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Die Woche vor dem Bienwald Marathon verfolge ich den Wetterbericht. Mein Schaudern und Frösteln nimmt bei den schlechten Prognosen täglich zu. Die Schlechtwettervorhersagen fördern meine Bereitschaft den Lauf von meiner Liste zu streichen. In mir festigt sich die Gewissheit, ich steige auf den HM um.
Der Samstag ist Wettererträglich, Regen wird für Sonntag erst gegen Mittag angesagt. Na, wenn das keine besseren Voraussetzungen sind.
Da mache ich mir eine Woche lang wegen dem Wetter Gedanken und dann wird das gar nicht so schlecht wie vorhergesagt, ich hätte mir die Energie für Negativ-Gedanken sparen können.
Wir sind schon einige Zeit vor dem Start vor Ort, ich kann das nicht ertragen gehetzt anzukommen. Mit jedem Lebensjahr steigt das Bedürfnis den Trubel vor dem Start mit zu erleben. Ich bin eine von den Langsamen und am Ziel ist der Trubel wenn ich ankomme meistens schon am abflachen.
Alles wirkt wohl organisiert. Die Nachmeldeschalter haben anscheinend viel zu tun. Läufertrauben sind um die Tische dort versammelt. An der anderen Seite der Halle wird Kuchen in Hülle und Fülle angeliefert, schade, dass das wohlige Seufzen vieler Läufermägen in Erwartung der Genüsse nicht zu hören ist. Kandel befindet sich an diesem Wochenende nicht nur im Lauf- sondern auch im Backrausch. Wer gestern durch Kandel fuhr, muss berauscht gewesen sein von all den Backdüften.
Der Start nähert sich, die Wärmesachen können am Start abgelegt werden. Der Platz zum Abholen der Sachen ist im Zielbereich markiert. Danke, Ihr Organisatoren, das war eine Läuferfreundliche Idee.
Start!. Durch ruhige Ortsstraßen, wenige, ob des Wetters wagemutige Einwohner stehen am Wegrand. Ob das Klatschen dem Händewärmen dient und den Nebeneffekt "Anfeuern" hat, ist nicht gewiss. Ich gehe davon aus, dass das Klatschen uns gilt. Letztendlich zählt das Ergebnis.
Bevor die Waldstrecke erreicht wird, laufen wir entlang eines kleinen Baches und grau-braunen Feldern. Wiesenflächen sind von silbrig schimmernden Wasserflächen bedeckt. Ich finde diesen Anblick schön, den Landwirten mag es weniger gefallen. Dann die lang gezogenen, vom Wald gesäumten Asphaltstrecken. Bis zur Wendemarke des Halbmarathon ist die Straße hier Läufersatt. Der erste Läufer des HM kommt mir schon wieder entgegen, was ein Laufstil. Die erste Frau! Im Gegensatz zum ersten Läufer lächelt sie, als sie unseren Beifall hört. Pulk an Pulk zieht vorbei und ab der Wendemarke zieht Ruhe ein. Diese geraden Wege haben etwas meditatives. Die Gedanke baumeln, na, jetzt geht das noch, später wird das Gedanken baumeln doch gestört durch sich in den Vordergrund spielende, leicht schmerzende und müder werdende Muskelgruppen. Das Gefühl von in Harmonie und ausgeglichenem Rhythmus im Atmen, Laufen und Gedanken baumeln lassen ist alleine Laufen schon wert. Kurz vor der ersten Wendemarke eine Musikkapelle. Der Rhythmus überträgt sich in die Beine und ich muss jetzt meine Aufmerksamkeit auf das nicht zu schnell werden lenken. Beim Wenden nehme ich fast noch die gelbe Stange mit. Ich fasse diese an und will mich um sie herum schwingen und bemerkte nicht dass die ja gar nicht am Boden befestigt ist. Ich kann mich noch auf den Beinen halten, nur die Stange stand nicht mehr dort wo sie hingehört. Den einen Meter werden die Nachkommenden zu schätzen wissen.
Wieder an der Kapelle vorbei, die wohl unermüdlich spielt. Meine ganze Hochachtung gilt immer den Menschen die durch Engagement, Dazugehörigkeitsgefühl und ihre Bereitschaft Zeit für solche Veranstaltungen zu spenden, diese Veranstaltungen erst ermöglichen.
Wieder Eintauchen in das Laufen auf langgezogenen Wegen, den Geruch von feuchter Walderde, von nassem Holz. Kurze Kontakte mit anderen Läufern. Ich mag keine Unterhaltungen, weil ich die Ruhe hier so mag. Na ehrlich gesagt, strengt reden beim Laufen mich an.
Die Versorgungsstände, freundliche Helfer, Getränke, auch ungesüßter warmer Tee, klein geschnittene Obststücke. Manchmal überlege ich mir, ob ich schneller werden würde, wenn ich mir auch so ein in Hochglanzfolie gefülltes Gel einverleibe? Irgendwie suggeriert das viele Blau und Gold auf den Verpackungen Sieg und Bestplatzierung. Weniger gefällt mir, dass diese leeren Folienteile auch auf den Straßen liegend glänzen.
Die kurz anhaltenden Nieselregengüsse sind erträglich. Der Wind bremst eher, als das er Bereitschaft zeigt meinen müder werdenden Körper zu schieben. Nett wäre es von ihm schon gewesen, wenn er seine Kraft verwendet hätte mich zu schieben, anstelle zu demonstrieren, dass er mich bremsen kann. War ja auch so ein richtiger kalter Wind, nichts freundliches, wärmendes und Frühling versprechendes war an ihm.
Kilometerschilder weisen auf das sich nähernde Ziel hin. Der Wald ist zu Ende. Entlang führt die Strecke auf einem schmalen Weg am Ortsrand. Das Ziel nähert sich. Wenn das Stadion auch noch hinter einer Baumgruppe liegt, die Musik ist schon zu hören. So ihr Beine, zeigt jetzt mal was noch in euch steckt. Ich hab so viel Zeit für Euch aufgebracht Eure Muskulatur zu kräftigen, also bitte einen kleinen Spurt. Die Verständigung ist anscheinend etwas erschwert, so richtig Tempo machen wollen sie nicht. Mein Puls ist ja auch in schwindelnde Höhe gerutscht, wahrscheinlich sind grad meine Beine schlauer als mein Denken. Ich laufe durch das Ziel. Das verlockende alkoholfreie Bier bremst ganz plötzlich mein Nach-Laufen aus. Das plötzliche stehen bleiben bekommt mir gar nicht und mein Körper will nur noch liegen. Ich weiß, dass abruptes Stehen bleiben bei mir diese Wirkung hat. Bier siegte über Vernunft. Geschmeckt hat es trotzdem, vorher und nachher. Zur Strafe bekomme ich nur noch kaltes Duschwasser.
Ja und zum Schluss noch eine köstliche Portion Fleischklöße. Ich bin Dritte meiner Altersklasse, na ja bei vier Frauen in W 60 auch nicht schwer, gell.

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ein meditativer Lauf...

..und wunderschön beschrieben. "Bier siegt über Vernunft" Klasse Spruch! Dieses Bier haste Dir ja wohl mehr als verdient!
Ich wünsch Dir noch ganz viele, schöne, lange Läufe!
Grüße aus dem Westerwald, WWConny

sehr schön!

Super schöner Bericht, danke!!!
Und Glückwunsch zum Treppchenplatz!

Gruppenduell BORN vs. Ruhr
Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

Sehr, sehr schoen!

Beneidenswert. Danke fuer den anschaulichen Bericht! Und fette Gratulation zum Platz auf dem Treppchen. Das ist Spitze! :)

Ich hoffe, ich werd's Dir eines Tages gleich tun.

Leuchtende-Vorbild-Gruesse
s:)

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"As long as you keep making RFM (Relentless Forward Motion), you will finish." - Stacey Page
Gruppenduell BORN vs RUHR
Wir sind BORN. Verstand ist zwecklos.

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