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Zum dritten Mal in Folge nahm ich am Sonntag am Trail du Petit Ballon in Rouffach teil.
Schön war, dass sich Jogmapper doz durch eine Anfrage per PN als Teilnehmer outete. So bot ich ihm die Mitnahme ab der Südpfalz an, was die Hin- und Rückfahrt kurzweilig machte.
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Der Trail in den Vogesen hat absolut nichts von seinem Reiz verloren, auch bei der wiederholten Teilnahme. Daran änderten auch die diesmal tief hängenden Wolken nichts, die zeitweise etwas Niesel auf uns niedergehen ließen. Von den 47 km und 1800 Höhenmeter hat er selbstverständlich auch nichts verloren.
Trotz der langen Wärmephase war etwas unterhalb des Gipfels noch ein breiter Streifen mit Schnee zu erkennen.

Nach den ersten Höhenmetern in den Weinbergen von Rouffach durften wir vor dem Einstieg in den ersten Trail etwas verschnaufen.
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Bald bemerkte ich, dass es bei mir gelinde gesagt etwas unrund lief. Die Beine wollten nicht richtig zu Potte kommen und der Kopf wollte die Beine nicht überreden, dass sie es es dennoch taten. Es schmerzte nichts, aber irgendwie war ich einfach unlustig, der Lauf war fast, wie eine Pflichterfüllung.
An den beiden lauffreien Tagen zuvor kann es nicht gelegen haben. Dass mit den drei Läufen zwischen Montag und Donnerstag insgesamt schon 64 km zusammengekommen waren, war eher unbeabsichtigt, besonders soweit es die 22 km des Donnerstags betrifft. Denn da hatte ich für mein Auto einen Werkstatttermin und musste beim Homerun einen Umweg wegen einer Brückenbaustelle in Kauf nehmen. Weil das Auto in der Werkstatt war, hatte ich am Freitag die Fahrradsaison für den Weg zur Arbeit eröffnet.
Beste Voraussetzungen, um einen kleinen Ultra mit dürftiger Vorbereitung zu laufen.

Dennoch war nicht alles doof. An der Landschaft konnte ich mich erfreuen, besonders als wir die höheren Regionen mit etwas Aussicht erreicht hatten. Auf zwei Abschnitten an der Nordseite des Bergs liefen wir auf vereistem Schnee und Matsch.
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Als ich die baumlose Kuppe des Petit Ballon bestieg, biss sich gerade die Sonne an einer dünneren Wolkenschicht die Zähne aus. Sie kam nicht durch, aber es wurde merklich heller. Dennoch rieselten ein paar Schneeflocken und wurden von dem zeitweise pfiffigen Wind weit über den Gipfel getragen bevor sie landeten und sogleich schmolzen. Die Szenerie war irgendwie unwirklich, aber schön.

Nach der Passage der Kuppe schienen die Läufer in ein Wolkenkissen zu fallen.
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Nur wenige Höhenmeter niedriger war die Sicht schon wieder erstaunlich gut, wenn auch der Blick bis zur Rheinebene oder gar dem Hochschwarzwald versagt blieb.
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Beim bergablauf über das Grasland kam die Lauffreude zurück. Ebenso auf den anschließenden Trails mit einigen felsigen Passagen.
Auf einem schmalen Serpentinen-Downhilltrail schob sich plötzlich ein großer, weißer, behaarter Kopf neben meinem rechten Knie ins Blickfeld. "Hey, wir wolln die Eisbär'n sehn", fiel mir dazu ein. Vermutlich wäre ich zu Tode erschrocken in die Hecken gesprungen, hätte ich vor dem Lauf nicht gesehen, wie der Trailhund aus einem Auto ausgeladen wurde. Die Lauflaune hielt sich auch über das Stück, auf dem man über das weiche Kissen abgeworfener Baumnadeln lief. So gut war es längst nicht durchgehend.

Immerhin an den Verpflegungsstellen konnte ich mich laben. Wenn ich auch dort lustlos gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht in ein einsames Vogesental zurückziehen sollen, wie ein alter Elefant, der sich zum Sterben von seiner Herde zurückzieht. Allerdings habe ich mir auch nicht so den Ranzen vollgeschlagen, dass ich die Laufunlust darauf schieben könnte.

Erst bei Kilometer 38,5 kehrte die Lauflust wirklich und endgültig zurück und es lief endlich einigermaßen fluffig. Ich war auf dem Panoramatrail angekommen, den ich schon bei meinen früheren Teilnahmen zu einem meiner Lieblingswege auserkoren habe. So muss es sein.
Wenn ich mich immer über einen knappen Marathon warmlaufen müsste, wäre ich schon reif für die ganz langen Strecken. Hätte ich dann die Härte, mich jedesmal durch diese Distanz zu kämpfen, bis es gut läuft? Das will ich gar nicht genau wissen.

Auf den letzten vier Kilometern wurde ich sogar noch etwas ambitioniert und begann die Zeit für die restliche Strecke hochzurechnen. Trotzdem nahm ich hin, dass auf der stärker abschüssigen Strecke durch die Weinberge noch fünf Läufer an mir vorbei zogen.
Am Ortsanfang von Rouffach wartete doz, der schon seine Finisherprämie, eine Fleeceweste, trug.
Der kleine Pulk, der mich zuvor überholt hatte, rannte auf den flachen Ortsstraßen in gleichem Abstand einige Meter vor mir her. Auf der Zielgeraden schoß mir durch den Kopf, dass ich die Fünferbande wieder einkassieren sollte und rannte los, als müsste ich die ganzen Körner, die ich zuvor durch das rumgeeiere eingespart hatte, auf einen Schlag verpulvern. Dass es so gut funktionierte, dort noch so Gas zu geben, hat mich selbst am Meisten überrascht. Die Zuschauer honorierten die Aktion. So hatte der ziemlich verkorkste Lauf doch noch ein versöhnliches Finale.

Nach dem Zieleinlauf traf ich noch Uusi. Er hatte vor längerer Zeit schon anklingen lassen, dass er in Rouffach laufen wollte, was ich allerdings absolut nicht mehr auf den Schirm hatte.

cherry65

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Du hast die...

Duschwertung vergessen: Was gibt es Schöneres als nach einem windigen und verregnetem Ultramarathon völlig ausgekühlt und durchgeweicht zum Duschen zu gehen und dort festzustellen, dass es nur kaltes Wasser gibt? Mir fallen da Millionen Dinge ein. Deshalb:

Aber das soll das Erlebnis Petit Ballon nicht schmälern. Ein sehr schöner und anspruchsvoller Lauf, auf den ich ohne Deine Berichte aus den Vorjahren vermutlich nie aufmerksam geworden wäre. Dafür sei Dir genauso gedankt, wie für Deine Chauffeurs- und Fremdenführer-Dienste, ohne die ich im Land mit der seltsamen Sprache wohl völlig aufgeschmissen gewesen wäre.

no battle - no victory!

Wo bei anderen der absolute Tiefpunkt

läuft es bei dir fluffig. Das ist doch mal ne Aussage :-)

Vielen Dank für den tollen Bericht und die schönen Fotos.

Und so ein Lauf darf bei deiner "dürftigen" Vorbereitung auch mal zu Anfang unrund laufen.

Ein dickes "gefällt mir"

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos
Bin nicht gestört und auch nicht schnell - nur verhaltensoriginell

:0) grins.......

....der Lauf fehlt mir auch noch auf meiner Liste...Aber leider kann man(n) nicht alles können...
Hach... wie ich Dich für Deine Läufe immer beneide(im guten Sinne) :0)

Kaw.

P.S. Hey doz! Was hast Du denn da für ein Laufshirt an ;0)!?
Komm, erzähl!!!!

Beim nächsten Mal

läufst du nach Rouffach! Dann biste wenigstens schon mal warmgelaufen!

Mach' dir keinen Kopp, denn mit der Geburt eurer Zwillinge hast du/habt ihr ja auch erst mal wieder zu einem neuen Rhythmus finden und euer Leben umkrempeln müssen. Das verlangt eine Menge Kraft ab! Dass das sogar einem ganz Großen so gehen kann, ist da fast schon wieder beruhigend!

:-)

@Kawitzi

"This is SPAAAAARDA!" Für das harte "T" sind wir aber noch 'ne Nummer zu weich ;o)
Nö, ganz unspektakulär: Das ist das Trikot von meinem Laufverein.

no battle - no victory!

Duschwertung ****gröhl***

O.k. doz, hiermit ernennen wir dich von nun an zum Duschwertungsbeauftragten der Herren!
;-))

Bäh

bei km 38,6 kommt endlich die Lauflust und die restlichen 4km läufst du ambitioniert, alles klar....

Du Tiefstapler! Super gemacht und ich bin am Sonntag beim NURHalbmarathon elend eingegangen, der war ohne Höhenmeter und auf die Lauflust warte ich heute noch und ambitioniert war höchstens mein Sprung hinter den Baum...

Grüße an die Familie!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Sehr schöner Bericht von einem sehr schönen Lauf

Mir fehlt der auch noch auf der Liste.
Kawi: vielleicht nächstes Jahr gemeinsam? Alternativ hatte ich an den Eco Trail de Paris gedacht ...
Was ich hier schon an Berichten von tollen Läufen gelesen habe ... Da reicht ein läuferleben gar nicht für aus.

04.03. Fuck den Kaiser Marathon
24.03. Venloop HM
13.-15.4 Harzen+Kyffen
22.04. Marathon Dt. Weinstraße

Understatement ist alles :-)

man kann sich schließlich nicht immer selber loben :-)
aber bei dir glaub ich nicht mal an "fishing for compliments" :-)

Trotzdem:
Schöner Lauf, schöne Bilder und das mit dem Braveheart in den Beinen (und wer weiß, wo sonst noch) ... deine Leistungen sind für mich unvorstellbar !!!

Ich MUSS da...

...auch mal hin, auf jeden Fall.
Kalte Duschen? dann eben Laufen ohne zu Schnaufen, also auch ohne zu schwitzen.
Unrund zu laufen ist besser als eckig.

Hach, eigentlich Schade, das

Hach, eigentlich Schade, das ich kein Kälteläufer bin. Was für eine Landschaft, was für ein Lauf...

Ihr zwei hattet einen grandiosen Tag, der alte Elefant wird wohl schon noch seine Stoßzähne auf verschiedenen Wettkampfstrecken abnutzen dürfen. Versprochen! Da wird sich in kein Vogesental zum verwesen zurückgezogen, klar? ;)

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danke...

...für den schönen bericht und gratulation zum tollen zieleinlauf :)

lg ls

"Wenn du eine Düne erklimmst, verschwende deine Energie nicht damit zu beschreiben, was auf der anderen Seite sein könnte, warte, bis du oben bist, um es zu entdecken." Maxime Chattam

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