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Eigentlich war ich neulich auf der Suche nach Laufveranstaltungen im Bodenseeraum, da ich im Juni dort vier Wochen zubringen darf. Fündig wurde ich aber in Rouffach im Oberelsass. Dort fanden an diesem Wochenende der Circuit des Grands Crus (grand cru = edler Wein laut www.leo.org) mit 22,5 km und 700 Höhenmeter verteilt auf mehrere Steigungen und der Trail du Petit Ballon mit 45 km und 1800 Höhenmeter statt (www.rouffach-athletisme.com). Ich entschied mich für den Circuit, also ging es am Morgen zeitig los, um die 170 km Anfahrtsweg und die Formalitäten ohne Hektik zu bestreiten. In der Goodie-Bag war eine Flasche Sekt und ein halbes Pfund elsässische Pasta.

Der Start- und Zielbereich war für eine Dorfveranstaltung mit Fahnen, Banner und Läufertor recht aufwendig aufgemacht. Das lag wohl daran, dass der Trail der Auftaktlauf zur Salomon Endurance Challenge National Trail war. Die Trailläufer wurden um 9 Uhr auf die Piste geschickt, für den Circuit war der Start eine halbe Stunde später.

Erst ging es ein paar Straßen durch den Ort und dann durch die Weinberge, also gleich mal bergauf. Halbwegs um einen Berg herum, gewannen wir ständig an Höhe. Kurz vor dem Örtchen Westhalden hatten wir wieder ein paar Höhenmeter abzugeben. Schon da fiel mir auf, was sich noch mehrmals wiederholen sollte: Bergab überholten mich immer einige Läufer, die mit riesigen Schritten und teilweise unkontrolliert runterrannten. Bergauf konnte ich meist wieder etwas Land gut machen. Die zuvor verlorenen Höhenmeter und noch viel mehr waren gleich am Rande des Ortes wieder gut zu machen, da ging es wirklich steil (nicht nur für mich Flachländer) den Berg hoch. Schon bald stellte sich heraus, dass auch der Circuit über weite Strecken als Trail-Lauf durchginge, denn oft liefen wir auf schmalen Pfaden. Auf dem Berg ging es über Brachland, dort hat sich eine Familie sich mit zwei Eseln zum Picknick niedergelassen, dann durch eine Senke, der ein langer Anstieg folgte, in den Wald. Dort hatten wir den Petit Ballon vor Augen, über dessen schneebedeckten Gipfel die Trailrunner laufen mussten. Das wäre auch eine Herausforderung, ging mir durch den Kopf, aber die erfordert sicherlich etwas mehr Vorbereitung. Mit meinen schmalen Französischkenntnissen verstand ich immerhin, das ein Frau, auf deren Höhe ich lief, von einem der wenigen Zuschauer zugerufen bekam, sie sei die zwölfte Frau (douzième feminine).

An den Verpflegungsstellen gab es nicht nur Wasser und Tee, auch frisches Obst, Trockenfrüchte, Schokolade, Kekse und vieles andere. Ich konnte gar nicht alles Erfassen, was da auf den unzähligen Tellern bereit stand, geschweige denn, dass ich es während des Laufs über diese Distanz in mich rein stopfen möchte. Auffällig war, dass relativ viele Läufer Trink- und Vesperrucksäcke mitschleppten. Die muss es bei Decathlon und Salomon im Sonderangebot gegeben haben. Vor Osenbach ging es bergab und ich fragte mich, warum dort zwei Mountainbiker auf der Laufstrecke entlang fahren mussten. Ich kam zu dem Schluss, dass sie den letzten Trail-Läufer als Schlussfahrzeuge eskortierten. In Osenbach zweigten die Trailläufer zu ihrer Schleife über den Petit Ballon ab und für den Circuit ging es wieder steil Bergauf. Nach dem Anstieg war der Pfad das, was man im Himalaya „Nepali flat“ nennt, nämlich „a little bit up, a little bit down“. Bei der letzten Getränkestation waren bei den Helfern sogar zwei Mönche dabei. Da wir nun wieder auf Rouffach zu liefen, ging ich davon aus, dass es nun bergab gehen müsste. Doch das was in der Streckenskizze als Serpentine erkennbar war, entpuppte sich als Steigung! Die Überraschung war groß, aber wirklich erschüttert hat es mich nicht. Wenn die alte Dampflokomotive erst mal auf Touren ist, wirft sie so schnell nichts aus der Bahn. Nach der Serpentine ging es wieder „Nepali flat“ weiter, und an einer Seite des Pfades fiel das Gelände schroff ab. Ein Stolpern wäre fatal gewesen. Hier muss ich wieder den Veranstaltern ein dickes Lob zollen, denn auf der ganzen Strecke waren nicht nur Pfeile auf den Weg gesprüht, sondern die haben fast sämtliche hervorstehenden Wurzeln, Felsen oder sonstige Hindernisse in signalorange angesprüht. Wir waren etwa auf halber Höhe des östlichen Randes der Vogesen und trotz mäßiger Fernsicht waren einige Berge des Hochschwarzwaldes zu sehen.

Eine ganze Weile später ging es dann doch bergab, wir kamen wieder zu der Pampa und durch die schon bekannte Senke, wo wir an einer Stelle den Hinweg tangierten. In den Weinbergen ging es oberhalb von Rouffach fast am ganzen Ort vorbei, dann die letzte Gefällstrecke und der letzte Kilometer auf flachen Straßen durch das Dorf. Im Ziel war der Verpflegungsstand noch reichlicher gedeckt, als Unterwegs, dort musste ich gleich wieder einen Teil der Kalorien bunkern, die ich unterwegs auf den Pfaden verloren habe.

Mit meiner Zeit von 2:11 und dem 175. Platz von 657 Finishern bin ich vollauf zufrieden. Der super organisierte Lauf hat eine Menge Spaß gemacht. Und wenn ich mal über die Marathondistanz hinausgehen will, komme ich bestimmt für den Trail du Petit Ballon wieder.

Auf dem Heimweg gab's für mich und mein Gefolge noch etwas Kultur. Wir besichtigten die Hohkönigsburg, eine mittelalterliche Burg, die Kaiser Wilhelm II Anfang des 20. Jahrhunderts wieder aufbauen ließ.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

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Glückwunsch

...zur erbrachten Leistung in diesem Wettkampf - vorderes Drittel kann sich echt sehen lassen - und danke für den aufregenden Bericht.

Scheint ja ein Lauf nach meinen Geschmack gewesen zu sein, nur vor dem Bergablaufen hätte es mich etwas gegraust.

Wer ans Ziel getragen wurde; darf nicht glauben; es erreicht zu haben.

Marie von Ebner-Eschenbach

Nepali flat...

...ist ein schöner Begriff, den kannte ich noch nicht.

Glückwunsch zu dem tollen Lauf - da hast Du ja eine Perle aufgetan. Super Tip jedenfalls - bei dem kleinen davon kann man ja wirklich mal einfach so mitmachen.

Einen Tip zum Bergablaufen kann ich nicht wirklich beisteuern - ich "lasse einfach laufen" und bin damit recht schnell und kontrolliert. Aber hab' keine Ahnung, wie man das lernt...

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Wir sind BORN. Verstand ist zwecklos. Sie werden bekloppt.

Der Gruppenwettstreit: RUHR vs. BORN

Glückwunsch!!!

Wow, das klingt echt super! Und eine grandiose Platzierung dazu!
Bergab laufen... Das habe ich gestern auch geübt - hab's "rollen lassen". Ging ganz gut.

Gruppenduell BORN vs. Ruhr
Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

den Lauf werde ich mir

den Lauf werde ich mir merken, ist ganz nach meinem Geschmack. Nur, beim Lesen der Ausschreibung hätte ich meine Schwierigkeiten, mein Französisch ist katastrophal...
Gratulation zu Deiner Zeit, super, bei der Strecke.
Astrid

Schöne Gegend!

War dort vor Jahren, als ich noch nicht auf die Idee gekommen wäre, sowas auch zu laufen, dort mal wandern.
Wie Rü hab ich mich auch über den Begriff "nepali flat" amüsiert, kannte ich auch noch nicht.
Und Bergablaufen muss ich auch noch üben, musste ich schon in Arrrrolsen feststellen.
Danke für den anschaulich-schönen Bericht und Gratulisation zur klasse-Zeit.
Gruß, Marco.
You´ll never circuit alone

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos

@ rue59

Ich kann auch nur ein paar Worte französisch, obwohl ich nur 15 km von der Grenze weg wohne.
Vor dem Lauf war ein deutschsprachiger Anmeldebogen auf der Homepage zum Runterladen mit dem in Frankreich üblichen Hinweis, dass eine ärztliche Bescheinigung erforderlich ist, aus der hervorgeht, dass keine kontraindikation zur Ausübung von Leichtathletik bzw. Laufen besteht.
Im Elsass sprechen fast alle zumindest ein wenig deutsch.

Obwohl Rouffach von Freiburg/Breisgau nur ein Steinwurf entfernt ist, haben beim Circuit nur vier Deutsche teilgenommen, beim Trail habe ich meine Landsleute nicht durchgezählt. Ein paar Schweizer und Belgier sind noch in der Ergebnisliste.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

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