eine Pizza-Ladenkette, die Obama im Wahlkampf unterstützt. Ihr Schweine! Der Hunger wächst nun erst recht. Und ich muss mich nun über ein besonders steiles, aber zum Glück eher kurzes Stück Anstieg quälen. Wumms! Was war das denn? Ein Reh querte direkt vor meiner Nase den Pfad! Puh, das war knapp.

Puls 151. Drei Punkte über der Individuellen Anaeroben Schwelle. Endlich die Schulenburg. Endlich ganz oben. Der Puls beruhigt sich wieder. 134/132/130. Durchschnittspace am höchsten Punkt: 5:44. Scheiße, da ist ja sogar Streckenbestzeit drin, denn jetzt geht's erst nur runter, dann flach weiter. Viel Asphalt. Lediglich zwei kleine Buckel warten noch.

Straße ist doof. Schnell abhaken das 2-km-Stück. 4:48 / 4:47 den Kilometer - passt. Puls pendelt im GA 2 solide zwischen 134-137. Jetzt Richtung Ruhr. Eisenbahnbrücke. 5:39. Gut, noch alles drin. Aber warum muss ich bloß schon wieder pissen? Verdammt, es hilft nix. Nochmal hinter den Baum. 5:40. War ja klar. Und gleich danach kommt ein Anstieg mit Treppen. Ob das noch was wird?

Rauf hechten und weiter. Durchschnittspace bleibt bei 5:40. Immerhin. Jetzt muss ich aber Lack machen, wenn ich noch was reißen will. Perfekt, im Radio spielen sie Dani California von den Red Hot Chili Peppers mit dieser geilen Hookline und dem Hendrixsolo aus Purple Haze. Letzter Kilometer, trotz Treppen und Pinkeln in 5:13. Nächster 5:17 - ich bin platt, aber verdammt, die Uhr zeigt 5:38 Durchschnittspace. Noch mal quälen und Zeit rauslaufen, denn der letzte Anstieg vor dem Ziel ist ruppig.

Die Durchschnittspace springt auf 5:37. Flachstück und nochmal Gas. 5:36. 5:35. Wow! Jetzt aufpassen klada, auf dem kurzen Trailstrück, da hat's dich letztens voll von den Beinen gerissen. Diesmal geht alles glatt. Jetzt unterhalb der alten Zeche vorbei und dann hoch in den letzten Anstieg. Ich ächtze wie ein auseinanderbrechender Supertanker, aber ich bleibe im Laufschritt. Na ja, jedenfalls ist es so etwas ähnliches (Bück' dich hoch, yeah!). Oben 5:36. Okay. Noch mal 500 Meter Tempo. Ein paar Stufen noch. Ich zwänge mich durch die schmale Hinterhofgartenpassage und biege um die letzte Kurve. Schuss runter zum Haus und ...? Bingo: 5:35 Durchschnittspace. Durchschnittspuls 133 im ganz niedrigen GA2-Bereich. Laufzeit: 2:01:49 für die 21,77 Kilometer mit 430 Höhenmetern. Persönlicher Streckenrekord. Fazit: Ich bin doch nicht so langsam geworden wie ich befüchtet hatte. Und manchmal kann ein Pulsgurt helfen. Ohne das Ding hätte ich mich in viel höheren Belastungszonen gewähnt.

4
Gesamtwertung: 4 (1 Bewertung)

Hihihiiiiiiiiiiiiii,....

isch kenn da noch jemanden, der schiebts immer aufs Alter....die Pinkelpausen meine ich....der Rest klingt doch leider geil und überhaupt nicht schneckig!;o)

Lieben Gruß Carla

Jezz weiß ich, ...

... wieso ich nie Radio auff'e Ohren habe und immer vorher ordentlich pullern gehe.
Auf jeden Fall bin ich aber heilfroh, dass du mit Achilles wieder Frieden schließen konntest. Das find ich die beste Nachricht, auch wenn sie hier gar nicht steht.
Daumen hoch für Qualität!
;-)
PS: Gehe heute auch auf nen Tempo-20er im Deister. Bloß die Hm weiß ich nicht. Is aber rennsteigtaugliches Trainingsterrain.

Die Ferse motzt zum Glück nur noch ...

... bei längeren technischen Abschnitten wie eben am Sonntag beim Harzen den Brocken runter. Erholt sich aber wieder gut, wenn ich danach konsequent einen Ruhetag einschiebe. Das ist tatsächlich die beste Nachricht des Tages. Irgendwie wollte ich dem Problem aber gedanklich auch gar keinen Raum geben, deshalb hab' ich mich dazu ausgeschwiegen. Es lebe der Aberglaube ;-).

Ich hoffe, die unverhoffte Aussicht auf den TAR setzt jetzt bei mir auch noch zusätzliche Kräfte frei. Ist zwar noch nicht ganz sicher, dass ich dabei bin, aber die Wahrscheinlichkeit steigt von Tag zu Tag.

"Das wichtigste Argument für den Breitensport ist aber, dass die Menschen davon schön müde werden. Wer des Abends müde ist, geht zu Bett und treibt keinen Unfug." (Max Goldt)

Schick

Schick. Ick gloob, ick muss den Schalk auch mal als Trainingsqualitätsbooster buchen.
Wenn Du tatsächlich beim TAR dabei sein wirst, freue ich mich für Dich und reihe mich auf der Jogmap-Tribüne bei den Mitfieberern ein.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links