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9. Oktober 2011, ca. 5 Uhr morgens - mein Hotelzimmer in Chicago. Es ist noch etwas hin bis zum Sonnenaufgang. Der Wecker, den ich zur Sicherheit eingestellt hatte, lasse ich erst gar nicht klingeln. Die frühe Zeit ist diesmal kein Problem. Dank des Jetlags liege ich schon seit mehr als einer Stunde wach und ich lasse die Vorbereitung auf „meinen“ Chicago Marathon noch einmal vor dem geistigen Auge vorbeiziehen.

Begonnen hatte ich die Laufsaison mit dem festen Vorsatz, in meinem zweiten Jahr als "ambitionierter Freizeitläufer" zum ersten Mal die 10 km unter 50 Minuten zu packen und bei einem Marathon die 4 Stunden zu unterbieten. Von diesen Zielen hatte ich mich inzwischen (zumindest für 2011) allerdings längst verabschiedet. Die 10 km Hürde hatte ich nun schon 3 Mal mit knapp 51 Minuten überschritten. Und als ich mich vor 5 Wochen einmal so gut fühlte, dass ich mir für die < 50 absolut sicher war, hatte ich das Rennen kurzfristig wegen Erkältung absagen müssen. Dieser Hals- und Nasenbazillus war dann auch über die nächsten Wochen ein treuer Begleiter, so dass ich meine Vorbereitung für Chicago nach dem für mich sowieso eh etwas unterdimensionierten Steffny-Plan Sub 4 nicht voll durchziehen konnte. Und dann kamen noch jede Menge vielfältiger Ausreden dazu, die alle gegen meine Wunschzeit sprachen. Angefangen von der späten Reise in die USA zwei Tage vor dem Rennen bedingt durch die Schulverpflichtungen meiner Tochter bis hin zu der absolut kontraproduktiven, mehrstündigen Sightseeing-Wanderung durch Chicago und über die Marathon Expo am Tag vor dem Event.

Also selbst schuld, höre ich die kritischen Leser dieses Textes denken. Und unter uns… ich kann da auch nur voll zustimmen. Für die breite Öffentlichkeit war ich aber zumindest marketing- und imagetechnisch gut darauf vorbereitet, zu erklären, warum ich die am Januar vollmundig verbreiteten Jahreszielzeiten „knapp“ gerissen hatte.

Das und vieles mehr geht mir nun 3 Stunden vor dem Start durch den Kopf. Dabei stelle ich zum wiederholten Male fest, dass mir die Endzeit erstaunlich egal zu sein scheint. Wie immer in diesen Momenten meldet sich dann irgendwo ganz tief in mir eine Stimme, die behauptet, dass ich mir nur selber in die Tasche lüge und dass, falls ich die Zeit wieder verbocke, es nur an unterentwickeltem Willen und nachlässiger Vorbereitung liegt. Allerdings ist diese Stimme heute sehr schwach und in keiner Weise überzeugend. Nein, es fühlt sich anders an. Mein zeitlicher Ergeiz verblasst dieses Mail völlig neben der riesigen Freude, hier und jetzt dabei zu sein. Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Lauf einfach nur zu genießen. Und nichts und niemand, vor allem nicht ich selber, werden mich davon abbringen können.

Dabei muss ich erwähnen, "Schuld" an den neuen Prioritäten hat auch ein Marathon, den ich in der (ebenfalls großartigen) Stadt Stockholm im Mai gemacht hatte. Jenen Lauf habe ich mir mit meinen Sub 4 Ambitionen fast „versaut“. Dauerhaft leicht erkältet in der Vorbereitung mit einem wiederkehrend schmerzenden Ilosakralgelenk (das kannte ich auch erst seit kurzem) war ich viel zu schnell losgerannt und konnte den Kurs die letzten 12 km nur mit vielen Gehpausen beenden. Von Genuss keine Spur. DAS sollte mir in Chicago nicht passieren. Von daher ... erstmal locker loslaufen und im weiteren Verlauf mal abwarten, in welchem Tempo das ganze mir noch Spaß machen würde. In dürren Worten: Das war meine Rennstrategie.

Seit der Landung am Airport Chicago O'Hare vor zwei Tagen hatten sich die Spannung und eine leichte Nervosität im Gleichschritt mit der Vorfreude stetig erhöht.

Schon am Flughafen waren die Läufer allgegenwärtig, die sich in Scharen um die Informationsschalter am Terminal sammelten. Was mir hier wie schon vorher in Berlin und Stockholm auffiel. Es scheint fast so, als ob vor allem unsere italienischen Laufkollegen ihre Funktionsshirts und Laufschuhe bereits bei der Anreise anziehen. Würden die Startnummern bereits im Vorwege verschickt werden, wären diese wahrscheinlich ebenfalls schon angelegt. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Möglicherweise ist es aber auch nur eine Absicherung für den Fall, dass das Gepäck auf dem Flug verlorengeht. Ich habe ja meine Basisausrüstung auch immer im Handgepäck dabei. Aber von mir als Deutscher erwartet man schon eher eine solche Vorsicht und die dementsprechende Worst-Case-Planung, oder?

Unser Hotel war komplett in Läuferhand. Unaufgefordert bekam ich an der Rezeption ein Päckchen Infomaterial rund um den Marathon in die Hand gedrückt, ohne dass ich explizit als Läufer gebucht oder ich mich entsprechend geoutet hätte. Aber es gab mir ein gutes Gefühl, dass man mir zumindest optisch den Marathon zutraute. In meinem Alter jenseits der Midlife-Crises nimmt man jedes kleines Signal dieser Art dankbar auf.
Bei der Gelegenheit bekam ich auch gleich den (sehr hilfreichen) Tipp, so schnell wie möglich für die nächsten beiden Tage irgendwo in einem Restaurant zu reservieren, da erfahrungsgemäß kurzfristig nur noch vor 16 und nach 23 Uhr ein Tisch zu bekommen sei. Dieses solle vor allem für italienische Lokale gelten, in denen sich (die Statistik habe ich später gelesen) der Pasta-Absatz am Marathonwochenende verfünffacht (!).

Zum Glück wollten wir uns an dem ersten Abend mit Freunden aus Kanada treffen, die extra für meinen Lauf nach Chicago angereist waren. Und die wiederum kannten den Schwager eines Kellners, der im "Carmine´s" in der North Rush Street arbeitete und der uns noch einen Tisch organisieren konnte, obwohl dieser angesagte Italiener schon seit Tagen ausgebucht war. Der Eingang dieses Lokals war, wie der aller anderen Lokale auch, durch eine gut 10 Meter lange Warteschlange leicht zu erkennen (und das waren nur die Gäste mit Reservierungen). Im Lokal erwartete uns eine extrem verkürzte und auf Marathonläufer fokussierte Speisekarte. Also primär Kohlenhydrate satt. Für alle Nichtläufer und diejenigen Athleten, die glauben, die Ernährungstipps der Laufpäpste ignorieren zu können, gab es dann als Alternative noch Steak und Salat. Wir wurden auch schon bei der Verteilung der Karten darauf hingewiesen, dass man aufgrund der besonderen Auslastung der Küche leider keine Extrawünsche erfüllen könne.

Nach gefühlten 30 Minuten Gesamtzeit waren wir mit unserem Essen dann bereits durch. Ich vermute, dass zu diesem Zeitpunkt auch schon mindestens 2 weitere Reservierungen für unseren Tisch am Eingang warteten.

Alternativ hätten wir auch an einer der offiziellen und halboffiziellen Pasta-Parties teilnehmen können. Die sind im Startgeld nicht enthalten, dafür kann man aber Tickets für beliebig viele Begleiter kaufen. Die größte Party, das „Hilton Pasta Dinner“, findet im „Hilton Chicago“, dem "offiziellen" Marathonhotel, statt. Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Arrangements wie die „Pasta-Party-Sundown-Cruises“ auf dem Lake Michigan. Da wir aber gehört hatten, dass diese all sehr trubelig, vom Essen eher schlicht und dabei mit mindestens $35 pro Person auch nicht gerade preiswert waren, hatten wir uns für die individuelle Variante entschieden. Allerdings glaube ich inzwischen, dass Chicago an diesem speziellen Wochenende generell nichts für Invidualisten ist.

Das Zentrum von Chicago war bereits 2 Tage vor dem Marathon fest im Griff der Läufer, die meisten davon deutlich an den entsprechenden T-Shirts zu erkennen. Die gab es offiziell vom Hauptsponsor Nike und inoffiziell beim Dealer des Vertrauens in dutzenden von Variationen überall in der Stadt zu kaufen.

Eine Chicagoerin hatte mir im Jahr vorher gesagt, die Stadt hätte am Freitag und Samstag vor dem Lauf einen ganz besonderen "Pulsschlag". Heute glaube ich zu wissen, was Sie meinte. Die Anspannung und Vorfreude einerseits sowie das Gefühl anderseits, zusammen mit vielen Menschen anderer Nationen aktiver Teil einer großen Anstrengung mit gleichem Ziel zu sein, lässt ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, das fast mit den Händen zu greifen ist. Meine Frau hat mich in diesem Zusammenhang mehr als einmal auf meinen verklärten Blick angesprochen.

Es ist überall zu spüren, die Läufer freuen sich auf Chicago und Chicago freut sich über die Läufer. Dabei ist Chicago gut vorbereitet. Trotz der Menschenmassen geht es alles perfekt organisiert zu und wenn es dann doch mal eng oder unübersichtlich wird, so nehmen es die Einheimischen mit der Freundlichkeit und Gelassenheit auf, die ich an der Stadt so sehr schätze.

Ein Jetlag mag für einen Marathon selber nachteilig sein, er hat für mich als passionierter Langschläfer und Abendläufer allerdings den großen Vorteil, dass ich einmal in den Sonnenaufgang laufen kann ohne einer kritischen Herausforderung an meine Selbstdisziplin gegenüberzustehen. Am Samstagmorgen war der Tagesanbruch gerade erst am Horizont zu erahnen, als ich schon vom Hotel zum Michigan See trabte, um dort eine kleine, kurze Akklimatisierungsrunde zu drehen. Dort liegt für mich persönlich einer der spektakulärsten Laufstrecken, die ich bisher kennenlernen durfte und die ich auch in der Vergangenheit als "Jogger" nie ausgelassen hatte. Sie beginnt an der Ecke North Michigan Ave / North Lakeshore Drive und führt zwischen Strand und Lincoln Park in Richtung Norden. Dort bietet sich ein atemberaubenden Ausblick auf den See, die Skyline sowie auf den Navy Pier, dem größten Vergnügungsviertel der Stadt. Eine Strecke, die auch ohne Marathon einen echtes Highlight ist.

Schon an einem normalen Tag trifft sich dort morgens und abends das sportliche Chicago. An diesem Samstag ging es dort aber zu wie auf einer Stadtautobahn im Feierabend. Und das um 5 Uhr morgens. Es wirkte fast so, als ob der Marathon schon lief.
Vor allem die die Asiaten und Europäer, die offensichtlich das gleiche Problem mit der Zeitzone hatten, schienen sich hier zum Sunrise-Jog verabredet zu haben.

Viele quatschten mit vielen in allen erdenklichen Sprachen. Überall Lächeln und freundliches Grüssen. Eine tolle Stimmung und dazu ein fantastischer Sonnenaufgang. Wer jetzt noch nicht im Marathonfieber war, dem war nicht mehr zu helfen.

Hier trug ich auch zum ersten Mal eines meiner beiden quietschgelben Jogmap-SH-Laufshirts, die die nächsten beiden Tage dafür sorgen würden, dass ich permanent auf Deutsch angesprochen wurde. Dabei waren das in der Regel keine Deutschen sondern fast ausschließlich Amerikaner mit deutschen Wurzeln, Freunden etc. oder mit einem starkem Faible für unser Land. Positiv fällt mir mittlerweile dabei auf, dass immer mehr Amerikanern (zumindest in Chicago, in Kentucky würde ein Test wahrscheinlich anders ausfallen) bewusst ist, dass es bei uns in Deutschland mehr gibt als nur den Freistaat Bayern. Nicht wenige sind schon mal im Hamburg gewesen und einige kannten sogar Schleswig-Holstein. Wobei ich immer noch oft erklären (und manchmal begründen) muss, dass ich anders als fast alle meine amerikanischen Gesprächspartner noch nie auf dem Oktoberfest war.

Mir fehlt der Vergleich, da ich letztes Jahr in Berlin die Expo ausgelassen hatte, aber mir kam die Dimension der Marathon Messe im Mc Cormick Convention Center mit 175 Ausstellern und über 130000 Besuchern gewaltig vor.
Dennoch läuft der offizielle Part zur finalen Registrierung und die Abholung der Unterlagen völlig unkompliziert. Auch hier eine perfekte Organisation. Wenn man wirklich mal nicht weiter weiß, dann stehen an jeder Ecke hilfreiche Geister, die jede Frage beantworten (sogar gelegentlich in Deutsch, die Fremdsprachenkenntnisse sind an den Namensschildern erkennbar).

Wer noch nicht ausreichend auf das kommende Ereignis eingestimmt war, für den lief am Eingang zur Messe auf überdimensionalen Leinwänden ein Video, wie es in Pathos und Emotionen in dieser Art und vor allem so professionell nur in Amerika produziert werden kann. Ich gebe zu, ich war ergriffen. Meine Frau wies mich wieder auf meinen verklärten Blick hin. Und ich erklärte es zum wiederholten Male damit, dass ich wohl etwas ins Auge bekommen hätte. Dabei hatte ich aber selber den Eindruck, dass ich zunehmend weniger überzeugend klang.

Wir hatten für die Messe einschließlich der Abholung der Startunterlagen gut eine Stunde veranschlagt. Aber in dieser Zeit schafften wir gerade mal ein Drittel der Ausstellung. Die Tüten waren bereits gut gefüllt von allen den Proben der Gels, Powerriegel, Energiedrinks etc., die mir eines Tests durchaus für würdig erschienen, von denen ich aber später viele nach dem Öffnen gleich umgehend wieder entsorgte. Vielleicht kann mir irgendwann jemand erklären, warum konzentrierte Kohlenhydrate immer so fiese süß und künstlich schmecken müssen?

Natürlich gab es auch hier die üblichen Anbieter, wie wir Sie schon einige Male gesehen hatten. Es gab jedoch viele kleine Services, Produkte und Gimmicks, die, wenn wir sie auch nicht erwarben, zumindest Unterhaltungswert hatten. Die Schuhe mit individuellem Monogramm, das Service einer großen Bulettenbraterei an dort registrierte Läufer, ihre Platzierung und Laufzeit während der Rennens in den Filialen abrufbar zu machen, oder die Präsentation anderer Laufevents wie zum Beispiel der Disneyparks ließen unsere Zeit im Flug vergehen. Allerdings war das Durchkommen durch die Reihen auch erschwert durch Warteschlangen, an deren Ende meist ein mir dato unbekannter Laufguru Bücher signierte oder ekstatisch zappelnde Teenager (und ihre Väter) sich zusammen mit einem breit lächelndem Modellathleten fotografieren ließen. Ich vermutete, dass es sich dabei um nationale Sportidole handeln musste. Zumindest wiesen die Displays darauf hin, die diese Athleten mit Medaillen oder Pokalen dekoriert vor bzw unter einer überdimensionalen USA Fahne und mit exakt dem gleichen gewinnenden Lächeln zeigten. Uns war es fast schon peinlich, dass wir niemanden davon kannten. Immerhin … zumindest zwei Fussball-Nationalspielerinnen der USA konnten wir identifizieren. Autogramme haben wir uns trotzdem nicht geholt.

Eine nette Idee war die megagrosse Wand mit den Namen aller(!) am Marathon startenden Läufer. Auch hier beim unvermeidlichen Foto kam man automatisch mit anderen Läufern ins Gespräch wie zum Beispiel mit Ken aus Dallas (, der sich am liebsten abends mit mir auf der Pasta Party treffen wollte, um alles über SEINEN Traummarathon in Berlin zu erfahren), mit Emmy aus Atlanta (der vor 2 Jahren noch niemand zugetraut hätte, dass Sie einmal mehr als 1 Mile laufen könnte) und mit der Familie Gould aus Vancouver (, die gleich mit Vater, Mutter und 3 Kindern, das jüngste davon 13 Jahre gemeinsam am Start waren). Ich hatte vielleicht 20 Minuten dort verbracht. Aber was für Geschichten hatte ich allein in dieser kurzen Zeit erfahren? Irre. Und wieder wallte dieses tiefe Gefühl auf, Teil von etwas ganz Großem zu sein.

Ich habe einmal gelesen, dass 15 Minuten auf einer Expo den Marathonlauf um 1 Minute verlängern. Also wieder einen Ratschlag, den ich in den Wind geschlagen hatte. Allein das Warten auf meine Damen im Nike-Stand hatte mich danach 4 Minuten auf meine persönliche Bestzeit gekostet. Ganz zu schweigen von den 3 Bier, die ich abends noch mit unseren kanadischen Freunden und meiner Familie genommen hatte und die in den mir bekannten Vorbereitungslisten für einen Wettkampf so auch nicht explizit empfohlen wurden.

Aber ich war in guter Gesellschaft. Die Strassen waren auch am Abend noch voller Läufer, die sich alle in den unzähligen Freiluft-Kneipen bei lauschigen Temperaturen um die leistungshemmende Wirkung von Alkohol wenig Gedanken zu machen schienen.

Generell hatte ich den Eindruck, dass im Vergleich zu meinen bisherigen Wettkämpfen die Teilnehmer im Vorwege hier deutlich lockerer und entspannter wirkten. Möglicherweise auch ein Tick weniger leistungsorientiert. Obwohl ... im Vorwege bin ich immer wieder auf meine Zielzeit angesprochen worden und wie ich mich denn auf den Lauf vorbereitet hätte. Auch hatte ich den Eindruck, dass sich viele der amerikanischen Läufer in Theorie intensiv mit Trainingslehre auseinandergesetzt hatten oder zumindest gerne darüber fachsimpelten. Aber vielleicht ersetzt bei diesen am Ende der Spaßfaktor doch ein ganzes Stück die Leistungsorientierung. Es kann sein, dass dieses auch einer der Gründe dafür ist, warum die großen Stadtmarathons in Amerika, von Boston einmal abgesehen, im Durchschnitt von der breiten Masse um einiges langsamer gelaufen werden als vergleichbare Wettkämpfe in Europa.

9. Oktober 2011, ca. 5:55 Uhr morgens – immer noch mein Hotelzimmer. Der Jetlag hat noch einen weiteren Vorteil. Alle Körperfunktionen sind bereits rechtzeitig vor dem Start auf Betriebstemperatur. Ich bin also bereit und will auch nicht länger warten. Ich checke zum wiederholten Mal die aktuelle Temperatur vorort. 16C um diese Zeit und damit um 3 Grad wärmer als noch 45 Minuten vorher lassen nach den bisherigen Erfahrungen einen warmen Tag erwarten.

Das Marathonwetter ist in Chicago ein recht launisches. Es bereitet Jahr für Jahr gerne Überraschungen. In den letzten 4 Jahren ist von 7C bis 28C (Durchschnittstemperatur wohlgemerkt!) dabei alles gemessen worden. Läufe in heißem Wetter bedeuten natürlich immer ein Risiko und Risiken beantwortet man in den USA grundsätzlich mit einem konsequenten Regelwerk. In diesem Fall heißt das, dass es einen offiziellen "Heat condition status" (oder so ähnlich) gibt, für den ein "Grün" bis "Schwarz" vergeben wird abhängig von den aktuellen Temperaturen. Ich habe mich als optimistischer Mensch nicht mit den Details beschäftigt, weiß aber, dass bei Status "Schwarz" das Rennen sofort abgebrochen wird. Im Vorjahr bei Spitzenwerten mit über 30C soll es nach unbestätigten Quellen angeblich kurz davor gestanden haben. Ein sehr beunruhigendes Szenario. Ganz so heiß wird es wohl diesmal nicht werden. Bei angekündigten 24C+ lasse ich aber trotzdem mein langärmliches Laufshirt im Schrank.

In der Lobby des Hotels treffe ich auf gut 6 Dutzend weiterer Läufer, die alle den Shuttle zum Startbereich im Grant Park gebucht haben. Unter den Wartenden auch mein Neffe, den ich vor Monaten zur gemeinsamen Teilnahme überredet hatte (und der mich dafür bestimmt schon viele Male verflucht hat). Mein Neffe ist auf diesem Lauf ein echtes Experiment. Er ist eigentlich total fit, denn er spielt seit vielen Jahren in den USA professionell Fußball und trainiert mindestens 5 Mal die Woche. Auch hatte er schon vor vielen Jahren einmal einen Marathon in Hamburg (mit für mich unerreichbaren 3:30!) gelaufen und wusste daher prinzipiell, was auf ihn zukommt. Die Profisaison endet im amerikanischen Fußball immer im Sommer, um dann im Frühjahr wieder zu beginnen. Sein ursprünglicher Plan war also, nach der Saison direkt aus dem Profi-Fussballtraining in die Marathonvorbereitung zu wechseln. Dummerweise war sein Team dieses Jahr so erfolgreich, dass er überhaupt nur 4 Wochen Zeit hatte für längere Läufe hatte und es zudem mit Strecken um max. 20km belassen musste. Die spannende Frage war nun, wie sein auf Kurzstrecken trainierter Körper mit der Langstrecke klarkommen würde. Einige Stunden später sollten wir die Antwort bekommen.

Unser Start in den Lauftag ist mehr als stilvoll. Um alle Läufer transportiert zu bekommen, mobilisiert das Hotel seinen gesamten Fuhrpark. Und dazu gehört auch eine der überdimensionalen Stretchlimousinen, in der wir nun unter Glitzerhimmel sowie eingerahmt von „DJ-Musictower“ und vollverchromter (wenn auch leerer) Minibar unsere spektakuläre Einfahrt in den Grant Park zelebrieren. Einer weiterer dieser „Wow“-Momente, von denen an diesem Tag noch so viele folgen sollen.

Um 6:30 Uhr, also 1 Stunde vor dem offiziellen Start, ist der für die Teilnehmer abgesperrte Bereich des Parks selbst noch erstaunlich ruhig. Allerdings strömen zunehmend die Menschenmassen von allen Seiten. Und in langen Kolonnen schütten die Shuttlebusse der Hotels Läufer vor den markierten Eingängen aus.

Die Abgabebereiche für die Kleiderbeutel ist nach Farben sortiert. Mein „Blue Gear Check“ liegt direkt am „Buckingham Fountain“, ein perfekter Spot um vor malerischem Sonnenaufgang ein letztes Foto von uns zu machen. Auch hier ergibt sich wieder eine rege Kommunikation. In knapp 5 Minuten fotografiere ich bestimmt zwei Dutzend anderer Läufern (um Missverständnisse zu vermeiden: Mit deren Kamera, nicht mit meiner). Ich will keine Stereotypen strapazieren, aber eine 3er Gruppe koreanischer Mädels durfte ich insgesamt 6mal mit jeweils unterschiedlichen Kameras/Handys festhalten.

Das Starterfeld ist wie auf allen großen Events in verschiedene Blöcke ("Corals") eingeteilt, die jeweils leistungsabhängig sind. Um einem der „schnellen“ Corals zugeordnet zu werden, muss man sich mit der Anmeldung entsprechend bewerben. Bis knapp 6 Wochen vor dem Lauf hat man dann Zeit, die Leistungsstärke durch den Scan einer offiziellen Urkunde von einem anderen aktuell gelaufenen Marathon zu belegen.

Da ich, wie bereits geschrieben, mein 4 Stunden Ziel und damit den langsamsten der Leistungsblöcke im Frühjahr verpasst hatte, bin ich dem "Open Coral" zugeordnet. Aus diesem starten gut 3/4 der rund 35000 Teilnehmer. Im Open Coral ist der Startbereich in Zeitblöcke von 4 bis 5:45 eingeteilt, in die sich aber jeder nach eigener Einschätzung und ohne Kontrolle begeben kann. Um 6:50 Uhr ist der Startbereich noch dünn besetzt, so dass wir uns für eine letzte Runde vor den blauen Häuschen anstellen. Auch hier in der Schlange werde ich wieder laufend auf mein Shirt und Schleswig-Holstein angesprochen. Vielleicht sollte das Schleswig-Holstein Marketing einmal überlegen, ihre Budgets lieber in Laufshirts zu investieren und unsere Community auf die Läufe dieser Welt zu schicken. Wäre doch mal ein Versuch wert, oder?

Offiziell angekündigt ist, dass die Corals um 7:15 geschlossen werden. Das ist aber reine Theorie. Als wir kurz vor der Deadline bei unserem Startblock ankommen, ist dieser mittlerweile völlig überfüllt. Wir schliessen uns der Schlange an, die bereits ca. 30 Meter vor dem Coral beginnt und von der wir hoffen, dass sie nicht wieder an den Toiletten endet.
Da wir uns keine Kletteraktionen über die Zäune antun wollen, kommen wir zum Start auch nicht mehr voran. Die Kulisse ist beeindruckend. Wir starten in Richtung der Skyline, die sich wie ein Felsmassiv vor uns auftürmt und in der sich die nun schon recht hochstehende (und zunehmend wärmende) Sonne gleißend spiegelt. Spätestens jetzt dürfte sich der eine oder andere gefragt haben, ob der Verzicht auf die Sonnenmilch oder das Tragen eines langärmigen, flies-gefütterten Laufshirt eine weise Entscheidung gewesen ist.

Kurz vor dem 7:30 dann die in den USA unverzichtbare Nationalhymne. Vielleicht vom Band aber vermutlich live gesungen von irgendeinem populären Opernstar, für dessen Darbietungen wir sonst wahrscheinlich ein Vermögen hätten bezahlen müssen. Aber so richtig beurteilen können wir das aus unserer Warte heraus nicht. Plötzlich und ein wenig überraschend setzen sich die Massen in Bewegung. War das schon der Start? Keine Luftballons wie in Berlin, keinen Coundown oder La-Ola unter den Läufern? Fast ein bisschen enttäuschend nach den spektakulären Eindrücken im Vorwege.

Wir nähern uns dem Starttor. Da wir uns ziemlich am Rand des Feldes bewegen, fliegen uns laufend Kleidungsstücke um die Ohren, die für Ihre ehemaligen Eigentümer noch den letzten Dienst erfüllt haben, nämlich diesen vor dem Start vor dem recht frischen Seewind zu schützen, und die nun im Rahmen der möglicherweise größten Altkleidersammlung der Stadt in karitative Zwecke überführt werden.

Ein letztes Abklatschen mit meinem Neffen und gute Wünsche. An der Startlinie ein letzter Blick zur Uhr. Wieder eine Überraschung. Es ist gerade einmal 9 Minuten seit dem offiziellen Start vergangen. Wir hatten im Vorwege gesagt bekommen, dass das im Schnitt aus dem Open Coral gut 25 bis 30 Minuten dauern würde.
Nun ist es eigentlich kein Problem, wenn man bei einem Marathon zu schnell ist. Da aber meine gesamte Support- und Versorgungslogistik für mich und meinen Neffen durch meine Familie auf einem ausgeklügelten und straffen Zeitplan (mit der Annahme: Unser Start = offizieller Start + 25) basiert, beunruhigt mich der Gedanke ein wenig, durch das Ausbleiben unserer "Versorgungsteams" in den nächsten 4 Stunden meinen Stoffwechsel ausschliesslich nur mit gechlortem Leistungswasser und quietschsüssen, an mir noch ungetesteten Energiedrinks versorgen zu müssen.

Aber was soll es. Ich bin in Chicago. Ich laufe. Ich laufe den Chicago Marathon!
Ich bin sicher, es wird ein herrliches Rennen …

Teil 1: Bitte hier klicken

Teil 3: Bitte hier klicken

4.666665
Gesamtwertung: 4.7 (6 Wertungen)

Bin ganz drin

Ich bin ganz drin in der Geschichte. Doof nur dass ich jetzt so lange warten muss bis sie weitergeht.

Aber was solls, Du bist in Chicago und ich bin mir sicher das wird ein herrliches Rennen.

cour-i-euse

Schade

Kann mich meiner Vorschreiberin nur anschließen: Schade, dass ich so lange warten muss :-(
Dein Beitrag ist einfach toll geschrieben und man fühlt richtig mit...freue mich schon auf Teil3!!

Hey, Ponti22,

das ist ja beste Unterhaltung, die du da servierst!!!!!!

Ich kann den dritten Teil kaum erwarten!

Volker



Jogmap Schleswig-Holstein - neongelb beflügelt

So ein Glück, dass ich

So ein Glück, dass ich heute noch frei habe - so konnte ich in aller Ruhe den zweiten Teil lesen. Vielen Dank für diese Fortsetzungsgeschichte!

Gut gefallen hat mir auch "Auch hier in der Schlange werde ich wieder laufend auf mein Shirt und Schleswig-Holstein angesprochen. Vielleicht sollte das Schleswig-Holstein Marketing einmal überlegen, ihre Budgets lieber in Laufshirts zu investieren und unsere Community auf die Läufe dieser Welt zu schicken." - ich wäre mit dabei. Vielleicht liest ein SH-Manager mit und versorgt die gesamte JM-Gemeinde mit neongelben Shirts?


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

Bin schon sooo gespannt

auf Teil 3 und den eigentlichen Lauf...

Ich bin gespannt auf Teil 3

Logistikprobleme inmitten von 35000 Läufern, das kann ja was werden...

Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

sehr anschaulisch

sehr anschaulich geschriebene Geschichte. Man könnte denken, du bist Schriftsteller. Deine Story hat auf jeden Fall eine Veröfflichung in einem Laufmagazin verdient. Biete sie doch mal einschlägigen Verlagen an! Ich freue mich auf Teil 3

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