Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Es waren einige Wochen vergangen, seit er Abschied genommen hatte von Passstraßen, Alpenpanoramen und hitzigen Bergduellen. Er war wieder zurück in der Welt von Steuerklärungen, Dienstanweisungen, unbezahlten Rechnungen und schmalen Zeitfenstern zum Sporttreiben.
Er bereute keinen Tag der Tour, auch wenn er sich rückblickend den einen oder anderen etwas anders hätte einteilen sollen.
Den Schwager würde er beizeiten wieder in die Schranken weisen, das war klar. So leicht sollte der sich nicht aus dem Wettkampf stehlen können.
Heiratsantrag….? Pah! Er meinte es anscheinend ernst, aber deshalb hätte er ihn doch nicht am entscheidenden Schlussanstieg machen müssen. Hätte er das nicht wie ein vernünftiger Ausdauerathlet im Zieleinlauf erledigen können? So wie jedes Jahr, wenn mal wieder ein Sportler in Berlin zigtausendfaches Fremdschämen erzeugt, weil er über die Außenmikrofone des Stadtmarathon seine atemlose Angebetete fragt, ob sie auch den Rest des Lebens gemeinsam mit ihm laufen will.
Nein, das hatte sich der Schwager erspart. Und eigentlich war das auch gut so. Trotzdem hätte der Kenianer gerne die Bergwertung sportlich entschieden, aber aufgehoben war ja nicht aufgeschoben!
Was war ihm geblieben von den fünf intensiven Tagen inmitten der hohen Berge? Wunderbare Erinnerungen, die ihm über die Ödnis mancher Arbeitstage halfen; nicht minder schöne Fotos, die digital abgespeichert auf seiner Festplatte der Öffnung harrten und gute Beine, die ihm die schweren Etappen für den Rest der Triathlonsaison bescherten. Endlich einmal konnte er an den Hügeln hiesiger Wettkampfstrecken mit den Carbonjüngern mithalten. Die vielen Kilometer im Sattel hatten seinen Beinen gutgetan. Er war endlich so schnell, wie er es sich nach dem Schwimmausstieg wünschte.
Und natürlich wollte er dieses seltene Glück so oft wie möglich auskosten, weshalb es für ihn auch nicht in Frage kam, die Teilnahme am Hennefer Triathlon in Frage zu stellen.
„Du willst doch da nicht wirklich starten? Hast du mal auf den Wetterbericht geachtet?“
Ja, das hatte er. Zugegebenermaßen waren Temperaturen über vierzig Grad bei ununterbrochener Sonneneinstrahlung nicht das, war er als ideales Wettkampfwetter bezeichnen würde, aber das hielt ihn nicht davon ab, das Rad am Sonntag in den Kofferraum zu packen.
Sie verbanden den Ausflug mit einem Besuch bei guten Freunden, die vor wenigen Jahren eine berufliche Weiterentwicklung mit dem Leben in der Kleinstadt erkauft hatten. Der Kenianer hatte sich große Mühe gegeben, den Familienkalender so lange zu manipulieren, bis es nur noch einen Termin für den lange geplanten Besuch gab. Nämlich den Tag des Triathlons.
„Wenn wir schon da sind, dann kann ich ja auch eben an der Kurzdistanz teilnehmen…!“, hatte er daraufhin verkündet.
„Dein Mann will doch nicht ernsthaft starten…?“, waren die ersten Worte, die er nach der Begrüßung an der Haustür vernahm. Frauen unter sich. Das Weib zuckte verzweifelt die Schultern, schnitt Grimassen und machte mit dem Scheibenwischer klar, was sie vom Geisteszustand ihres Gatten hielt. Während sich die Kinder schon im Planschbecken vergnügten traf ihn die gesammelte Wucht des Unverständnisses für sinnlose Sportexzesse. Lediglich der Herr des Hauses - seines Zeichen Marathonläufer (wenn auch langsamer als der Kenianer)- zeigte schweigend Billigung und schnappte sich die Kamera, um den Gast auf den verschiedenen Teilstücken des Wettkampfes abzulichten.
Sogar das Wasser war warm. Der kleine Allner Stausee hatte sich in den letzten Wochen innerhalb einer intensiven Hitzeperiode aufgewärmt. Das Neoprenschwimmen war vom Kampfgericht verboten worden. Das war nichts für die Bleienten. Ohne Auftrieb spendenden Anzug verzichteten viele auf einen Start im dunklen Freiwasser.
Der Kenianer tat es nicht und wälzte sich 1500 Metern durch den kleinen See. Die Veranstalter hatten sich alle Mühe gegeben, um die geforderte Distanz durch Wenden und Runden in dem Gewässer zusammenzubringen.
Er grinste seinem Freund zu („Klick, Klick“) "
und lief in der drückenden Hitze zur Wechselzone. Auf einem abgeernteten Feld warteten viele Räder, aber kein Schatten. Die vierzig Kilometer verteilten sich auf zwei Runden, an deren Anfang jeweils eine kräftige Steigung im Wald wartete.
Der Anstieg war natürlich nichts gegen den Jaufenpass und die Auffahrt zu dem Ort, dessen Name ihm nicht mehr einfallen wollte, aber im Wettkampf gefahren tat er trotzdem weh. Umso mehr, da sich direkt am Ende derselben der Wald lichtete und der Rest der Strecke in sengender Sonne gefahren wurde.
Beim zweiten Durchlauf rang er sich in einer Serpentine ein Lächeln ab („Klick, Klick“) "

. Schwache Aufmunterungsversuche verdampften auf dem Asphalt. Es war kein Kampf gegen Gegner mehr. Vernunft, ein seltener Begleiter seiner Wettkämpfe ließ ihn Positionskämpfe vergessen. Wenn die Celsiusgrade das Lebensalter übersteigen, dann sollte man in seine Altersklasse nicht mehr brutal kämpfen. Der Versuchung des Windschattenfahrens widerstand er schnell, weil er merkte das ihm dadurch der letzte Rest von Luftzug entzogen wurde. Das brachte zumindest den Vorteil, dass er nicht mehr angestrengt nach den verräterischen Motorgeräuschen der Kampfrichter lauschen musste. Völlig regelkonform fuhr er durch ein schönes Tal über die leicht abschüssige Landstraße der Wechselzone entgegen. Der schwerste Teil des Tages wartete noch auf ihn. An einem Tag, den gescheitere Menschen im abgedunkelten Wohnzimmer verbrachten, musste er noch zehn Kilometer durch die Sonne laufen.
Er passierte gnädige Feuerwehrleute, die für wenige Meter die Wettkampfstrecke mit Wasser berieselten („Klick, Klick“). " Immer wieder begleitet von seinem Freund, der sich mit Kameratasche und Mountainbike zwischen das dünne Läuferfeld mischte.
Spaß hatten vor allem die Kinder. Endlich einmal durften sie wildfremde Menschen mit überdimensionierten Wasserkanonen nassspritzen. Die meisten dankten es ihnen und die anderen waren zu schwach, um sich über den unerwünschten Schuss aus der Kanone zu beklagen. Während die Frauen sich schattige Plätzchen suchten sprang Sohnemann mit seinen Freunden von einem Teilnehmer zum anderen.
Der Kenianer bewegte sich in einem Tempo, welches nur schwerlich noch als „Laufen“ durchging. Wettkampf war es schon lange nicht mehr. Trotzdem klärte er seinen Freund darüber auf, dass es bei Androhung von Disqualifikation verboten sei, Teilnehmer auf dem Fahrrad zu begleiten. Das war in seinem Fall zwar herzlichst egal, zockelte er doch fern von Gut und Böse durchs Gelände, aber der Begleiter gab der Spießerseele des Kenianers Ruh´ und ließ ihn alleine.
Über dem Kornfeld stand die Luft. Kein Teilnehmer war mehr vor ihm zu sehen. Seine Sohlen schienen am Asphalt des Feldweges zu kleben und mühsam schnappte er nach heißer Luft. Während er in Zeitlupe unterwegs war, verlangsamte sich auch seine Wahrnehmung. Für Momente schien die Uhr stehenzubleiben. Irgendjemand hatte die große Pausentaste gedrückt. Es war apokalyptisch still und heiß um ihn herum. Er aber lief. Gerade so langsam, wie es ihm sein überhitzter Motor erlaubte.
Das war weder vernünftig oder gesund und auch nicht wirklich lustig, aber es war alles, was er in diesem Moment machen wollte. So schwer, wie ihm die Schritte an diesem Tag fielen, so simpel war die Aufgabe. Anstrengend, aber unkomplizierter als eine Eigenheimfinanzierung. Atemberaubend, aber nicht so bedrückend wie die Sorge um den Arbeitsplatz. Bedrohlich, aber nichts gegen ein erschreckendes Gespräch mit dem Hausarzt.
Er brauchte nur sein Tempo der Summe der restlichen Kilometer anpassen. Wenn doch bloß alles im Leben so einfach wäre wie Triathlon!
Und so kam es, dass er wenige Kilometer vor dem Ende des Wettkampfs am Ziel war.

4.88889
Gesamtwertung: 4.9 (9 Wertungen)

Kenianer,

das hast du schön geschrieben! Philosophie am Abend. Funktioniert mit Laufen alleine übrigens auch.
Aber trotzdem bin ich schon gespannt auf meine erste Volksdistanz. Und dass ich mich daran versuche, daran bist du nicht ganz unschuldig...

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Hab mit Begeisterung...

... in den letzten Wochen dein "Barfuß auf dem Dixi-Klo" verschlungen, und in jedem Kapital ein "Runners High" gehabt.
Wahrscheinlich bin ich deshalb mit hohen Erwartungen an deinen Beitrag von heute herangegangen. Vielleicht kommt der heiße Beitrag auch nur zur falschen Jahreszeit.
Deshalb bekommt er nur eine 4.
Gruß nach 40489 aus 40625.

Krowil

Curro ergo sum

Denmächst:
29.4.2012 Staffelmarathon Düsseldorf
6.6.2012 Bonner Nachtlauf
30.6.2012 Himmelgeister Halbmarathon

Das Lesen war mir wieder eine außerordentliche Freude! :-)

Entgegen der Meinung eines Vorredners finde ich gerade jetzt eine Erinnerung daran, dass Hitze viel schlimmer ist, als ein paar Minusgrade, sehr angemessen.

Möge es noch lange kalt bleiben! ;-)

???

Deine schöne Geschichte lässt Vorfreude auf die baldige Saison aufkommen und ich hoffe, dass ich alle Wettkämpfe im Ziel beende.

Jo, ich freu mich auch schon -

zwar mit Bauchgrummeln ob der "langen" Distanzen (bin ja schließlich bekennender Volkstriathlet), aber überwiegend freue ich mich auf neue Wettkämpfe mit netten Leuten.

Hoffentlich wird die Saison nicht so verregnet wie die letzte - und nicht so heiß wie die beschriebene!

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