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"Samson", sagte ich am Nikolaustag zu meinem Lieblingshund, "Samson, das wird unsere Woche!" Einen Moment lang hellte sich seine Miene auf, ich sah, wie an seinem inneren Auge Gänsekekse, feinstes Lammhack und wuselnde Eichhörnchen vorüberzogen. Dann löste bitteres Misstrauen die eben noch glimmende Hoffnung ab.
"Jetzt sag nicht, dass das was mit deiner nervigen Lauferei zu tun hat!", knurrte er.
"Schlauer Hund", sagte ich.
Er legte die Ohren zurück, zog den Schwanz ein und trollte sich in sein Körbchen. "Ich habe damit nix zu tun. Gar nix!"
Nun ja, das stimmte nur zum Teil. Am Donnerstag hatte er schon was damit zu tun: Wir machten die 1000 Jogmap-Kilometer voll. Wir waren von uns selbst beeindruckt. Der erste 107-Kilo-Lauf war Ende Januar, drei furchtbare Kilometer mögen es gewesen sein, unterbrochen von Keuchanfällen und Gehpausen. Kontinuierliche Steigerung, im Juni Jogmap entdeckt, die ersten Kilometer am 6. Juni eingetragen und seither mehr als 1000 Kilometer in den Beinen.
"1000 zu viel", maulte Samson. Aber ein bisschen stolz war er trotzdem. Ich wusste, er würde bei seinen Kumpels damit angeben. Und vor allem würde er nicht müde werden, unserem Kater Luigi von seinen Heldentaten zu erzählen und ihn aufzuziehen. Ach ja, Geschwister.

Mit Teil zwei hatte Samson, der Faulpelz, in der Tat nichts zu tun. Als am Sonntagmorgen der Wecker klingelte, sah er nur kurz auf, murmelte irgendwas von heiligem Sonntag und ob man denn hier nie seine Ruhe hätte und überhaupt. Frau Okta murmelte gar nix, sondern drehte sich nur um, Tocher Okta bekam von all dem gar nichts mit. Nur Luigi war sofort auf den Beinen und raste mir hinterher, die Treppe hinunter.
"Gib mir was zu fressen", forderte er, während ich ein Honigbrötchen hinunterwürgte. "Und dann erklär mir mal, warum du so früh aufstehst."
Er bekam sein Futter, und ich erzählte. "Ich mache mit bei der Winterlaufserie in Rheinzabern. Na ja, jedenfalls beim ersten Lauf. Der ist heute, 10 Kilometer. Ich will eine neue Bestzeit. Meine alte aus meinem bisher einzigen offiziellen Lauf liegt bei 54:47. Okay, im Training war ich schon schneller, aber heute gilt's. Aber eigentlich - und verrate das bitte nicht weiter - eigentlich will ich unter 52 Minuten ins Ziel kommen. Und wenn alles passt, wenn ich einen perfekten Tag erwische, dann vielleicht sogar unter 50 Minuten. Soooo weit weg war ich in meinen Tempoläufen nicht."
"Mhm", sagte Luigi, fraß rasch seinen Napf leer und verschwand durch die Katzenklappe nach draußen. Schien ihn nicht sonderlich zu interessieren, was ich erzählte. Ignoranter Kerl.
Egal, ich machte mich auf den Weg aus dem beschaulichen Baden in die noch beschaulichere Pfalz. 25 Minuten Autofahrt, aussteigen, fast erfrieren. Nachmelden, umgucken, auf die Uhr schauen. Noch 45 Minuten. Was tun?
Ich lief mich warm. Und lief. Und lief. Und lief. Um mich herum nur gestählte Laufprofis. Schlank, muskulös, sehnig. Ehrgeizig, die Gesichter ernst, die Augen fokussiert auf die große Aufgabe. Ich war eingeschüchtert. Mit meinen 89 Kilo verteilt auf 178 Zentimeter fühlte ich mich so fremd wie ein Mönch im Bordell.
Ich lief weiter. Wie lange noch? 15 Minuten! Vielleicht sollte ich nicht so viel laufen? Meine Kräfte schonen? Gute Idee. Ich blieb stehen. Fror. Lief weiter.
Noch drei Minuten, das Feld sammelte sich. Dichtes Gedränge, da, noch ein Übergewichtiger, Gott sei Dank. Und dort, lachen sogar welche, ein Glück. Im nächsten Moment ein lauter Knall, ein wenig Rauch, ein großer Schreck und quälend langsames Geschiebe in Richtung Startlinie. Ganz knapp über 5 Minuten wollte ich die ersten Kilometer laufen und dann mal sehen, was noch geht. Nach 300 Metern war ich auf Kurs 6:50. Zu viele Menschen. Ich schob mich nach vorne, sprang durch jede Lücke. Kam mir schnell vor. Ein Hecht im Karpfenteich, toll!
Am Ende schaffte ich die ersten 1000 Meter in 5:17. Bisschen langsam, aber es war einfach zu voll. Zweiter Kilometer in 4:59. Locker, ruhiger Atem, alles im Griff. Der nächste in 5:02, auch okay. Nummer vier wieder in 4:59. Prächtig. Alles läuft nach Plan.
Bis sich plötzlich, nach 4,2 Kilometern so ein komisches Gefühl einschleicht. Hunger... Hunger? Hunger!
Was soll das? Nach vier Kilometern? Lächerlich! Klar, ich habe regelmäßig mit dem Kohlehydrate-Hieper zu kämpfen. Nach 14 Kilometern, frühestens. Aber doch nicht nach vier! Der Hunger verschwindet nicht, dafür die Energie. Meter für Meter werden die Beine schwerer. Ich schäme mich, echt. Denke an all die Jogmap-Marathon- und Ultraläufer, die 40 und mehr Kilometer runterreißen und vermutlich alle den Mann mit dem Hammer kennen. ABER DER KOMMT VERDAMMT NOCHMAL ERST NACH 35 KILOMETERN!!!! Das ist ja alles so peinlich.
Ich quäle mich weiter, schleppe mich Meter für Meter voran. Werde überholt, wieder und wieder. 5:17, dann 5:25, schließlich sogar 5:35. Unglaublich. Gleichzeitig sinkt mein Puls nach unten, ich habe keine Probleme mit der Luft, keine Not mit der Muskulatur, nichts, alles ist gut. Nur die Energie ist aus mir gewichen wie aus einem Luftballon. Und so fühle ich mich auch. Von außen verschrumpelt, von innen feucht, ausgelaugt und modrig. Bäh! Zu allem Überfluss ist auch noch meine Brille beschlagen, ich sehe nichts mehr. Also nehme ich sie ab. Jetzt sehe ich alles verschwommen. Mir wird erst recht schlecht.
200 Meter Luftlinie entfernt liegt das Ziel, aber ich muss noch eine Schleife laufen, zweieinhalb Kilometer. Soll ich aussteigen? Hat ja doch alles keinen Sinn mehr.
Natürlich steige ich nicht aus. Zwei Kilometer werde ich ja wohl noch hinbekommen. Ein Fuß vor den anderen, los, das wird wohl noch drin sein. Blöd nur, dass es jetzt leicht bergauf geht. Ich will nicht mehr, aber ich muss. Wo ist nur all die Energie hin? Liegt's am Honigbrötchen? Normalerweise laufe ich nüchtern. Aber dann bin ich erstens früher dran und zweitens starte ich direkt an der Haustür. Zwei Stunden wach zu sein, nichts essen und dann laufen ist keine Alternative. Dann würde ich erst recht zusammenklappen, ich kenne doch meinen Körper.
Noch ein Kilometer. Jetzt geht es bergab, was bin ich froh. Ich überhole sogar noch eine Läuferin - nur, um im nächsten Moment von zwei anderen kassiert zu werden. Minimal werde ich schneller, aber richtig zulegen kann ich nicht mehr, keine Chance. Ich schleppe mich ins Ziel, drücke die Uhr, greife mir einen entgegengestreckten Becher und fülle mich selbst mit literweise Tee ab. Dann schnell ans Auto, Geld holen, in die Halle, ein belegtes Brötchen reinstopfen, danach zwei Stück Kuchen. Jetzt geht's mir besser, die Energie kehrt zurück. Sonderlich erschöpft bin ich ohnehin nicht, vom Puls her war es ein relativ schneller Dauerlauf, mehr nicht. Nettozeit war übrigens 52:09. Eigentlich noch ganz okay... aber was wäre möglich gewesen, wenn... ach, egal, das Leben ist kein Konjunktiv und so. Zeit wird überschätzt, gesammelte Erfahrung unterschätzt und überhaupt: Alles wird gut.
Ich frage mich allerdings immer noch, was mit mir los war. Seltsamerweise geht's mir heute auch nicht so toll. Mir ist einen Hauch schwindlig. Fühlt sich so an, als mache mir das Wetter zu schaffen. Gestern saukalt, heute seichwarm.
Gestern übrigens tat sich noch Erstaunliches. Zuhause angekommen, war mittlerweile die gesamte Familie erwacht, munter und neugierig. "Und, wie war dein Lauf?", fragten alle im Chor.
"Fragt nicht!"
Und sie fragten nicht. Es geschehen noch Zeichen und Wunder!

5
Gesamtwertung: 5 (1 Bewertung)

moin

erstmal Glückwunsch zu deinem Lauf!

Du fragst,warum es dir gestern noch komisch ging? Ich hatte das mal nach nem zu schnellen Trainingslauf, dass ich 2 Tage sozusagen in der Ecke hing mit Kopfweh und matt - da hatte ich wohl überpowert. Ich nehme an,dass du deinen Lauf doch einfach zu schnell angegangen bist, daher wohl auch der frühe Mann mit dem Hammer - und ja,dass kann auch bei nem 10km-Lauf passieren.

Aber man lernt ja dazu und der nächste wird garantiert besser - und ich muss sagen, so schnell wie du bin ich noch längst nicht!

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