Benutzerbild von Wüstenwolf

Wie gestern versprochen gibt es nun einen längeren Wettkampfbericht über die 100kmdelsahara

Der Veranstalter hatte in diesem Jahr die Strecke komplett geändert. Nach zehn Jahren auf dem alten Weg wollte er die Etappen etwas sandiger als bisher machen. Bislang lief man überwiegend über Piste, Geröll und Schotter, „nur“ die zweite Hälfte der letzten Etappe gingen in die Dünen. Ab diesem Jahr sind in jeder Etappe Dünen-Passagen. Leider hat die Wüste ihre eigenen Gesetze und ein heftiger Sandsturm eine Woche vor Start sorgte dafür, dass die normalerweise leicht zu laufenden Teilstücke mit Sandverwehungen bedeckt waren. Mehr als 80 Prozent des Weges liefen deshalb über hügeligen Sand, mit der Konsistenz von Puderzucker und das war entsprechend anstrengend.
Genug der Vorrede nun zum Rennen…

Die erste Etappe (rund 22 Kilometer) startete in der Oase Douz und machte der Sahara gleich alle Ehre. Die ersten 7 Kilometer waren Dünen vom feinsten. Nicht allzu hoch, dafür mit weichem Sand und ziemlich viele. Jörg Balle aus Berlin (dreimaliger Gewinner der 100kmdelsahara und natürlich wieder Favorit) übernahm sofort die Führung. Ich versuchte mich unter der ersten fünf einzureihen. Das klappte die ersten ein, zwei Kilometer auch relativ gut, obwohl ich gar nicht richtig in Tritt kam. Kein Rhythmus und einfach kein Gefühl für die Dünen. Meine ausgestanden geglaubte Erkältung machte sich schlagartig wieder bemerkbar. Der Rotz lief, der Hals war trocken und ich hatte Beine wie Blei. „Schöne Scheiße! Das kann ja heiter werden“, schoss es mir durch den Kopf. Ich kämpfte mich bis zur Verpflegungsstation bei Kilometer 8 durch und konnte ein Stück mit meinem Zeltkollegen Udo zusammen laufen. Die Strecke wurde flacher und ich kam allmählich in Tritt. Ein paar Kilometer ging das auch ganz gut. Doch nach hinten raus (schätze die letzten drei, vier Kilometer) fehlte mir die Kraft. Ein paar Läufer musste ich noch passieren lassen. Insgesamt kam ich als 11ter ins Etappenziel, aber war mächtig platt und machte mir ernsthaft Sorgen für den weiteren Verlauf des Rennens. Das Camp war wie gewohnt prima organisiert. Die Beduinenzelte standen, die Dusche aus Wassertanks war aufgebaut und der italienische Koch waltete seines Amtes. Ich gestehe, dass ich mich nach dem Mittagessen ziemlich schlecht fühlte und hoffte, dass die Auswirkungen der Erkältung jeden Tag schwächer werden würden.

Als zweite Etappe wartete der Marathon. Wir starteten in drei Gruppen in umgekehrter Reihenfolge der Zielankunft vom Vortag. 42,2 Kilometer durch Wüstensand sind kein Spaß, das war uns allen klar. Zumal sich die Temperatur bei rund 30 Grad einpendelte. Trotzdem starteten gerade die Italiener als wären wir bei einem Stadtmarathon bei angenehmen Frühjahrstemperaturen. Ich lief bewusst verhalten an, zum einen, weil ich mir Sorgen wegen der Erkältung machte, zum anderen, weil ich vom letzten Jahr wusste, dass es in der Wüste noch wichtiger ist, sich die Kräfte einzuteilen. Die Entscheidung war – Gott sei Dank – goldrichtig. Die Krankheit zeigte sich kaum. Dafür zeigten sich vier Italiener bei Kilometer 24. Zweit standen am Checkpoint und waren platt, einer kam mir entgegen und den vierten konnte ich wenige Kilometer nach dem Checkpoint stellen. Das gab Motivation für die letzten 18 Kilometer. Zusätzlich liefen wir auf die vor uns gestarteten Gruppen auf, so dass wir ständig überholen konnten. Rund drei Kilometer vor dem Etappenziel begann die Dünenpassage. Das tat weh!!!!! Aber das Camp war nicht zu sehen. Ich betete inständig, dass das Lager in einer Senke sei, weil ich mir kaum vorstellen konnte, noch großartig weiter laufen zu können. Glück gehabt! Genauso war es. Ergebnis der zweiten Etappe: Jörg hatte wieder gewonnen, der zweitbeste Deutsche war auf Rang 3, ich kam mit dem siebten Platz ins Ziel und fühlte mich deutlich besser als am Vortag. Im Gesamtklassement verbesserte ich mich auch auf den 7. Rang. Abstand nach vorn 15 Minuten (da war wohl kaum was zu holen), Vorsprung nach hinten 5 Minuten (das konnte bei zwei ausstehenden Etappen noch eng werden). Sieger des Marathons war, wie hätte es anders sein können: Jörg.

Die dritte Etappe sollte mit rund 18 Kilometern relativ kurz werden. Angekündigt waren ein Trailstück und Dünen zum Ende hin. Natürlich war der Trail wieder zugeweht… Als Taktik für den Lauf wollte ich am Gegner hinter mir dran bleiben, damit er keine Zeit gut machen konnte. Nach dem Start liefen wir auch tatsächlich ein recht langes Stück zusammen. Doch er machte keine Anstalten, davon zu laufen, also übernahm ich die Initiative und gab das Tempo vor. Ich glaubte, gut von ihm weggekommen zu sein und hatte das Gefühl mit Siebenmeilenstiefeln über den Sand zu fliegen. Ehrlich, das machte richtig Spaß. Umso mehr da auf einmal vor mir der Typ auftauchte, der eine Viertelstunde Vorsprung vor mir hatte. Er humpelte nur noch und ich konnte ihn locker überholen. Das Hochgefühl stieg noch einmal als ich vor mir in gut zwei Kilometer Entfernung der Zielbogen auftauchen sah, „Geil, nur noch die paar Dünen und du bist da“, dachte ich „und hast sogar Zeit gut gemacht. Jetzt nur noch locker auslaufen.“ Dieses Gefühl war jedoch nur von kurzer Dauer. Denn plötzlich tauchte der Typ, der hinter mir lag, neben mir auf und gab mächtig Gas. Wir hetzten Düne rauf und Düne runter, schenkten uns nichts und liefen kurz vor dem Ziel noch einmal in den roten Bereich. Rund dreihundert Meter vor dem Ende konnte er sich absetzen und mir 14 Sekunden abnehmen. Das hatte ich mir anders vorgestellt… Trotzdem blieb ich in der Gesamtwertung auf Platz 7. Ach ja, gewonnen hat diese Etappe natürlich Jörg.

Die vierte Etappe und der letzte Tag. Zum Schluss standen uns rund 23 Kilometer bevor. 18 Kilometer Trail und 5 Kilometer Dünen. Mein Ziel war Halten des 7. Platzes. Ich wollte deshalb einfach nur an meinem Gegner dran bleiben, nach vorne war aus meiner Sicht eh nichts mehr zu wollen. Der Trail war diesmal nicht zugeweht, dafür hatten wir einen überaus heftigen Gegenwind: Klasse, auch nicht besser… Nach dem Startschuss bildeten sich gleich drei Zweiergruppen: vorne Jörg mit einem Italiener, dann Thomas (im Gesamtrang auf Platz 4) und ein Däne, dann mein Gegner mit mir im Schlepptau. Leider erkannte er sehr schnell, dass ich an ihm dran war und ahnte, was ich vorhatte. Er erhöhte deshalb das Tempo und lief auf die vor uns laufende Gruppe auf. „Thomas läuft den Marathon in 2:50 h. Das sind zehn Minuten schneller als du und damit mindestens eine Liga. Wenn du versuchst, da dran zu bleiben, bist du spätestens nach fünfzehn Kilometern tot“, dachte ich und ließ meinen Gegner ziehen. Ich hoffte, dass er sich übernehmen würde, abreißen lassen müsste und dann von mir wieder eingesammelt werden könnte. So war es auch bei der zweiten Etappe, dem Marathon, gelaufen. Mit ein paar anderen Läufern hintern dran kämpfte ich also gegen den Wind und mit mir. Mein Gegner verschwand inzwischen am Horizont. Platz 7 schrieb ich ab und freundete mich mit Platz 8 an (immerhin unter den ersten zehn, damit hätte ich auch gut leben können).
Kurz vor dem Beginn der Dünen, sah ich auf einmal einen einzelnen Läufer vor mir. „Das wird doch nicht mein Gegner sein? Hey, der kommt mir entgegen…“ Was war passiert? Mein Gegner konnte tatsächlich nicht mehr den anderen folgen, musste sie ziehen lassen und war dann – ich kann es immer noch nicht glauben – an einer Weggabelung gerade aus gelaufen, anstatt der Markierung nach links zu folgen. Genau an dieser Wegegabelung war ich nun, bog vor ihm ein und hatte ihn wieder hinter mir. Durch die Dünen ließ ich ihm keine Chance, wieder an mir vorbeizukommen. Obwohl mich noch drei Läufer kurz vor dem Ziel überholten, konnte ich ihn auf Distanz halten. Platz sieben war gesichert. Ich gestehe, dass ich selten so froh war, ein Ziel zu erreichen. Scheiße, haben die letzten drei Kilometer wehgetan… Der Läufer, der vor dem Start noch zehn Minuten vor mir gelegen hatten, kam – womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte – wegen einer Verletzung weit, weit nach mir ins Ziel. Am Ende stand also völlig überraschend der 6. Gesamtplatz. Dass Jörg auch die letzte Etappe und damit bereits zum vierten Mal das Rennen gewonnen hat, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.

Resümee: Ein hartes, aber tolles Etappenrennen. Der Veranstalter versteht es, einen Wettkampf in der Wüste auf die Reihe zu bringen. Eine tolle Herausforderung, die ich nur empfehlen kann. Was mir besonders gut gefällt ist, dass – anders als beim Marathon des Sables genug Wasser zur Verfügung steht, hervorragend gekocht wird und man nicht sein Gepäck mit sich rumschleppen muss. Das ist halt eine ganz andere Art von Wettkampf.
Übrigens wer Fotos sehen will, findet sie hier: http://www.100kmdelsahara.com/galleria.php

Jetzt bin ich mal gespannt, wie schnell sich die Füße von den Blasen erholt haben und wann die Muskulatur wieder locker ist. Als nächstes steht der Wien-Marathon am 19. April auf dem Programm.

2.5
Gesamtwertung: 2.5 (2 Wertungen)

SUPER

Herzlichen Glückwunsch. SUPER Leistung. Dein Bericht macht (fast) Lust auf mitlaufen.

BORN - sind sie zu stark, bist du zu schwach!

Nochmal Boah...

Die Fotos zusammen mit deinem Bericht sind der Hammer. Unglaublich, was ihr da geleistet habt!

cc

Gruppenduell BORN vs. Ruhr
Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

Schönes Wetter dort...

Na du bist ja echt ein Wahnsinniger!!!!!

Mit deinen Bericht hast du hier sicher einigen einen (Sand-)Floh in´s Gehirn gepustet. Einmal an soetwas teilzunehmen ist grosses Kino, ich wäre ein prima Zuschauer!

Das Wetter und die Gestalten von Bild 48 bzw. 156 lassen zwar Gedanken an eine erfolgreiche Teilnahme aufkommen, aber die km-Angaben in der Kürze über solch Geläuf schrecken zumindest mich definitiv ab.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zu dieser Leistung!!!!!!! und DANKE für deinen Bericht!

P.S.: Sahen alle Verpflegungsstellen wie im Bild 19 aus?

nee, Gott sei Dank nicht...

Bild 19 entstand, glaube ich, beim Briefing in der Stadt Matmata.
An den Verpfelgungsstationen gabs Wasser, Tee und Iso als Getränke. Dazu noch Orangen und frische Datteln.
Der Veranstalter hatte das wirklich gut im Griff!
Muss man lobend erwähnen!

Mein Kompliment...

...für diese unglaubliche Leistung. Ich glaube, mir wäre sogar das Zuschauen zu viel. Mann, Mann, Mann!

Voller Ehrfurcht
Haderlomp
Image Hosted by ImageShack.us

Genial!

Beim Lesen des Berichtes bekomme ich auch unbändige Lust, das mitzumachen.
Glückwunsch zum Durchstehen und dann auch noch mit solch grandiosem Resultat!
You´ll never ichauch alone

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos

Ich hab auf der Website der

Ich hab auf der Website der Veranstaltung Tag für Tag deine Zeiten verfolgt und hab zuerst die Liste von unten abgesucht bis ich feststellen musste, dass du unter den Top10 unterwegs bist.

Unglaublich! Da ich dein Trainingspensum und -umfang in der Buddyliste verfolgen konnte, weiß ich (grob), was es dich gekostet hat und dann auf den letzten Metern noch die Erkältung zu meistern, die klimatische Umstellung, die dürftigen, örtlichen Bedingungen ... einfach sagenhaft. Einsame Spitzenklasse!

Lob, Anerkennung und Respekt!

... und dann will er nächsten Monat schon zum nächsten Marathon aufbrechen ... sprachlos ...

Grüße

Daniel

klasse !!

habe schon die ganze Zeit auf den Bericht gewartet. Einfach nur unglaublich !!! Eine super Leistung !

Lg Ijog

bin beeindruckt...

.. und sprachlos.
Die Bilder!
Muss Wahnsinn sein, sowas zu schaffen!
Danke, dass Du uns daran ein bisschen teilhaben lässt.

Mensch! :)

Allerherzlichsten Glueckwunsch zu dieser grossartigen Leistung und dem 6. Platz. Was fuer ein tolles Ergebnis!!! :) :) :) Spitzenmaessig! Absolut Klasse!!

--
Wir sind BORN. Verstand ist zwecklos.
RW Trainingstagebuch

Oh...!Ja..! die Wüstensehnsucht!

Abgesehen von Deiner Leistung, der Platzierung, Reportage und die tollen Bilder, finde ich Deine Tortur sensationell... Es kann nur mental motivieren..

Die Wüste, ob im Innern einer Seele oder in der äußeren Realität, ist ein unvergleichlich kreativer Raum, ein Raum für existenzielle Erfahrungen. Ein Ort grandioser Schönheit und ängstigender Ödnis. Ein Raum, der alle, die einmal dort waren, nicht loslässt. Vielleicht weckt dieses Extra von Wüstenwolf auch bei anderen die das besondere suchen, die "Wüstensehnsucht".

Bei mir auf jedenfall! ;0)
Danke WW, für diese anspruchsvolle spannende Unterhaltung!
Respektvolle Grüße, Kawitzi :0)

Und bei KM 35 sprach eine Stimme:
Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen.
Und ich lächelte und war froh - und es kam schlimmer!

Respekt!

Ich habe mir mal die Fotos reingezogen und muss sagen, es ist schon Wahnsinn, was da geleistet wird. Glückwunsch zu dieser Leistung und natürlich auch zu Deinem 6. Platz.
Was ich auf diesem Event aber auf keinem Fall erwartet habe, sind: Walker. Man rechnet bei einem solchen anspruchsvollen Laufereignis mit athletischen Läufern und halt einfach nicht mit Stöckchen schwingenden Pummelchen. ;-)

erhol Dich gut

raspberry---o00o---°(_)°---o00o---

Alter schützt nicht vor Torheit, aber Dummheit todsicher vor Intelligenz.

jaja die Walker

Gott sei Dank waren es nicht so viele (glaube 10 bis 15). Und sie gehören ja auch dazu, denn sie sind Teil der 100kmdelsahara-Gemeinde.
Aber blöd war es manchmal schon, denn die Mädels und Jungs sind aus Zeitgründen stets vor uns gestartet. Nach einer drei Viertel Stunde läuft man auf sie auf und was ist? Ja, genau wie im Park zu Hause: drei Stück nebeneinander und du musst außen rum laufen... (von den Kamelen dabei, ganz zu schweigen...)
ganz toll, vor allem wenn außen rum noch weicherer Sand ist als auf der Spur.
Aber ich will nicht meckern, denn sie haben und ganz toll angefeuert!

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links