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Die äusseren Bedingungen waren perfekt. Schon bei der Anreise im Zug zeichneten sich in der Morgendämmerung am Horizont die Berge ab. Also kein Nebel! Vom Bahnhof ging's gleich zum Shuttleschiff und rüber zum andern Seeufer. Ich war hingerissen vom Herbstlicht, das die Stadt, den See und die Berge in warmes Gold tauchte.

Rund 8'500 Läuferinnen und Läufer gingen zwischen 9:00 und 9:15 beim Verkehrshaus auf die Strecke, 2100 davon für den Marathon. Ich hatte mich mit meinem Liebsten in der letzten Startgruppe eingereiht (Halbmarathon > 2 Std., Marathon > 4 Std.). Nun sollte das Abenteuer also beginnen! Zwei Runden waren zu bewältigen, nach der ersten Runde würde sich das Feld deutlich lichten. Ich hatte mich seriös vorbereitet, und auch ein Schnupfen in den letzten Tagen liess sich mit dem vielgerühmten jogmap-Zwiebel/Ingwer-Tee fast ganz vertreiben (danke allen für den Tip!). Zusätzlich beflügelt hat mich ein Autogramm von Lokalmatador Victor Röthlin auf meiner Startnummer, den ich zwei Tage zuvor bei der Startnummerausgabe zufällig angetroffen hatte. Mein Plan A sah eine Zielzeit von 4:15 h vor.

Es lief von Beginn weg gut. Viel Musik am Strassenrand, viel Publikum. Zuerst um das Seebecken rum, vorbei am Bahnhof und dem KKL, durch die Vorstadt in die Villengegenden auf der grünen Horwer Halbinsel. Was für Wohnlagen mit See- und Bergblick! Zwischen KM 5 und 8 waren drei Steigungen zu bewältigen, dazwischen immer wieder Live-Musik, begeisterte Leute am Strassenrand und alle 3-5 KM ein Verpflegungsstand. Irgendwo bei Kilometer 9 sass ein Handharmonika-Spieler idyllisch in der grünen Wiese. Kühe sprangen auf der Weide, dann kam ein Wegstück direkt am Wasser. Ein Aaah und Ooohhh ging durch die Läuferschar, man konnte sich kaum sattsehen, ich fühlte mich super und freute mich schon darauf, hier nochmals vorbeizukommen. Zeitlich alles im grünen Bereich, 57 Minuten für 10 km. Es folgte ein Teilstück durch das Dorfzentrum von Horw, wo das Publikum Spalier stand oder gemütlich am Gartentisch bei Kaffee und Sekt sass.

Bei KM 15 gings für 1.5 KM unter die Erde, in einen sich in Bau befindlichen Bahntunnel. Alphornspieler versüssten uns den Einstieg in den Streckenabschnitt, den ich im Vorfeld eher skeptisch beurteilt hatte. Doch es lief sich gut, das Licht dämmrig, die Luft etwas staubig, der Boden leicht federnd, stolze und sich freuende Bauführer und Arbeiter überall, die nichts anbrennen liessen.

Bei ca. KM 19 kam der Gegenverkehr: Die schnellen Marathonis, die den Wendepunkt schon passiert hatten. Ich hielt Ausschau nach meinem Liebsten und einem Kollegen, die 15 bzw. 30 Minuten vor mir waren und freudig begrüsst wurden. Den Wendepunkt bzw. die HM-Marke passierte ich in 2:02, es lief immer noch super, ich war voll Freude. Bei KM 22 kam mir auf der Gegenseite der Marathonsieger entgegen - na ja, er ist früher gestartet und hat mich wenigstens nicht überrundet!

Und dann fing plötzlich das Leiden an. Ein Ziehen an der Aussenkante des rechten Fusses. Ich hatte mich mental auf einige Schwachstellen vorbereitet, aber diese kam völlig überraschend. Und sie ging auch nicht weg, im Gegenteil. Nicht durch gutes Zureden, nicht durch das Ändern des Laufstils, nicht durch Ablenkung mit Verpflegung (und anstrengend war es schon, das Gel runterzuwürgen...). Die Steigungen brachte ich noch leidlich hinter mich, die dritte allerdings schnell gehend. Zwischen KM 28 und 32 dann aber dreimal angehalten und den Schuh ausgezogen, Fuss gedehnt und massiert. Immer wieder losgelaufen, wieder Tempo aufgenommen bis zum nächsten Verpflegungsposten. Auch Blasen an den Zehen machten sich bemerkbar, obwohl ich viel getapt hatte, das kam wohl vom seltsamen Laufstil. Auf diesem Streckenabschnitt habe ich viel mit den (einsamen) Streckenposten kommuniziert, dankbar für jede Aufmunterung, habe später Kinderhände abgeklatscht und mich über die Unterstützung gefreut. Danke, Ihr wart ein Super-Publikum! Auf den Garmin und das Pacemaker-Armband habe ich nur noch sporadisch geblickt, Plan B hiess "Durchhalten und Ankommen".

Ich wusste, bei KM 35 kommt wieder der Tunnel. Und die Terra incognita, weiter war ich noch nie gelaufen. Das Sinnbild des Tunnels gefiel mir gut, da muss ich durch, einfach durch, und ich wusste, der Boden war weich und danach war es machbar. Ich habe mich an die Fersen einer Läuferin mit Davoser K42-Shirt geheftet und liess mich durchziehen. Danach wieder einige Schritte gehen, nochmals Verpflegung bei KM 37.5. Bei KM 38, ich war langsam unterwegs, überholte mich der 4:15er Pacemaker. Schade, dass du schon da bist, rief ich ihm zu. Na komm mit, meinte er. Ich ging mit, eigentlich gefühlt zu schnell, mit schmerzendem Fuss, und musste ihn bei KM 40 ziehen lassen. Kurz danach machte er aber nochmals Getränkepause, ich lief weiter, es zog sich scheinbar endlos. 300m vor dem Ziel eine letzte Band (eine Fasnachts-Gugge), ein Schauer ging durch meinen Körper, Tränen in den Augen, ich wusste, jetzt würde ich es schaffen. Der Zieleinlauf ins Verkehrshaus durch das Menschenspalier und die Cheerleaders war sensationell. Und direkt danach nahm mich mein Liebster in die Arme, wir hatten beide unsern ersten Marathon gefinisht, überglücklich.

Mit Ausnahme der Schmerzen im Fuss war alles gut gelaufen. Keine Magenprobleme, keine Kopfprobleme, keine Muskelprobleme. Ich hatte nie ans Aufgeben gedacht. Richtig hart wurde es nach dem Ziel. Die Schmerzen wurden fast unerträglich, ich konnte kaum mehr auftreten, unter der wunderbar heissen Dusche wurde mir übel, ich schleppte mich zur Massage und liess mich beraten und ein wenig massieren. Das Zuviel an Isogetränken und anderem in meinem Magen nahm seinen Weg zurück und beschwerte mich auf dem Heimweg nicht mehr. Ich konnte kaum sitzen im Zug, von den Hüften an abwärts tat alles weh. Und dennoch strahlte ich innerlich wie ein Honigkuchenpferd. Gemeinsam mit buddy H., der nach dem München-Marathon in Luzern eine neue HM-PB gelaufen ist, liessen wir den Tag Revue passieren.

Nach einem heissen Bad heute Vormittag gehts dem Fuss viel besser, es scheint ein starker Krampf gewesen zu sein. Dafür muss ich mich wohl von zwei Zehennägeln verabschieden, aber damit kann ich leben.

Und heute habe ich schon wieder Lust auf ein nächstes Mal :-)

Ein riesengrosses Lob an die Organisatoren und ein mega-Dankeschön an all die vielen Helferinnen und Helfer, es war einfach perfekt!

Danke auch an alle, die hier auf jogmap ihre Erfahrungsberichte posten, das hat mir sehr geholfen, mich mental auf die Strecke und die Wettkampfbedingungen vorzubereiten.

Clarin

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Allerherzlichste Glückwünsche zum M-Debüt!

Dein Bericht berührt mich und lässt Erinnerungen an mein eigenes M-Debüt in diesem Jahr hochkommen.
Du hast es geschafft, du bist jetzt eine Marathoni! Erhalte dir dein Honigkuchenpferdstrahlen ganz ganz lange, du hast es dir verdient!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Gratulation!

Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Marathondebut! Habe ich es richtig verstanden, dass Plan A doch noch funktioniert hat?

Wirklich schöner Bericht, macht richtig Lust auf den Luzern-Marathon. Habe den Anlass ebenfalls für meinen ersten Marathon ins Auge gefasst, allerdings wohl erst 2013. Hat es dich eigentlich nicht gestört, die selbe Runde 2x zu laufen? Ich stelle mir das irgendwie etwas demotivierend vor, nach 21 km wieder beim Start vorbei zu kommen, und zu wissen "jetzt genau das selbe nochmals"...

Danke

ihr beiden, eure Glückwünsche freuen mich!

@Sonnenblume2:
Ich habe eben deinen wunderbaren Marathonbericht gelesen und mich auch in vielem wiedergefunden, zum Beispiel mit der 'Fingertechnik' :-)

@happylegs:
Ja, Plan A hat funktioniert: 4:14:53 :-)
Der Luzern-Marathon ist wirklich empfehlenswert! Ich hatte vor der Anmeldung und auch in der mentalen Vorbereitung tatsächlich grosse Bedenken wegen der 2 Runden. Aber die lösten sich während des Laufs in Luft auf. Erstens ist die Strecke wirklich abwechslungsreich und auf einigen Teilstücken geradezu phantastisch schön (sicher auch wetterbedingt), zweitens erwies es sich unterwegs als beruhigend zu wissen, was noch auf mich zukommt. Ich war es ja schon gelaufen, also würde ich es auch ein zweites Mal schaffen.
Dir nachträglich ebenfalls herzliche Gratulation zum ersten Wettkampf. Ich kenne den Hallwilersee gut, und dort bin ich letztes Jahr meinen ersten Halbmarathon gelaufen - den ich ebenso euphorisch erlebt und beendet habe wie den Marathon.

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