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Wenn die Achillessehne beim Läufer zwickt, ist die Meinung des Umfeldes sofort klar. „Du hast es übertrieben“, sagt der laufende Freund. „Du musst jetzt schonen.“ „Das waren die falschen Schuhe, versuch’ mal andere mit weniger Sprengung.“ „Ich hab’ ja schon immer gesagt, dass die viele Lauferei ungesund ist“, meint die nicht laufende Freundin. Die Familie sagt schon gar nichts mehr. Aber der wissende Blick der Verwandtschaft sagt alles. Was aber nun, wenn die Achillessehne gar nicht wegen der Lauferei zwickt? Sondern Vorbote eines schleichenden Verfalls ist? Darüber habe ich mir gestern beim Radeln Gedanken gemacht. Und ich bin zu einem für mich interessanten Schluss gekommen.

Wenn man Achillessehnenleidende trifft, dann sind es meist Sportler. Und alle sind sich einig, dass die Achillessehne nur langsam heilt. Beim Einen heißt „langsam“ 8 Wochen Sportpause, beim Anderen 2 Jahre massive Einschränkungen. Andere verzichten dauerhaft ganz aufs Laufen und wechseln zum Radfahren. Wenn ich mir die wirklich langfristig Geschädigten in meinem Umfeld anschaue, dann sind es meist Menschen zwischen 40 und 50, die nach eigener Aussage gar nicht viel mehr gesportelt haben, bevor sich das erste Zwicken zeigte. Vielleicht so ein bisschen mehr. Man wollte halt sein Niveau halten. Immer mehr Frauen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis klagen über langwierige Beschwerden. Und diese Mädels haben noch nie Sport gemacht. Die chronischen Achillessehnenbeschwerden scheinen also nicht allein mit sportlicher Überlastung erklärbar zu sein. Wo kommt die Überlastung aber dann her?

Nun, die meiste Zeit verbringen wir im Alltag. Wie oft machen wir Sport? 5-7 Stunden pro Woche sind für den Freizeitsportler schon viel. Ein Klacks im Verhältnis zum Alltag. Wenn wir also nach den Fehlern im Gesamtsystem unseres Körpers fahnden, sollten wir unser Alltagsverhalten näher unter die Lupe nehmen.

Mein Doc hat mir da viele Hinweise für mich gegeben. Zu viel Anspannung am Arbeitsplatz. Im Nacken und Rücken merkt man die recht schnell. Dass in meiner „Kampfhaltung“ die Spannung vom Kiefer über den Rücken bis in Waden und Fußsohlen geht, war mir nicht klar. Inzwischen bin ich sensibilisiert darauf und merke es selbst. Kann die Waden auch mal wieder loslassen. Kann immer wieder an meiner Haltung arbeiten. Aber über Jahrzehnte gelerntes Verhalten lässt sich nur langsam zurückdrehen. Sehr langsam.

Also habe ich mir beim Pedalieren durch den Herbst die letzte Frage gestellt. Die ultimative Sinnfrage. Warum muss ich eigentlich immer in „Kampfhaltung“ auf Druck oder Stress reagieren? Ist die Familie in Gefahr oder Leib und Leben? Dann ist das gerechtfertigt. Aber wenn ein Bericht eine Stunde später fertig wird, oder ein Marketing Projekt in Schieflage gerät? Dann sind definitiv keine Menschen in Gefahr. Mir geht wieder dieser Song durch den Kopf „Ich muss wieder mal die Welt retten, danach komm ich zu Dir. Muss nur 148 Mails checken,…“ Der Text sagt alles über die verquere Sichtweise auf die Dinge aus, die man sich so über die Jahre angewöhnt hat. Vielleicht sollte ich meine Prioritäten im Leben mal wieder überdenken und dort loslassen, wo sich der Kampf nicht lohnt.

Vielleicht gelingt es so, die Toleranzschwelle des Körpers auf Belastungänderungen wieder zu erhöhen… und dem schleichenden Verfall entgegenzuwirken.

5
Gesamtwertung: 5 (7 Wertungen)

Sehr richtig

Arbeitsstress hab ich mir leider auch angewöhnt, und vor allem der Rücken zwickt deshalb immer häufiger.
Das Laufen ist also eher total wichtiger Ausgleich zur berufsbedingten Stubenhockerei.

Vielen Dank für deinen Beitrag!

Achilles und Bürojob

Ich merke das auch. Die Schmerzen im Bereich Achillessehne/Wade kommen besonders nach langem Sitzen. Vielleicht kann Dein Arbeitgeber Dir einen höhenverstellbaren Schreibtisch ins Büro stellen. Daran kannste sitzend arbeiten, und stehend, ohne den Kram, der drauf liegt hin und her zu räumen. Oder wenigstens ein Stehpult - zum Telefonieren ist das super.
In Sachen selbstgemachtem Druck versuche ich mich gelegentlich aus dem Hamsterrad zu flüchten, indem ich mir einen Satz eines Kollegen (inzwischen Chefetage) in Erinnerung rufe. Er sagte dereinst zu mir, als er die Panik in meinen Augen sah ob des unbewältigten Arbeitspensums: Nur die Ruhe! Wir sind hier alle keine Chirurgen, uns stirbt keiner unterm Messer!
Recht hat er!

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