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Freiburg, diese Perle Südbadens, liegt im morgendlich glänzenden Sonnenschein. Aus dem Münster klingen majestätisch die Glocken, die Bächle in der Altstadt plätschern sanft vor sich hin an diesem kühlen Aprilmorgen. Ein Idyll unter stahlblauem Himmel. Man möchte seufzen, sich zurücklehnen und ein Dichter sein.

Bin ich aber nicht. Für Seufzereien ist keine Zeit, fürs Dichten fehlt obendrein das Talent und ein paar Kilometer entfernt vom Münster, vom schönsten Turm der Christenheit, will ohnehin keine rechte Ruhe aufkommen. Tausende tummeln sich zwischen Messegelände und den Ausläufern der Uniklinik, tippeln hin, trippeln her, stehen Schlange vor den Dixies, frieren, schnattern, schnüren Schuhe. Noch zehn Minuten, dann startet der 9. Freiburgmarathon mit mehr als 11000 Teilnehmern. Einer davon bin ich, über die halbe Distanz, meine Premiere - und das in der alten Heimat. Ich freue mich.

Rückblende, fünf Wochen zuvor, Ende Februar: Eigentlich sollte ich schon ganz gut drauf sein, fit nach einem langen Winter mit langen Läufen, sicher auf dem Weg, meinen ersten Halbmarathon zu laufen, und zwar unter zwei Stunden, vielleicht sogar Richtung 01:50:00 schielend. Blöd nur, dass ich im Januar wegen eines Treppensturzes fast komplett ausgefallen war, im Februar folgte prompt eine Erkältung - also ist alles, was ich mir im vergangenen Jahr mühsam antrainiert habe, wieder weg. Ich schleiche durch den Wald, breche nach 16 Kilometern fast zusammen, Tempoläufe sind ein schlechter Witz. Sub2? Vergiss es. Ich justiere mein Ziel neu, Hauptsache ankommen und Spaß haben, reicht doch auch. Entsprechend trainiere ich. Immer schön mit Samson, meinem Lieblingshund an der Seite. Samson bremst mich aus, zwingt mich zu Pausen, stiehlt mir den Rhythmus - und ich denke trotzdem nicht daran, ohne ihn zu laufen. Mir und meinem Hund eine Freude machen oder konzentriert einen Trainingsplan abarbeiten? Meine Priorität heißt eindeutig: Samson.

Und so vergehen die Wochen, die Distanzen werden größer, die Tempoläufe schneller, die Zeit bis zum Start immer kürzer. Vielleicht... mit ein bisschen Glück... Nein, nicht dran denken, sub2 spielt keine Rolle. Spielt es natürlich doch, das Ziel frisst sich wieder fest in meinem Kopf. Meine größte Sorge ist mittlerweile, dass mein Rücken nicht hält. Bei jedem Lauf über 15 km muss ich fürchten, dass es mir höllisch hinten reinfährt und ich erst mal ein bisschen Gymnastik machen muss, ehe es weitergeht. Aber immerhin: Der Moment des Schmerzes verlagert sich langsam nach hinten.

1. April, 7:12 Uhr: In drei Minuten klingelt der Wecker. Frau okta und ich sind schon am Samstag nach Freiburg gefahren und schlafen bei meinen Eltern. Ich stehe auf, Frau okta dreht sich nochmal um, Samson schlurft hinter mir her und guckt erwartungsvoll. Scheint so, als wolle er laufen. Mein fauler, laufunlustiger Hund will plötzlich freiwillig joggen gehen. Tja, heute muss ich ihn enttäuschen.

Zuerst gehe ich mit mir selbst Gassi, mein Darm rumort und er wird das auch weiterhin tun in den kommenden vier Stunden. Dann gehe ich mit Samson raus, spaziere beim Bäcker vorbei, bringe Brötchen mit. Gemütliches Frühstück, mich selbst Gassi führen, die Tasche packen, alles nochmal checken, Schuhe anziehen, Startnummer festpinnen, mich selbst Gassi führen, Gels einpacken, Sonnenbrille aufsetzen, mich von Samson verabschieden, mit Frau okta zum Auto gehen, umkehren, mich selbst Gassi führen, wieder zum Auto, losfahren, ankommen, einen Kilometer durch die Kälte zum Startgelände gehen. 10:20 Uhr noch eine Stunde.

Ich treffe mich mit einem Freund aus alten Tagen, wir wollen zusammen starten. Keine Ahnung, ob das funktioniert, wir sind nie zusammen gelaufen. Er will mit 05:45 starten, ich mit 05:40 und dann sehen, ob ich steigern kann.

11 Uhr, noch zehn Minuten. Ich gehe mich selbst Gassi führen.
11.09 Uhr: Wir traben zum Startblock, stellen uns ziemlich weit hinten an. Noch 45 Sekunden. Punktlandung.

11.10 Uhr: Start. Nach einer guten Minute überqueren wir die Startmatte, ich drücke den Garmin... mein Premierenlauf hat begonnen.

Den ersten Kilometer laufen wir in 05:38, so kann es weitergehen. Es ist ein buntes Treiben auf der Straße, wir überholen, wir werden überholt. Ich fühle mich gut, entspannt und fit. Und ich muss mich nicht mehr selbst Gassi führen. Großartig.

Verdammt! Nach nicht einmal vier Kilometern kommt das erste Hungergefühl. Ich bekomme es einfach nicht auf die Reihe, morgens nach dem Frühstück zu laufen. Entweder ich renne ganz früh los, auf nüchternen Magen, oder mittags, lange nach der letzten Mahlzeit, sodass der Magen wieder fast nüchtern ist. Diesmal liegen drei Stunden zwischen Frühstück und Start - und ich habe einen Hungerast. Verstohlen nestele ich an meinem Bauchgurt herum und tue so, als benötige ich Taschentücher. Und während ich ein beherztes Schneuzen antäusche, drücke ich mir blitzschnell ein Gel in den Rachen. Hoffentlich hat's keiner gesehen, das wäre mir sehr peinlich. Einen Kilometer später kommt die erste Verpflegungsstation, ich trinke - und ich greife mir zwei große Stücke eines Müsliriegels. Schnell runter damit. Wieder ein bisschen peinlich, aber wenigstens ist jetzt Ruhe. Der Hungerast ist weg - und er kommt auch nicht wieder.

Weg ist auch mein Kumpel. 20, 30 Meter vor mir trabt er zwischen den herrschaftlichen Villen umher. Langsam ziehe ich mich wieder ran, nach ein paar Minuten sind wir gleichauf. Dieses Spielchen sollte sich in regelmäßigen Abständen an allen Verpflegungsständen wiederholen. Selbst kurze Zwischenspurts vor dem Trinken nützen nichts.

Mittlerweile ist es wärmer geworden, 10, vielleicht 11 Grad, Sonnenschein, kein Wind, Zehntausende Zuschauer - es ist perfekt. Die Zehn-Kilometer-Marke passieren wir in 56:30, sub2 könnte klappen. Vor allem, wenn mein Plan aufgeht und ich in der zweiten Hälfte ein bisschen schneller bin.

Nach 14 Kilometern traben wir durchs Schwabentor in die Altstadt. Straßenbahnschienen und Kopfsteinpflaster tun weh, die jubelnden Zuschauer tun gut. Raus aus dem Schatten, links um die Kurve, der Jubel der Massen wird lauter, Musikbands beschallen die Altstadt, Gänsehaut überzieht meine Arme. Das Leben ist schön.

Und anstrengend. Das Kopfsteinpflaster geht ganz schön in die Beine. Nach einer kurzen Asphaltphase folgt gleich das nächste Stück auf dem unebenen Geläuf. Meine Schritte werden schwerer, diesmal dauert es gefühlte zehn Minuten, ehe ich meinen Freund nach der Verpflegung einhole. Der Atem geht schwerer und da vorn wartet auch noch eine Brücke. Ich stöhne auf - und gebe Gas. Überhole ein paar Läufer, mein Kumpel musste abreißen lassen. Macht aber nichts, ein paar Meter weiter warten wieder Getränkebecher auf mich. Ich greife zu - und mein Kumpel und ich sind prompt wieder vereint.

Noch drei Kilometer und wir haben noch 19 Minuten, um unter zwei Stunden zu bleiben. "Wir schaffen es", rufe ich meinem Freund zu. Dann erhöhe ich wieder ein bisschen das Tempo, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Kurz darauf bin ich allein unter Hunderten anderer - nach 18 gemeinsamen Kilometern kämpft jetzt jeder für sich. Zwei Kilometer vor dem Ziel wartet Frau okta auf mich, den Fotoapparat im Anschlag. Ich sehe sie von Weitem und winke wild, bis sie mich erkennt. Ich versuche zu lächeln, ein bisschen gelingt es sogar. Ein paar Meter weiter sitzt mein dreijähriges Patenkind am Straßenrand und hält nach mir Ausschau. Die Mama hat mich entdeckt, Leo nicht. Ich rufe, ich winke, ich laufe einen kleinen Schlenker auf ihn zu. In meinem Bauchgurt habe ich sogar ein Mini-Päckchen Gummibärchen, aber mir fehlt die Kraft, es rauszukramen. Leo sieht mich ohnehin nicht, selbst als ich direkt vor ihm bin und ihm über den Kopf streiche... er guckt aufgeregt in die andere Richtung und sucht mich vergebens. Später höre ich, dass er die ganze Zeit mitlaufen wollte. "Das kann ich auch", hat er immer wieder verkündet, und die Mama musste ihn festhalten, damit er nicht mitrennt. Süß.

Kilometer 18 schaffe ich in 05:17, den Vorletzten in 05:23 (das war der Leo-Kilometer) und den letzten wieder in 05:17. Auf den letzten 800 Metern wartet noch einmal eine Brücke. Sie ist nicht besonders hoch, die Steigung minimal, aber ich hasse sie. Danach geht es dann nochmal 200 Meter bergab ins Ziel, ich will sprinten, schaffe es aber nicht, auch nur ein bisschen schneller zu werden. Die Uhr im Zielbogen tickt unbarmherzig, bei 01:59:45 laufe ich durch. Ich bin so platt, dass ich sogar ein paar Sekunden lang vergesse, den Garmin zu drücken. Macht nix, in den Ergebnislisten steht die Netto-Zeit Schwarz auf Weiß: 01:58:19. Geschafft! Mein Freund kommt 19 Sekunden später ins Ziel, auch er ist glücklich, weil er überhaupt nicht damit gerechnet hat, unter zwei Stunden zu bleiben.

Ein paar Stunden später sind wir wieder zurück in Karlsruhe, Samson ist ein bisschen angepisst, dass er nicht mitlaufen durfte, aber er ist ein schlauer Hund und versteht sofort, als ich ihm sage, dass er so ganz ohne Baum und andere Hunde nicht zufrieden gewesen wäre. Ob ich ihn bei meinem nächsten Lauf mitnehme, will er wissen. Ich verspreche es, weise ihn aber auch darauf hin, dass das noch ein paar Tage dauern kann. "Ich muss mich ausruhen", sage ich. Er guckt kurz mürrisch, dann seufzt er und legt sich zufrieden hin. "Ich muss mich auch ausruhen", murmelt er und dämmert weg. Laufen ist schön. Schlafen - und vom Halbmarathon in Freiburg träumen - aber auch.

4.75
Gesamtwertung: 4.8 (8 Wertungen)

super Bericht. Und beim

super Bericht. Und beim Debüt gleich unter 2h - alle Achtung. Genieß es und schöne Regeneration mit Samson.


Komm Schweinehund - wir gehen laufen.

Herzlichen Glückwunsch

zum erreichten Ziel(Zeit) und zu Deinem sehr gelungen und packenden Bericht.

VG. aus der "Nachbarschaft"

Klasse!!!

Kein Wunder, dass Dich so früh das Hungergefühl beschlich. Wer so oft Gassi gehen muss...frag mal Deinen Hund;-) Bei mir ist es ähnlich, habe für den Notfall auch immer etwas in der Tasche, meist sogar ein Mini milky way. 1:58h und das nach Deiner Vorgeschichte, Hammer!!! Ganz fetten Glückwunsch, ein super Lauf und ein ganz toller Bericht!!!

Tame:-)
BORN - denn sie wissen nicht was sie tun!

Herzlichen

Herzlichen Glückwunsch!!

Dein Bericht ist echt super! Ach, ich wünschte ich wär mitgelaufen. Aber einen Halbmarathon schaffe ich leider noch lange nicht. Vielleicht schaff ich's ja nächstes Jahr. War aber total lustig deinen Beitrag zu lesen! Und echt super, dass du das trotz Trainingspausen so gut hinbekommen hast!

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