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Ein neongelber Jogmapper in Chicago

Kennt jemand den Spielfilm „Hidalgo“? Er handelt von einem Pferderennen, das über tausende von Meilen durch die Wüste führt. Darin gibt es eine köstliche Szene, in der vom Startschuss weg alle Reiter Ihre Pferde wie die Teufel galoppieren lassen, nur um dann hinter der ersten Sanddüne und somit aus dem Blick der Zuschauer in einen langsamen Trab zu wechseln.

Daran muss ich denken als ich auf den ersten Metern des Marathons von allen Seiten eifrig überholt werde. Ich habe mich im Open Coral ungefähr bei der 4:15 Markierung eingereiht. Aufgrund der Menschenmassen und der in der Vergangenheit gemachten Erfahrung, dass die besonders langsamen Läufer sowie die Geher und Walker sich gerne ganz vorne im offenen Startblock platzieren, bin ich davon ausgegangen, dass ich am Anfang eher gebremst werde. Aber weit gefehlt. Ich komme mir vor wie ein Stein im Flusslauf. Um mich herum ein Höllentempo. Galt die 4:15 etwa gar nicht für die Zielzeit sondern für die Pace? Ich bin erst mal beeindruckt.

Die nächste Überraschung folgt bereits nach wenigen hundert Metern. Beim Einlaufen in die Unterführung unter der Randolph Street und dem New East schallt es uns brüllend laut entgegen. Ich kann die Quelle des Lärms nicht erkennen. Zuschauer? Fehlanzeige, dieses ist einer der ganz wenigen Stellen, die für Dritte gesperrt ist. Truckfahrer, die mit Ihren Hupen gegen die Sperrung demonstrieren? Vom Veranstalter zur Motivation installierte Presslufthörner? Nichts davon zu sehen. Beim irritierten Umherblicken fällt mir dann auf, dass tatsächlich fast alle meine Mitläufer sich die Lunge aus dem Hals schreien. Die Unterführung ist bestimmt 200 Meter lang, trotzdem sehe ich Einige, die Ihre Urschreie zwischendurch nur zum Luftholen unterbrechen. Auch hier erfasst mich eine gewisse Ratlosigkeit. Ein mir unbekanntes Ritual? Der Versuch, die gemessenen Dezibel des Vorjahres zu überbieten oder vielleicht nur das gruppendynamische Bestreben, sich die Angst vor den Strapazen der nächsten 42 km zu nehmen. Ich bin erneut beeindruckt, wie großzügig hier schon ganz am Anfang die Körner verfeuert werden.

Spätestens mit der ersten Überquerung des Chicago River braucht kein Läufer mehr zum Lärm beitragen. Das übernehmen jetzt die Zuschauer, die dichtgedrängt auf den Brücken und in den Häuserschluchten ein riesen Spektakel veranstalten. So stelle ich mir den Rosenmontag im Reinland vor (den ich wie das Oktoberfest auch noch nicht mitgemacht habe), nur ohne Kamelle und Pappnasen. Dafür aber mindestens so laut und frenetisch. Alles was Krach und Radau macht kommt zu Einsatz. Nun reduziert sich auch das allgemeine Lauftempo. Zum einen ist der Laufweg jetzt relativ eng. Zum anderen scheint sich doch so mancher mehr mit der Suche nach Freunden und Verwandten am Straßenrand zu beschäftigen als mit dem zügigen Weiterlaufen. Mir ist es recht. So habe ich Zeit, mir den Trubel anzuschauen, die Stimmung zu inhalieren und die Plakate zu lesen („Go Tracy! It is just like shoe shopping“, „And we thought you were kidding” “Dan! Chuck Norris never did a marathon” oder “Come on! Just 26 miles left”).

Im Zick-Zack geht es durch den Financial und Theater District und 3 mal über den Fluß bevor unser Kurs uns ab km 3 die LaSalle Street aus den Canyons der Bürohäuser nach Norden führt. Es wird nun etwas ruhiger. Nicht nur bei den Zuschauern sondern auch im Läuferfeld. Nach dem Beginn, der eher etwas von einer Parade denn von einem Laufwettbewerb hatte, beginnt für mich nun der eigentliche Marathon.


Alle bekannten Superhelden der Comicgeschichte sind am Start

Ich suche und finde meinen Rhythmus. Für einige Kilometer rückt dabei das Event Chicagomarathon für mich ein wenig in den Hintergrund und wird von der inneren, fast meditativen Ruhe verdrängt, die ich generell am Laufen so sehr schätze. Damit ist es allerdings vorbei, als ich mich Km 8 nähere, dem ersten mit meiner Familie vereinbarten Treffpunkt. Durch den schnellen Start bin ich dem Zeitplan über 20 Minuten voraus. Ich bezweifle ernsthaft, dass unser Supportteam schon bereit steht und damit meine Verpflegung für die nächste Stunde. Ich habe zwar immer zwei Tütchen Gel für den Notfall dabei, so dass ich mit den Kohlenhydraten nicht zu schnell auf Reserve bin. Aber meine Trinkflasche sehne ich doch schon herbei. Nicht das ich irgendwelche geheimnisvolle Substanzen zur Leistungsförderung brauche. Im Gegenteil, es ist (fast) reines Wasser. Die Alternative ist aber das Leitungswasser, das nicht nur in Chicago sondern eigentlich in fast allen Großstädten der USA so stark mit Chlor versetzt ist, dass schon allein der Geruch mein Zäpfchen erzittern läßt. Aber es muss wohl sein. An der vereinbarten Ecke ist niemand zu sehen. Ich warte und schaue sogar noch mal in die Straße, aus der sie eigentlich kommen sollen. Aber nach einer gefühlt viel zu langen Zeit ergebe ich mich meinem Schicksal.

Wir erreichen nun den Lincoln Park und damit auch die ersten sonnig warmen Teilstücke. Bisher haben uns die großen Gebäude längsseits der Strasse Schatten gespendet und die Temperatur angenehm gehalten. Nun aber werden wir alle mit Nachdruck daran erinnert, dass die Sonne heute einen entscheidenden Einfluss auf den Rennverlauf nehmen will. Erstmalig habe ich auch den Eindruck, dass ich mit meiner Durchschnitts-Pace von 5:50 ein wenig schneller als mein Umfeld bin und fange langsam an, Läufer einzusammeln, die noch vor knapp einer Stunde mit Hurra an mir vorbeigestürmt sind. Ich glaube, dass in dieser Stelle und in diesem Augenblick viele erstmalig realisieren, was heute noch vor ihnen liegt. Allerdings ist auch mir spätestens jetzt klar, dass ich mehr auf die vom Veranstalter angebotene Versorgung angewiesen sein werde als mir lieb ist.

Schon wenige hundert Meter später erreiche ich dann auch den nächsten Servicepunkt. Die ersten 50 Meter mit dem Gatorade ignoriere ich noch. Ich muss mich ja nicht gleich allen Herausforderungen auf einmal stellen. Zu gut sind mir immer noch die Konsistenz und die Geschmacksintensität eines Powerdrinks dieser Firma in Erinnerung, die mich damals auf einem Lauf im Frühjahr zu einer kurzen Gehpause zwangen. Aber vielleicht kann mich ja nach der nun anstehenden Chlor-Dosis anschließend nichts mehr erschütten.

Mit Todesverachtung stürze ich das mir zugereichte Wasser mit einem Schluck hinunter, um dann überrascht festzustellen, dass ich das darin gelöste Desinfektionsmittel kaum schmecke. Kein Vergleich zu den tiefgekühlten Wasserportionen, die man hier in jedem Restaurant automatisch und ungefragt serviert bekommt. Kann es sein, dass Chlor warm weniger intensiv schmeckt? Oder sind die Geschmacksnerven unter Belastung einfach unempfindlicher und geduldiger? Leider habe ich gerade weder die technische Ausrüstung noch die Zeit für eine kurze Internetrecherche und verschiebe die Beantwortung dieser Fragen daher auf nach dem Lauf. Sollte es jemand wissen, ich bin dankbar für jeden Hinweis.

Weiter geht es entlang der großen Marinas in Richtung Norden. Die Strecke über die Sheridan Road ist schön, wenn auch nicht so spektakulär wie der Weg direkt am See. Ich gelange wieder in den ruhigen Betriebsmodus für Dauerbelastungen, in dem ich perfekt meinen Gedanken nachhängen kann, aber wenig von der Umgebung mitbekomme. Es ist auch relativ ruhig um mich herum. Es gibt zwar auch hier kaum große Lücken in den Zuschauerreihen. Aber wir sind in einer der eher „besseren“ Wohngegenden und dort neigt man erfahrungsgemäß dazu (nicht nur hier sondern weltweit), Sportler durchaus mit geneigtem Interesse aber auch mit einer gewissen emotionalen Distanz zu unterstützen.

Das ändert sich aber von einem Augenblick auf den anderen als wir nach gut 12 km in die Broadway Street einbiegen. Wir haben gerade den nördlichsten Punkt der Strecke durchlaufen und steuern nun wieder auf die Innenstadt zu. Jetzt ist wieder richtig Stimmung.

Wir kommen nun zum ersten Mal durch eine der sogenannten Neighborhoods, die mit ihrem individuellen und zum Teil sehr exotischen Charme viele amerikanischer Großstädte erst attraktiv macht. Eine Neighborhood ist von Prinzip ein Stadtteil, in der sich in der Regel eine oder mehrere Kulturkreise ihre eigene, spezielle Szene schaffen. Das können bestimmte Nationalitäten sein (Chinatown, Little Italy …) oder auch Menschen mit besonderen Lebenskonzepten (Künstler, Homosexuelle …). Und der Lauf durch diese Neighborhoods ist das, was den eigentlichen Reiz des Chicagomarathons ausmachen soll.
Hier wird der Marathon nicht nur beobachtet, hier wird er zelebriert; Läufer nicht nur unterstützt sondern gefeiert.

Ich bin jetzt in der „Lakeview East“, die auch „Boystown“ genannt wird. Warum, dass ist schnell offensichtlich, da die zahlreich am Strassenrand positionierten Cheerleader alle deutlich behaarter sind als ich. Mir (wie auch allen anderen Läufern) wird hier wie noch häufiger an diesem Tag ein „You look good“ zugerufen, was sich allerdings nur auf die körperliche Verfassung bezieht und nicht auf das Aussehen. In diesem Stadtteil bekommt dieser Spruch aber eine leicht andere Note. Vor allem, da hier das kleine Wörtchen „Sweetheart“ angehängt wird.
Um uns herum ist Stimmung wie auf einem Volksfest. Und auch die Laufstrecke selber ist sehr attraktiv. Eine typisch amerikanische Kleinstadtarchitektur im Baustil der 40er/50er Jahre. Farbenfroh und liebevoll restauriert. Viele Bars, Kunstateliers und kleine Geschäfte. Hier muss ich nach dem Lauf unbedingt noch mal hin.

Ich steuere auf den nächsten Versorgungspunkt zu. Diesmal traue ich mich sogar an das Gatorade heran Gar nicht mal so schlecht. Bei weitem nicht so konzentriert wie ich es vom letzten Mal in Erinnerung habe. Ich revidiere meine Meinung zu den Produkten dieser Firma und nehme sogar einen zweiten Becher, was ohne Gehpause möglich ist, denn die Getränkestellen sind wirklich lang. Gedränge gibt es nur auf den ersten Meter. Dahinter hat man noch ewig Zeit und Platz, sich einen Becher oder mehrere zu greifen. Gut 100 Meter nach dem Energiedrink kommen dann die Wasserbecher. Die chemische Keule schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich nehme einen kräftigen Schluck, nur um diesen umgehend wieder auszuspucken. Das Wasser schmeckt jetzt total bitter. Wie aus der Pfütze geschöpft. Ein zweiter Versuch ist dann schon deutlich erträglicher. Ich vermute zunächst, dass im ersten Becher vielleicht irgendwelche Rückstände waren (Details will ich mir nicht ausmalen). Später stelle ich aber fest, dass ich die gleiche „bittere Erfahrung“ immer dann mache, wenn ich direkt vorher Gatorade getrunken habe. Ob das Chlor im Leistungswasser etwa mit den geheimen und auf Erdöl basierenden Zutaten im Energiedrink reagiert? Vielleicht entweicht durch die Mischung ja sogar grüner Rauch aus den Mundwinkeln, ohne dass ich es bemerke? Wie auch immer, ich gewöhne mir an, den ersten Schluck Wasser nur zum Ausspülen zu verwenden. Heute lasse ich mich auf alle Kompromisse ein.

Weiter geht es durch die Stadtteile Lincoln Park und Old Town. Überall das gleiche Bild. Partystimmung und Enthusiasmus bei den Zuschauern. Ich bin immer noch bei einer Durchschnittspace von 5:50. Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt, mein Tempo anzuziehen und mich auf den Lauf zu konzentrieren. Ich spüre, dass ich mich jetzt entscheiden muss, was mir für die nächsten 25 Kilometer wichtiger ist. Das Ziel oder der Weg zum Ziel. Ich entscheide mich für das Letztere. Ungefähr bei Kilometer 15 schaue ich zum letzten Mal auf meine Garmin. Am Anfang ignoriere ich die Uhr noch mit Vorsatz. Später habe ich sie dann völlig vergessen. Im Nachhinein kann ich sagen, das war eine super Entscheidung.

Zu diesem Zeitpunkt ist mein Laufen nur noch Mittel zum Zweck, um von einem Highlight zum nächsten zu kommen. Ich klatsche dutzende von Händen jeglicher Größe und Hautfarbe ab. Ich bewege mich im Rhythmus von „Jailhouse Rock“ während ich den einzig echten, wiederauferstandenen Elvis passiere. Ich halte mir demonstrativ die Hand hinter das Ohr, als ob die Schulklasse am Straßenrand nicht schon genug Lärm machen würde. Die Antwort ist ein Orkan, deren Schallwellen mich gefühlt zwei Meter zurückwerfen. Ich bekomme Gänsehaut, als ich einem (deutlich über 70 Jahre alten) dunkelhäutigen Pärchen applaudiere, das die passierenden Läufer ebenso permanent wie unermüdlich anfeuert und als Antwort ein „Great job, young man. Chicago loves you“ zurückbekomme.
Ich bin Teil der Party.

Einer der wenigen deutschen Läufer, die ich überhaupt in der ganzen Zeit treffe, spricht mich von der Seite an. „Ist das nicht geil?“ Ich kann nur nicken.

Bei Kilometer 19 dann vertraute Gesichter. Meine Familie hat ihren Einsatzplan überarbeitet und hat nun die logistische Kette geschlossen. Jetzt kann gar nichts mehr passieren. In meiner Euphorie umarme ich meine Frau. Ich weiß, dass sie es hasst, wenn ich das in „transpirierendem“ Zustand mache. Aber heute ist mir alles egal und ich nehme die daraus entstehenden Konsequenzen billigend in Kauf.
Mein Neffe ist wenige Minuten vor mir durchgelaufen und soll dabei noch locker ausgesehen haben. Ich bin ein Tick erleichtert. Habe ich ihm doch diesen Lauf eingebrockt.

Selten habe ich mich in einem Lauf auf der Höhe der Halbmarathondistanz so gut gefühlt wie heute. Bisher war das Rennen ein großer Spaß. Aber jetzt, da wir über die Adams Street das Zentrum in Richtung Osten veranlassen, wird mir klar, dass das nicht so bleibt und dass mich nun deutlich mehr Anstrengungen erwarten.
Erstmalig laufen wir über eine lange Distanz in der prallen Sonne. Nur wenige Bäume spenden Schatten. An einem Display ist 84 Grad Fahrenheit zu lesen. Das sind wohl knapp 29C. Zudem machen die langen Geraden, die sich auf diesem Kurs teilweise über 5 Kilometer ziehen, mental durchaus Eindruck. Man sieht genau, wo man in etwa 30 Minuten sein wird. Die ganz Mutigen schauen dann noch nach links auf die 2 Blocks entfernte Parallelstrasse, um die Läufer zu sehen, die einem gut 1 Stunde voraus sind.

Auch die Zuschauer machen sich in diesem Abschnitt rar. Lediglich an den von den Wohltätigkeitsverbänden organisierten „Charity Cheer Zones“ ist Stimmung. Von dort werden besonders die Läufer angefeuert werden und versorgt, die für den jeweiligen Verein antreten und auch dessen Trikot tragen. Von Jogmap Schleswig Holstein ist leider keiner da und ich muss alleine klarkommen.

Für gut 10 Kilometer konzentriere ich mich wieder ausschließlich auf das Laufen. Ich habe auch kaum Erinnerungen an dieses Teilstück. Leider stellt sich die erhoffte innere Ruhe nicht wieder ein. Dafür ist es einfach zu warm. Mittlerweile nehme ich jeden Getränkespot intensiv mit. Ich bin nur froh, dass ich bis dahin noch nicht so viele Körner verschossen habe und dass ich nicht auf eine Zielzeit fixiert bin. Allerdings merke ich, ohne auf die Uhr zu schauen, dass ich an Tempo verliere. Trotzdem bin ich nun permanent am Überholen. Offensichtlich haben die viele meiner Kollegen um mich herum größere Schwierigkeiten mit der Hitze.


Live Interview bei Kilometer 28. Neongelb auf Kanal CBC5

Nach diesem herausfordernden Abschnitt erreichen wir den Stadtteil Pilsen. Pilsen ist die Neighborhood der Latinos. Ich merke es daran, dass eine lateinamerikanische Läufergruppe in grün-gelben Superhero-Kostümen, die eben noch unmotiviert vor sich hin trabte, plötzlich mit dynamischen Schritt das Tempo erhöht, um mit einem lauten „Meechicooo“ ein hunderfaches Echo aus den nun wieder dichtgedrängten Zuschauerrängen zu provozieren. Es ist nun Fiesta angesagt. Rhythmus-Bands und Merenge vom Band vor jedem 10. Haus. Vor dieser Kulisse will sich niemand hängen lassen. Unsere Läuferkolonne gewinnt wieder an Fahrt.

Neben der Stimmung wird mir später in Erinnerung bleiben, welche Unterstützung und Hilfsbereitschaft wir empfangen. Viele Kinder wie auch Erwachsene reichen uns Getränke und Verpflegung. Kleingeschnittenes Obst, Schokoriegel, Cookies, Wasser, Cola, Fruchtsäfte. Ich bin überwältig und es fällt mir schwer, an all den kleinen Händen vorbeizulaufen, ohne nach den angebotenen Fruchtbonbons zu greifen. Auch die mit großer Überzeugungskraft angebotenen Bierdosen muss ich jetzt leider verschmähen. Begeistert fasse ich aber in die angebotenen Tüten mit Eiswürfeln und auch die gekühlten Wasserflaschen nehme ich gerne an. Mein absolutes kulinarisches Highlight ist jedoch das Wasser-Eis am Stil (Orange, ein Geschmack fast wie das gute alte „Capri), das mir aus einem großen Karton von einer Familie in die Hand gedrückt wird. Die Kälte, das fruchtige Aroma und die Konsistenz sind in meinem erhitzten Zustand einfach perfekt.
Gibt es eigentlich Gels, die man sich ins Eisfach packen kann und bei einem Wettbewerb gekühlt zu sich nehmen kann? Hat das schon mal jemand ausprobiert? Aus meiner Sicht ist das eine echte Marktlücke.

Wohlgemerkt, dieses ganzen Catering kommt nicht von dem Veranstalter sondern ausschließlich von den lokalen Familien, die den Läufern und der Welt zeigen wollen, wie viel Gastfreundschaft in diesem Teil der Stadt zählt. Ich bin hin und weg.

Alle Müdigkeit ist verschwunden. Ich fühle neuen Elan und die Beine laufen wieder ohne ausdrückliche Aufforderung fast von selbst. Mittlerweile bin ich aber auch nass bis auf die Knochen. Genau wie auf dem Regenlauf letztes Jahr in Berlin. Nur mit dem Unterschied, dass ich mich dieses Mal über jeden Tropfen auf der Strecke freue und alles mitnehme, was mir angeboten wird. An jeder Station kippe ich mir mindestens 2 Wasserbecher über den Kopf und in den Nacken. Als einer der Helfer dieses sieht, schüttet er mir seinen Beckerinhalt in den Rücken. Mein daraufhin hochgestreckter Daumen führt zu einer Kettenreaktion, in der ich im Vorbeilaufen von dem Spalier der „Volunteers“ mindestens 10 Liter Wasser über den Körper bekommen.

An dieser Stelle muss ich einmal die vielen Helfer erwähnen. Eine der laut offiziellen Angaben über 12000 „Volunteers“ hat mir später erzählt, dass sie sich extra für den Einsatz bewerben musste und es sogar Wartelisten gab. An jedem der beiden letzten Tage hatte sie bereits jeweils rund 6 Stunden bei der Vorbereitung geholfen und war am Morgen des Rennes um 1(!) Uhr nachts aufgestanden. Was für ein Einsatz, was für eine Begeisterung.
Zukünftig werde ich nie wieder ein Wasser, ein Banane oder was auch immer von einem Helfer entgegennehmen, ohne ausdrücklich Danke zu sagen. Versprochen. Auch wenn mich das vielleicht wertvolle Sekunden auf die PB kostet.

Chinatown! Der letzte große Stadtteil, den wir bei Kilometer 35 durchlaufen. Überall Musik und unglaublich viele Zuschauer. Auch hier ganz großes Kino. Selbst eine mehrköpfige Gruppe mit dDrachenkostüm fehlt nicht. Meine Frau erzählt mir später, dass sie kaum zu mir durchdringen konnte. Alle Anfahrtswege und U-Bahnstationen waren völlig verstopft. Nur mit größtem körperlichem Einsatz gelingt es meiner Familie, zu mir durchzukommen und mich mit einem letzten Gel für die verbleibenden Kilometer auszustatten.

Die Zuschauer geben stimmlich noch einmal alles. Jeder weiß, dass das Lauffeld nun dringend Unterstützung braucht. Mir geht es seit dem Eis in Pilsen blendend. Natürlich merke ich, dass ich schon eine ordentliche Strecke hinter mir habe, dennoch kann ich den Lauf immer noch genießen.

Nach Chinatown geht es noch mal kurz in Richtung Süden und dann im 180 Grad Winkel zur der Michigan Avenue auf die Zielgerade. Leider ist diese Zielgerade jedoch noch gut 5 Kilometer lang und mit dem Blick auf die noch so ferne Skyline wirkt sie auch kein Stück kürzer. Da auch die Sonne noch einmal alles gibt und wir ja nun Mittagszeit haben, stellt die Hitze viele Teilnehmer zum Abschluss vor eine harte Probe. Ich schätze, dass mittlerweile ein Drittel der Teilnehmer sich nur noch gehend fortbewegt. Mein Lauf ist nun ein permanenter Überholvorgang.


Party in Chinatown

„Just 2 miles left!“ Kommt das von den Zuschauern? Oder über Lautsprecher? Oder hat sich meine innere Stimme gemeldet? Wie auch immer, es ist auf jeden Fall eine gute Nachricht,

800 Meter! 400 Meter! Komisch, da wird die ganze Zeit in Meilen gerechnet und am Ende kommt dann „unsere“ Maßeinheit zum Einsatz. Ob die Amis ihre Angaben in Yards und Fuß selber nicht verstehen? Wieder eine Frage, deren Beantwortung ich auf später verschiebe.

Die Zuschauer sind aus dem Häuschen. Die Kulisse scheint nur für mich zu rufen. Ich reiße die Arme hoch. Ich bin im Ziel.

Wahnsinn … was für ein Lauf. Abklatschen, Umarmungen, Glückwünsche. Ich spüre keine Erschöpfung, nur ein absolutes Glücksgefühl. Erst Stunden später schaue ich nach meiner Zielzeit. (Falls es jemand interessiert: 4:16:45)

Ich sehne mich nun nach einem alkoholfreien Weizen. Leider ist hier so etwas völlig unbekannt. Wasser kann ich nicht mehr sehen. Ich versuche eines der angebotenen Leichtbiere, aber selbst bei diesem verdampft der Alkohol viel zu schnell in Richtung Großhirn als dass ich mir damit unbeschadet den Durst löschen kann. Alkoholfreies Weizenbier ist aber der einzige Verbesserungsvorschlag. Ansonsten ist die Versorgung super.

Jetzt fehlt mir eigentlich nur mein Neffe zu einem perfekten Marathontag. Ich habe ihn ja schon ganz am Anfang des Rennens aus den Augen verloren. Laut meiner Familie hatte er immer einige Minuten vor mir gelegen. Ich warte eine gute Stunde erfolglos an dem vereinbarten Treffpunkt. Am Telefon erfahre ich, dass ihn bei Kilometer 32 der Mann mit dem Hammer so heftig von den Beinen geholt hat, dass er 20 Minuten keinen Meter mehr laufen konnte und letztendlich vom Bus in den Zielbereich gefahren werden musste. Sehr schade, obwohl es fast zu befürchten war.
Auf jeden Fall vereinbaren wir, dass wir in 3 Jahren einen neuen Anlauf in Chicago versuchen. Dann hat er seine Profikarriere als Fußballer hinter sich und Zeit für ein wirklich anspruchsvolles Training.

Bis dahin gibt es sicher für mich noch viele schöne und erlebnisreiche Läufe. Obwohl ich meine Zweifel habe, dass dieser Wettkampf und das ganze Event in Chicago so leicht zu toppen sein wird. Heute sitze ich wieder im kalten Deutschland und erlaube meinem Körper die verdiente Erholung. Obwohl … ich könnte schon wieder los.

Liebe Leute, vielen Dank für Euer Interesse an meinen Aufzeichnungen. Wer mehr über den letzten Chicago Marathon wissen möchte, dem kann ich einen sehr informativen Bericht von Herbert Steffny mit vielen interessanten Details empfehlen:

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Nicht eingehen wollte ich auf die dramatischen Ereignisse, die sich um die Geburt eines Kindes durch eine hochschwangere Läuferin sowie durch den Tod eines Läufers kurz vor dem Ziel abgespielt haben. Dazu gibt es ja mittlerweile eine Vielzahl von Berichten in der Presse und im Internet.

Liebe Grüße, Ponti

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4.866665
Gesamtwertung: 4.9 (15 Wertungen)

Glückwunsch

Ein wirklich schöner Bericht.

Schön, dass Du den Lauf so

Schön, dass Du den Lauf so genießen konntest, denn genau deswegen warst Du ja schließlich dort.
Wäre doch schade gewesen wenn Du auf der Jagd nach der PB das alles gar nicht richtig mitbekommen hättest.
Toller Bericht, ich kann es gar nicht oft genug schreiben.

Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Klasse Fortsetzungsroman

Da hast du dem Chicago Marathon ein wirklich schönes Blogdenkmal gesetzt. Die Stimmung, die Besonderheiten der verschiedenen Abschnitte, die Merkwürdigkeiten, so lebendig und spannend berichtet. Vielen Dank dafür
yazi

Danke für Deinen tollen

Danke für Deinen tollen Bericht. DAs war richtig zum Mit-er-leben.
Astrid

Ein Dreiteiler

War das spannend.
Das muss ein wirklich tolles Erlebnis für dich gewesen sein.
Ich habe jedenfalls mitgefiebert ....
Danke für diesen tollen Bericht

da

bekommt man richtig Lust, selbst mal mitzulaufen! Echt klasse Bericht, man kann wirklich mitfühlen.

laufend laufen

Wie soll...

dich denn die neongelbe Truppe supporten, wenn sie's erst hinterher erfährt? Neongelb verleiht zwar Flügel, wie Joggi555 so treffend schreibt, aber übern großen Teich und das auch noch als Zeitreise rückwärts tragen die wohl noch nicht.
Kommste in 2 Jahren mit mir nach NYC, dann organisieren wir das inkl. neongelbem Supportblock!!!
Meine Klamotten stehen eh 2cm ab vor lauter Gänsehaut. Sooo will ich das auch erleben in meiner "Traumstadt", schliesslich nehm ich den ganzen Trainingsaufwand genau für dieses Ziel auf mich...Gibts eigentlich Fotos und bringst du die mal mit?

zausel

>

Schoeeeeeen!!!!

Genauso muss City Marathon sein, finde ich.

Eine tolle Geschichte sehr spannend und anschaulich erzaehlt, ganz grosser Mitfuehlfaktor inclusive! Danke, und Gratulation!!!

cour-i-euse

Bin dabei

Na, Zausel, das ist doch ein Wort. New York ist eh in meiner Langfristplanung für 2013.
Dann lass uns doch eine neongelbe Welle für den Central Park organisieren.

Vielleicht finden wir ja auch noch Mitläufer oder neongelbe Cheerleader (mit/ohne Bart).

Ich werde in den letzten Teil am Wochenende noch einige Fotos einbinden. Ich habe auch vor, zu einem der nächsten Gruppentreffen zu kommen und nehme dann eine größeres Auswahl mit. Dort können wir ja auch die Details für NY aushecken.

LG, Ponti

gratuliere

sehr gut geschrieben !!!
hab selten einen derart langen blog mit freude und interesse gelesen ,
nicht überflogen
und heute abend sogar mit wenigen , aber aussagekräftigen fotos
was will man mehr
danke !
gc

Sooooo geil

1. Fotos!!!!
2. ein Traum wird wahr....

New York, New York, wir fahren (fliegen) nach New York....

See you in Lübeck?

zausel

>

Klasse

Die Berichte machen richtig Lust auf Chicago, da hast Du Dir eine schöne Rosine rausgepickt.
Danke für's teilhaben lassen.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Noch nie habe ich ...

... einen so langen Blog so aufmerksam gelesen! Du hast eine "schöne Schreibe" und wirklich einen super Bericht abgeliefert, der einen schönen Einblick in Deine Emotionen aber auch den Lauf widergibt.
Wenn man jemandem die Fazination Marathon näher bringen wollte, so könnte man Deinen Bericht nur empfehlen.

Dennis

LG Die Kaputten

Schöner Lauf, schöner Blog!

Ein unglaublich schöner Lauf. Ein unglaublich schöner Blog. Ich hatte langfristig mal New York als Ziel für "irgendwann" auserkoren. Es könnte nach deinem Bericht nun aber Chicago werden.

Wie war's denn nach dem Lauf in Boystown? Gibt es noch einen Teil 4? ;-)

Gruß

Sirius
... der erstmal nur hier rennt.

Danke für das Feedback

Ich freue mich sehr über die nette Kommentare und die großzügigen Bewertungssternchen. Danke.
Den Text habe ich aber auch für mich selber geschrieben, da bei mir sonst in kurzer Zeit vieles verblasst und manches vergessen wäre.

Ich beantworte gerne noch Fragen zu Chicago und seinen Marathon. Einfach eine PM schicken.

Sirius: Ich werde "Boystown" sicher irgendwann wieder besuchen, der Stadtteil ist wirklich reizvoll. Aber sicherheitshalber dann in Begleitung und im "Schutz" meiner Frau. Ein Teil 4 ist aber unwahrscheinlich. Schreiben ist doch deutlich anstrengender als Laufen.
LG, Ponti

3 Mal gelesen und immer noch witzig!

Ponti,
jetzt habe ich Deinen Bericht schon zum dritten Mal gelesen und finde immer neue witzige Stellen. Einfach super!
Wenn es jemals eine Rubrik "Jogmap Legenden" oder eine "Best of Jogmap"-Veröffentlichung gibt, dann gehört Dein Bericht definitiv da mit rein.
Hast Du schon mal überlegt, professionell zu schreiben? Mit Deinem Stil wärst Du eine echte Bereicherung für viele Laufzeitschriften.

Michael

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