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Bereits am achten Tag des neuen Jahres gab es für mich eine neue persönliche Bestzeit auf der Marathondistanz.

Kurzer Rückblick, es ist der 01.01.2012, ca. 15 Uhr:
Nach einer völlig unverhältnismäßig eskalierten Silvesternacht liege ich im Gästebett in einem Appartment an der Nordsee, im Fernseher läuft "Der letzte Fußgänger". Ich wuchte kurz meinen Kopf hoch, stöhne leicht auf, um den Schmerzen Genüge zu tun, schaue aus dem Fenster und sehe meine Felle davon schwimmen: Au Backe, Kevelaer!
Eigentlich war für diesen ersten schönen Tag des Jahres 2012 ein mittellanger, ruhiger Lauf geplant - tatsächlich stand ich erst wieder aufrecht im Zimmer, als es draußen schon wieder dunkel war.

Danach kräftig am Riemen reißen und den Schwung des neuen Jahres ausnutzen: Montag kurz an die Nordsee laufen. Dienstag zurück in der alten Heimat und die Ur-Runde laufen. Mittwoch weiter in die neue Heimat und das Hochwasser am Rhein umlaufen. Donnerstag bei kräftigen Böen Tempotraining am Aachener Weiher. Freitag ein allerletztes Ründchen im Park und siehe da: die Beine fühlen sich ein wenig müde. Also kommt der Ruhetag am Samstag gerade richtig und Sonntag sollte dann in Kevelaer möglichst die Post abgehen.

Die Anreise erfolgt mit freundlicher Hilfe des Jogmap-Buddies NickelP, der mich vom Krefelder Bahnhof aus mit in den Wallfahrtsort mitnimmt. Wir sind bereits um 8:20 Uhr vor Ort und haben damit genug Zeit, um alles anzusehen. Niklas hat hier schon einmal teilgenommen und schwärmte schon im Auto von der guten Atmosphäre unter den Läufern und den Vorteilen des Rundenlaufens. Runden mag ich auch - man muss noch nicht mal ein neurotischer Kontrollfreak sein, um den Hauptvorteil des Rundenlaufens wertzuschätzen.

Ich entscheide mich für kurze Tights unten, oben einfach ein Shirt mit einem Langarmshirt drüber, passt schon. So kalt ist es ja nicht. Vor dem Start lieber noch mal der Gang zum überhaupt nicht stillen, dafür aber sehr zugigen Örtchen. Um genau 9:55 Uhr begebe ich mich zum Start. Eingelaufen wird heute kein Meter, hab kein Bock.
Ich stehe mit NickelP gemeinsam in der Mitte des Feldes. Er teilt mir mit, dass seine Garmin blöderweise einen niedrigen Batteriestatus anzeigt. Ich bedaure ihn kurz, aber wir können uns beide ein Lachen nicht verkneifen, als genau mit dem Startschuss (war es eigentlich ein Schuss?) seine Uhr einfach ausgeht. Ein Hoch auf die Technik!

Mein letzter Lauf über die Marathondistanz ist schon etwas her, am 03.10. in Welver war's. Ein heißer Einheitstag war's auch und trotzdem eine Woche nach dem Berlin-Marathon damals eine neue PB von 04:09:09h. Damit war die Time-to-beat klar.
Doch ich weiß auch: ich kann die 4h-Marke knacken. Warum weiß ich das? Seit Oktober nehme ich an einer Studie an der Sporthochschule Köln zur Leistungsdiagnostik teil. Was die Herrn Studenten dort einem abverlangen - schlimmer hab ich es noch nie erlebt. Das Tempo stimmt also, meine Grundlagen auch.

Los geht's!!
Meine Renntaktik: gemäßigt beginnen, nicht zu schnell werden gerade in der Euphoriephase (bei mir zwischen 15 und 25 km), bis zum Ende möglichst gut fühlen und am besten hinten noch was drauflegen.
Die Strecke über 6km ist wirklich angenehm zu laufen. Sie entspricht einem symmetrisch gespiegeltem "P": also zu Beginn eine kleine Strecke über ca. 1,3 km, die am Ende der Runde in Gegenrichtung noch einmal gelaufen werden muss. Dazwischen über 4km Feldwege, teils hart gegen den Wind. Die Strecke hat wirklich den Vorteil, dass man das Feld fast permanent im Auge hat, Abstände, Zeiten und Konkurrenten & Freunde können bestens abgeschätzt werden. Feine Sache!

Die erste Runde geht rum, meine Uhr sagt 33:42 min. Um unter 4h zu bleiben, sollte ich möglichst immer knapp unter 34 min laufen. Also läuft!
Aber irgendwie reicht mir das noch nicht. Ich glaube, ich bin ein bisschen zu ängstlich, will mehr, will ein Polster.
In der nächsten Runde erst einmal kurz was essen und trinken. Die Auswahl: Cola, Wasser, warmen, gesüßten Tee, sowie Bananenstückchen und Honigkuchen. Juhu, Kevelaer! Im Oktober in Welver habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, als ich mir keine Pausen an den VP ließ und im Laufen weiteraß/-trank. Was mache ich jetzt also? Genau, wieder weiterlaufen. Wird schon gut gehen diesmal...
Besonders auf den letzten knapp 1,3 km, wenn einem Teile des Feldes schon wieder entgegenkommen, die Anzahl der Zuschauer steigt und die Musik lauter wird, beginnt man automatisch schneller zu laufen. Ich wehre mich etwas dagegen, aber es macht auch einfach Spaß, sich ein wenig gehen zu lassen. Die zweite Runde endet nach 33:36 min.

So langsam kommt der Zug ins Rollen, die dritte Runde läuft in 32:43 min durch. Ich fühle mich gut, die Hoffnungen von einer Sub-4h-Zeit wachsen.
Dann kommt die vierte Runde. Den Halbmarathon beende ich in ca. 1:56 h, mein Gehirn sagt mir, dass ich unbesiegbar bin. Rundenzeit: 32:03min. Oh man, das ist eigentlich ein bisschen zu schnell. Soll ich reduzieren? Aber es geht mir doch gut, ich fühle mich nach wie vor großartig.

In der fünften Runde wird es windiger. Auf dem härtesten Abschnitt der Strecke, der fast 1km nur geradeaus direkt gegen den Wind geht, beginnt es nun auch noch zu regnen. Nun meldet sich mein Instinkt, es ist der Anti-Schweinehund, der mir sagt: es ist saugeil, genau das jetzt gerade hier bei diesem Wetter zu machen. Wie in Euphorie überhole ich einen Läufer nach dem anderen. Schon lange habe ich mich beim Laufen nicht mehr so gut gefühlt. Die Matte piepst nach 31:47 min.

So, 30 km sind um, so langsam wird er wohl kommen, der obligatorische Tiefpunkt. Ich kenne diese Distanz zu genau, als dass ich hoffen könnte, dass er ausbleiben wird. Und na klar kommt er auch, in Form von schweren Beinen. Kein Schlag in die Magengrube, kein Mann mit dem Hammer. Naja, jetzt wo nur noch zwei Runden zu laufen sind, werde ich wohl kaum klein beigeben. Die meisten Streckenposten, die ich grüße, wünsche mir noch einen schönen Tag - ich sehe wohl so schnell aus, dass sie denken, es wäre meine letzte Runde. Ich beende sie nach 31:38 min.

Auf der letzten Runde ist es eigentlich schon gelaufen. Ich weiß, es wird eine tolle Zeit unter 4h. Die Frage ist nur - welche Zeit genau? Auf der Hinfahrt erzählte mir NickelP, dass seine Bestzeit bei 3:48h liegt. Oh man, ob ich da hinkomme? Jetzt nur nicht nachlassen. Es tut nichts weh. Als eine niederländische Blaskapelle (aus Venlo, glaube ich) bei Km 39 extra für mich ein Lied spielt, schießen mir Tränen in die Augen. Ich fliege!

Vollkommen ruhig, mit dem Gefühl, dass ich alle Ziele bereits jetzt schon erreicht habe, sause ich der Finisher-Banderole entgegen. Die letzten 6km plus 195m Zieleinlauf dauerten 31:59 min. Meine Uhr stoppt schließlich bei 3 Stunden 47 Minuten und 24 Sekunden.
Ich glaube, ich bin glücklich. Nicht euphorisch. Dafür war die Leistung ein wenig zu vorhersehbar. Aber dass ich doch nun weit über 20 min schneller gelaufen bin, als bei meinem bisher schnellsten Marathon, ist schon überraschend.

--

Nun einen Tag später habe ich immer noch keinen Muskelkater. Die Beine sind ein wenig müde und ich gehe erst am Dienstag wieder laufen. Einen Tag Ruhe haben sich wohl wirklich alle Beteiligten verdient. Es war ein schöner Tag, 168 Stunden nach dem Alkoholkoma des neuen Jahres.
Vielen Dank an die LLG Kevelaer für die hervorragende Organisation und natürlich an NickelP. Hoffentlich trifft man sich noch mal wieder!

5
Gesamtwertung: 5 (1 Bewertung)

Hey skydiver38,...

schade, dass wir uns dort nicht persönlich kennengelernt haben.
Ein paar Mal müssen wir ja aneinander vorbei gerannt sein.
Ja genau, recht kalt und zugig fand ich es auch auf der geraden Landstraße da, aber da hätte es im Januar ja noch ganz anders aussehen können, weshalb wir uns ja auch überhaupt nicht beschweren.
Der Lauf war top organisiert und von der Größe her genau auf die Gegebenheiten abgestimmt.
Und dass Du Deine PB schon im Januar um ganze 20 Minuten verbessern konntest, dafür hast Du meinen größten Respekt und Anerkennung!
Dicke Gratulation und ich wünsche Dir noch ganz viele solch erfolgreiche Läufe und Ernten in 2012 und für die Zukunft!:o)

Lieben Gruß Carla

Wow!

Wann hast Du denn gesät? Das muss die Wintersaat sein. Auf jeden Fall toll gelaufen - jede Runde schneller als die vorhergehende. Genau richtig gemacht - und die Studie würde mich auch interessieren.

Weiter viel Erfolg! Da geht noch was.

Um 20 min....

...verbessert.Das ist ja grossartig.
Ich will mich auch von den Kölnern quälen lassen bei diesen Resultaten.

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