Benutzerbild von skydiver38

Es ist Samstag, 07. April, 12:49 Uhr. Der Startschuss für den 10km-Wettbewerb im Rahmen des 66. Paderborner Osterlaufs erfolgt eine Minute zu früh. Oder geht meine Uhr nach? Kann nicht sein.
Neben mir stehen meine Kumpels Christian und Stefan. Eigentlich ist es nicht ihr Sport, beim Fußball und Badminton wird Laufen zwar als Bewegungsmöglichkeit geschätzt, aber nicht verehrt. Wie habe ich mich gefreut, dass sie beim Osterlauf dabei sind! Wir werden zwar nicht zusammenlaufen, aber wenigstens gemeinsam starten wollen wir. Die beiden haben sich nichts vorgenommen, wie im Training wollen sie laufen. Bei mir heißt es mal wieder: Angriff auf die 40min-Marke. Diesmal muss es klappen, die Strecke ist absolut geeignet für Bestzeiten.
Die Tempolauf-Vergangenheit spricht für sich. (Siehe vorangegangener Blog, es kann gelingen. Zuletzt 8,2 km in 32:00 min.) Meine Wunschvorstellung: den ersten Kilometer deutlich unter vier Minuten, danach ca. 3:55 min/km.

Los geht's also. Die Kenianer sind so beeindruckend schnell, sie schießen davon und wurden auch nicht mehr gesehen. Die Läufer weiter vor mir eilen über die Zeitmessmatte, das bekannte *TSCHIIIIEEEP* ist hundertfach zu hören. Ich springe kurz hoch und versuche, die Menschenmenge vor mir zu schätzen: es sind mindestens 500 Leute. Ups, das wird ja was. Im Ziel werden es dann noch 183 Männer und 19 Frauen sein, die vor mir sind. Insgesamt gab es weit über 3000 Finisher.

Nachdem die Matte in Sichtweite gekommen ist, werde ich zappelig. Irgendwie möglichst schnell Freiraum kriegen, laufen, rennen, fliegen!
Aber es geht nicht vorwärts. Nach dem Überlaufen der Matte beginnt niemand neben mir zu rennen, alle traben weiter gemächlich vor sich hin. Was soll das denn, das ist doch ein Wettkampf hier?!
Ich weiche auf die Außenbahnen aus, laufe auch in den Kurven den größeren Radius, versuche möglichst weit voran zu kommen. Es ist ein einziges Stop-and-Go, ich komme mir vor wie auf der A2.
Das erste Km-Schild kommt. Der Blick auf die Uhr: 04:15 min. Auweia! Das wird ja noch was.
Ich arbeite mich weiter voran, es wird nur langsam besser. Ich versuche, locker zu bleiben. Aber meine Beine sagen mir jetzt schon: das wird kein Kindergeburtstag heute. Zweiter Kilometer, 08:14 min. Schon besser. Aber es muss noch schneller. Weiter, weiter, schneller, kürzere Schritte, Kopf hoch, Brust raus, locker bleiben. Nächstes Schild, 12:14 min. Oh man, ich strenge mich doch schon so an, warum klappt es denn nicht?
Neben mir taucht ein Altersgenosse auf, der mir auffällt: er trägt einen dicken, gelben Sweater, dazu schwarze, lange Shorts und an den Füßen Fußballhallenschuhe. Typ "Fußballspieler-der-mal-ausprobieren-möchte-wie-schnell-er-über-10km-laufen-kann". Sein Laufstil ist unendlich entspannt und fließend, schön anzusehen. Aber das will ich nicht sehen, ICH bin doch hier der Läufer. Ich überhole ihn. Mühelos und kraftvoll gleitet er ein paar hundert Meter wieder an mir vorbei.
Nach fünf Kilometern eine Brücke, es geht ein wenig bergauf. Normalerweise sind Anstiege ein Trumpf für mich. Auch heute lasse ich wieder reihenweise Läufer stehen. Dann das Schild, mein Blick zur Uhr: 20:29 min. Bitte was??? Das gibt's doch gar nicht. Dann geht's bergab. Der Kollege in Gelb gleitet wieder wie auf Schwebebahnen an mir vorbei. Meine Fresse, wie elegant. Ich will auch!
Die Kilometer ziehen vorbei, es soll einfach nichts werden. Kilometer acht: 32:28 min, da ist wohl nichts mehr zu machen.
Der Gelbe und ich, er weiß es wahrscheinlich nicht, aber ich laufe jetzt nur noch gegen ihn. Die Zeit - ach, was soll's, ich bin ja noch jung. Wir kommen auf dem letzten Kilometer in eine Neutrale Zone, hier dürfen die Coaches ins Rennen eingreifen. Eine Top-Läuferin wird von ihrem Trainer angeschrien, sie solle sich doch verdammt noch eins am Riemen reißen.
Der Gelbe läuft neben mir, ich röchle ihm zu: "So'n Trainer hätt' ich auch gern."
Er meint, dass das nicht seine erste Wahl wäre und fragt mich im Gegenzug, ob dies meine erste Teilnahme wäre. Scheiße, sehe ich etwa so aus? Wir plaudern am absoluten Leistungslimit (jedenfalls MEIN Leistungslimit), die Zeit ist wurscht.
Ich gestehe meinem neuen Idol, dass ich so gern einmal unter 40 min laufen würde. Der entgegent, dass wir dann nur noch ein wenig anziehen müssten.
Ach, wie gern würde ich!
Wir laufen schweigend weiter. Dann plötzlich zieht er an, kraftvoll, elegant, bezaubernd - ich war so neidisch :-) - und weg ist er. Ich kann einfach nicht mehr hinterher.
Mein verzweifelter Schlusssprint macht die Sache kaum besser.
Im Ziel ist es eine neue PB geworden - 40 Minuten und 34 Sekunden.
Ein richtiger Zehner war's, aber leider heute ohne Happy End.

Glücklicherweise war der restliche Lauftag positiv:
Entspanntes Geplänkel mit meinen Lauffreunden im Anschluss an den Lauf.
Und das Beste: Einen noch entspannteren Halbmarathon neunzig Minuten nach dem Zieleinlauf über 10km mit meiner Liebsten. Es war ihr erster und wir machten es in 1:53h klar.
Wenn doch kein erfolgreicher Samstag, so habe ich immerhin doch meine Kilometer gesammelt. Iserlohn kann kommen!! :-)

5
Gesamtwertung: 5 (4 Wertungen)

Hey, eine 40er-Zeit ist doch klasse...

...und dann noch eine entspannte 1:53 im HM hinterher, das macht Dir auch kaum einer nach. Zeigt, dass Du eine gute Kondition hast. Und für einen Ultraläufer ist die Zeit sogar noch höher einzuschätzen. Wenn Du Dich mal ganz auf die "Kurzstrecke" konzentrierst, werden die 40 Minuten auch fallen, da bin ich sicher. Und Paderborn ist da ein gutes Pflaster für gute Zeiten. Ich wollte auch dort laufen, hab es aber aus Rücksicht auf meine Knie sein lassen. Aber in Iserlohn werden wir uns sehen... ;-)

Liebe Grüße
Renate

"Not Because It Is Easy, But Because It Is Hard" JFK

15.04. Cuxhaven Marathon

eigentlich war der Lauf dann

eigentlich war der Lauf dann doch wieder gut, von der Zeit mal abgesehen. Die Geschichten drum herum sind auch was Wert.

Wenn du nochmal solch einen Zehner Rekord versuch machen möchtest, mache es doch zum Ende der Saison. Da du ja gut im Trainingsstatus bist, würde ich sagen, suchst du dir was Anfang Oktober und machst mal eine 6 Wöchige Vorbereitung, mit kurzen Intervallen(1000 m oder gestückelt als Gesamttraining nicht mehr als 10 km, mit Treppen usw. kennst dich da ja aus), lockeren Läufen, Bergläufen, langen Intervall und und und kennst dich da ja aus, denke das dürfte genügen. Wichtig nur den Tempo Anteil mal für 6 Wochen erhöhen, ohne Reiz, kein Effekt...dann klappt es auch mit der Bestzeit!

mach weiter so, viel Spaß beim Trainieren

Sehr guter Bericht, da

Sehr guter Bericht, da fiebert man schon beim Lesen mit. Im Endeffekt ist es eine PB geworden. Es war also der beste Zehner deines Lebens, Gratulation. Freu mich auf künftige WK-Berichte, das nächste Mal (spätestens das übernächste) garantiert mit einer Sub-40-Zeit:)

einfach

nur Glückwunsch, feiner Bericht. Ich kann mir allein schon vorstellen, das ein solcher Anfang mental auch einiges blockieren kann. Aber der HM danach, ich fass es nicht wirklich.
Meinen Respekt hast du

lg

Achim

Wenn ich das ....

richtig mitbekommen habe, trainierst Du doch auf Langstrecke, oder?!
Son 10er zwischendurch macht da schon mal Lust und Laune, aber ne PB muss da nicht immer klappen.
Spar Dir doch lieber noch ein paar PBs auf für später, dann machen vorher die Intervalle und TDL auch so richtig Spaß!;o)
Und solche Idole motivieren doch.
Die Zeit an sich auf 10 km find ich schon ziemlich sehr gut!

Lieben Gruß Carla

Tolles Ergebnis und noch besserer Bericht ;-)

Spannend und humoristisch geschrieben und mein Respekt gilt Dir schon alleine dafür das Du hinterher noch locker den HM gelaufen bist und Deine Freundin begleitet hast. Bin auch in PB gestartet und habe vorher die 5km mit meinem Sohn bestriten. Nachher PB gelaufen mit der ich niemals gerechnet habe - und das als Fußballer ;-)

Hey... das wird schon noch...

Hallo sky...

da habe ich urlaubsbedingt deinen Blogeintrag etwas verpasst. Aber ich glaube, die 40 werden bei dir in diesem Jahr früher oder später fallen.

Jetzt genieße kommendes Wochenende erstmal deinen Freistart beim Bonn Marathon!

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links