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Warum Chicago?

Es gibt doch so viele schöne Stadtläufe in Europa. Und wenn schon USA, dann fallen den meisten doch eher Boston oder New York ein. Aber bei mir konnte es nur Chicago sein. Denn mein Verhältnis zu der Stadt im Allgemeinen und zu seinem Marathon im Speziellen ist ein ganz besonderes.

Generell ist in den USA diese Stadt mein persönlicher Favorit. Zumindest im Vergleich zu den Metropolen, die ich dort bisher kennenlernen durfte. Bodenständiger als LA, kühler als Miami, milder als San Franzisko und vor allem viel, viel entspannter als New York.
Ok, man kann über alles streiten. Aber ich behaupte ja auch weder hier noch später zu versuchen, "objektiv" sein zu wollen.

In Chicago begann meine "Karriere" als Marathonläufer. Zumindest mental. Bedingt durch eine Konferenz, an der ich dort über mehrere Jahre jeweils im Oktober teilnahm, kam ich zum ersten Mal in 2007 mit dem Chicago Marathon in Berührung. Zunächst durch die Person eines Taxifahrers, der mir wortreich erklärte, dass er jetzt auf keinen Fall Downtown fahren würde, da alles wegen "der verrückten Läufer gesperrt sei".
Zum ersten (und einzigen) Mal passierte es mir, das mir ein Taxifahrer die Bahn empfahl. Nicht nur deswegen folgte ich seinem Rat.

Irgendwann in der Nähe des Zentrums fuhr mein Zug dann in einen Bahnhof ein, deren Plattform schwarz vor Menschen war, die alle heftig versuchten, sich in unter anderem in mein Abteil zu pressen. Viele hatten dabei Plakate dabei, so dass ich erst an einen Aufmarsch für eine Demo dachte. Allerdings konnte sich mir bei Aufschriften wie "Daddy, we love you" und "Pain is tempory, honor is forever" das Thema des Protestes nicht so recht erschließen.

An meiner Zielstation wurde ich zusammen mit meinem Koffer durch die Massen förmlich aus dem Zug und aus dem Bahnhof gespült. Ich konnte mir über den ganzen Trubel keinen Reim machen, denn erst Jahre später hat mir meine Frau erzählt, wie viel Tempo, Logistik, Durchsetzungsvermögen und Glück dazugehören, um bei einem Marathon rechtzeitig von einem zum nächsten vereinbarten Punkt zu kommen. Nur um dort den favorisierten Läufer mit Getränken, Gels und anderen überlebenswichtigen Utensilien auszustatten.

Zurück im Tageslicht sah ich also auf der Strasse den Grund der Aufregung und somit zum ersten Mal live ein Marathonrennen. Nach einer ersten Orientierung stellte ich fest, dass mein Hotel auf der anderen Straßenseite lag und ich versuchte eine Taktik zu entwickeln, wie ich mit meinem Rollkoffer durch mehrere Reihen scheinbar euphorisierter Fans durchkommen, die mit Läufern stark frequentierte Strasse überqueren um am Ende erneut durch ein Spalier von Supportern drängen zu können. Nach einiger Zeit gab ich die Hoffnung auf und beschloss, das Rennen auszusitzen (ich hatte ja keine Ahnung, dass das im Extremfall 7 Stunden dauern kann) und das Treiben erst mal in Ruhe von einen Café aus zu betrachten. Ich gestehe offen, dass ich das durchaus mit einer gewissen innerlichen Distanz tat, da ich bis dahin mit dem schnellen Laufen langer Strecken weder Spaß noch Befriedigung verbunden hatte. Und die Gestalten, die da zum Teil an mir "vorbeischlurften", konnten meine negative Grundhaltung nicht wirklich erschüttern. Ich war damals wohl ungefähr bei Kilometer 33 und heute weiß ich aus Erfahrung, dass man an diesem Punkt durchaus leidend wirken darf.

Wirklich beeindruckt war ich aber von der Stimmung bei den Zuschauern, die die Wettkämpfer offensichtlich eifrig motivierten, sich diesen Strapazen weiter zu stellen.

Nachdem ich endlich an meinem Hotel angekommen war (nach einer guten Stunde nutzte ich eine Lücke in der nun dünner werdenden Zahl der Läufer und Supporter) traf ich mich abends dann zum Essen mit Geschäftspartnern. In Chicago ist abends immer recht viel los, aber an dem Tag waren die Strassen, Bars und Restaurants extrem voll, laut und lebhaft. Überall Marathonläufer. Einige mit einem etwas breiten, hölzernen Gang, aber viele mit einem Blick, der mir als eine Mischung aus Stolz und Freude in Erinnerung geblieben ist. Auf jeden Fall sah das ganz anders aus, als es noch Stunden vorher beim Rennen auf mich gewirkt hatte. Zum Abschluss bekam ich dann an dem Abend noch einen Grundeinführung in das Marathonlaufen im Allgemeinen und den Chicagomarathon im Speziellen, da gleich 2 meiner Geschäftspartner schon mal an dem Rennen teilgenommen hatten. Ich genoss somit an den Tag das volle Paket in Theorie und Praxis.

2008 - wieder Chicago und wieder das Marathonwochende. Mittlerweile hatte ich mit dem Laufen (heute würde ich eher Joggen sagen) begonnen und mich zumindest in Theorie mit Wettkämpfen beschäftigt. Dieses Mal hatte ich mir vorgenommen, mir den Lauf bewusst und intensiver anzuschauen. Der Start im Park, die Spitzenstimmung in Chinatown und dann die Partyzone im Zielbereich ... Ich nahm alles mit. Und, was soll ich sagen, an diesem Tag hat mich der Laufvirus erwischt, auch wenn er erst ein Jahr später voll zum Ausbruch kommen sollte. Auf jeden Fall bin ich aus Chicago in jenem Jahr abgereist mit dem festen Vorsatz, dass, wenn ich jemals in der Lage sein sollte, einen Marathon zu schaffen, der Chicago Marathon für mich ein Muss sein würde.

Februar 2011 - ich hatte mir extra den Wecker gestellt. Um Mitternacht Chicago Zeit, also bei mir um 6 Uhr morgens, sollte die Webseite für die Anmeldung zum Rennen im Oktober freigeschaltet werden. Zumindest war es so schon seit Wochen angekündigt. Mittlerweile weiss ich, dass die Anmeldung für solche Events über Wochen, manchmal Monate möglich ist, aber im letzten Frühjahr als Fast-Wettkampfnovize, glaubte ich noch, dass einem nur zügige Reaktion, ein schnelles Internet und vor allem viel Glück zu einem Startplatz verhelfen würden. Dementsprechend war ich früh auf den Beinen, um sofort zuzuschlagen, wenn sich das Anmeldefenster öffnen sollte. Als es dann 6:05, 6:15 und sogar 6:25 wurde und immer noch der unveränderte Hinweis auf die demnächst beginnenden Möglichkeit zur Anmeldung zu lesen war, wurde ich zunehmend unruhiger. Mittlerweile hatte ich nicht nur die Webseite des Ausrichters komplett von vorne bis hinten erfolglos durchgeklickt sondern auch mindestens 10 Mal überprüft, dass ich mich nicht in der Umrechnung der Zeitzonen vertan hatte. Es sah alles gut aus, nur die Anmeldung war nirgendwo möglich.

Inzwischen war ich der Letzte im Haus, der noch im Schlafanzug saß. Der Rest der Familie war schon beim Frühstück, das ich mit dem Hinweis auf die nun sicher bald bevorstehende Anmeldung für mich erstmal auf unbestimmte Zeit verschoben hatte.

Dann fiel mir zum ersten Mal der Hinweis auf die Facebook-Community des Chicago Marathon auf und ich startete den Link in der Hoffnung, dass mir dort vielleicht irgend jemand sagen könnte, was ich zu tun hätte, warum ich kein Anmeldeformular aufrufen konnte, ob der Lauf dieses Jahr ausfallen würde oder ob es einfach normal wäre, dass die Amis bei Ihren Veranstaltungen nur mit groben Daumenwerten arbeiten. Doch was ich nach dem Aufruf des Links zu lesen bekam, sprengte ein weiteres Mal die Dimensionen meiner Vorstellungskraft.

Ich wurde Zeuge von Dramen, die sich gerade weltweit an den PCs abspielten. Ich stellte fest, ich war nicht allein ... Da war Daniel aus Prag, dessen Frau bereits hupend vor dem Haus stand, da sie ihn noch zur Arbeit fahren müsste und die Kinder bereits zu spät für die Schule waren. Oder Judy aus Detroit, die dringend ins Bett musste, da sie bereist 5 Stunden später im Job zu einer Präsentation erwartet wurde, oder Mara aus Indien, die/der(?) am Gate auf den Flieger wartete und dessen PC kaum noch Strom hatte. Schicksale aus der ganzen Welt prasselten auf mich ein. Ich fühlte mich in diesem Augenblick als Teil einer globalen Community, die gemeinsam nur ein Ziel hatte … einen Platz beim Chicago Marathon zu ergattern.

Dann, etwa gegen 6:50 zum ersten Mal auf Facebook ein fast euphorischer Kommentar, dass sich nun auf der Webseite etwas tun würde und dass es jetzt einen aktiven Link zur Anmeldung geben würde. Ich konnte die Nachricht zunächst lediglich nur glauben, denn nun gelang mir keine Aktualisierung der Webseite mehr. Im Geiste stellte ich mir vor, wie gerade Millionen von Läufern weltweit gleichzeitig versuchen würden, einen Startplatz zu ergattern und ich mit dem wahrscheinlich langsamsten Internet-Anschluss der Welt am Ende leer ausgehen würde. Meine Kinder waren glücklicherweise inzwischen in der Schule, so dass ich die Art und Weise, mit der ich meine emotionale Anspannung in Worte fasste, später nicht erklären musste. Endlich, es war schon deutlich nach 7:45 Uhr, dann die erste, erfolgreiche Reaktion auf mein permanentes Betätigen der Aktualisierungstaste.
Heureka! … Ich war im Anmeldeformular. Die Erfassung der üblichen Daten ... Alles kein Problem.

"Which Charity Organization are you running for?" ... keine Ahnung, lasse ich einfach weg. Aber falsch gedacht. Mit konsequenter Penetranz sollte ich angeben, für welche Verein der Wohltätigkeit ich denn nun auf die Strecke gehen würde. Leereingaben gab es nicht, Ignorieren war zwecklos. Auf Facebook holte ich mir dann den Rat ein, einfach irgendwas auszuwählen. Das hätte dann zum Ergebnis, dass man zumindest seine Anmeldung abschließen könne. Konsequenzen, wie eine lebenslange Zwangsmitgliedschaft seien nicht zu befürchten. Wahrscheinlich hätte ich mich in meinem unbedingten Willen, meine Anmeldung erfolgreich zu Ende zu bringen, sogar darauf eingelassen.
Die mir zur Auswahl angebotenen Wohltätigkeitsorganisationen sagten mir allerdings sehr wenig oder erschienen mir wie die "Veteranen des Bürgerkrieges" in Ihrer Zielsetzung dann doch ein wenig zu fremd. Ich entschied mich letztendlich für einen Verein, der irgendetwas mit Kindern im Namen trug, was mir auf jeden Fall wie eine unterstützungswürdige Zielsetzung erschien. Tatsächlich habe ich dann später von der Organisation auch nichts mehr gehört. Um mein leicht schlechtes Gewissen zu beruhigen, nahm ich mir fest vor, später einen Obolus an den deutschen Kinderschutzbund zu überweisen als Zeichen des guten Willens.

Das Wichtigste aber ... Innerhalb weniger Minuten bekam ich per Mail die Bestätigung meiner Anmeldung. Ich hatte es geschafft, ich war dabei. Ein super Gefühl, das ich auf Facebook mit vielen anderen teilte, die nun alle Ihre Erleichterung und Begeisterung in hunderten zum Teil euphorischen Kommentaren verbreiteten ... wir sehen uns in 8 Monaten in Chicago!

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4.7
Gesamtwertung: 4.7 (10 Wertungen)

Spannender Anfang

Du hast es jetzt schon geschafft, mich für Chicago einzunehmen. Schöne Geschichte, gut erzählt. Hoffentlich kommt bald die Fortsetzung.
yazi

"Fortsetzung folgt in Kuerze"

hoffentlich mal ganz bald, denn so lange sitze ich hier und druecke die F5 Taste fuer die jogmap Blogs und kann ncoh nciht auf meinen fuer heute geeplanten Lauf gehen
;-))

Toller Anfang!!
Mein erster Marathon den ich durch Zufall vom Strassenrand aus erlebt habe war uebrigends in New York.. ich stand auch irgendwo in den 30ern, konnte die Strecke nicht kreuzen, und hatte den allerhoechsten Respekt vor den Leutendie sich da an mir vorbei geschlepp haben. Ich hab gedacht ich wuerde sowas NIE koennen.

cour-i-euse

Bin gespannt

auf die Fortsetzung. Der erste Teil war auf jeden Fall schon toll.
Aber was ist denn aus der Spende an den Kinderschutzbund geworden?

Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Welch spannender Anfang!

Welch spannender Anfang! Ich werde nachher nachsehen, ob der zweite Teil schon online ist - im Momnet lässt das Netz keine dauerhafte Verbindung zu :-(


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

hihihi

zu viele Anfragen auf die website
:-)

cour-i-euse

Inch muss auch...

...unbedingt wissen, wie es weiter geht...

Haderlomp

zweiter Teil wird dauern - oder ?

Hallo, ponti22,

mit dem ersten Teil deines tollen Chicago-Berichtes hast du uns ja schon richtig unterhalten und neugierig gemacht.

Damit hast die Messlatte für den zweiten Teil extrem hoch gelegt. Ich hoffe, es wird nicht allzu lange dauern, und du kannst uns noch einmal auf dem gleichen Niveau begeistern.

Volker



Jogmap Schleswig-Holstein - neongelb beflügelt

Teil 2

Hi,

So ist das mit den Geistern, die man ruft ...
Aber ich hoffe, dass die Fortsetzung bis heute noch fertig ist. Dank des Jetlags, den ich jetzt wieder in Deutschland ausleben darf, wird der Abend eh etwas länger.

Gruß, Ponti

Jetlag sei Dank

werden wir doch hoffentlich Teil 2 noch heute lesen können ?!?!

oh ist das ein schöner erster teil!!

und das lässt sich alles sooo schön nachvollziehen :-)

Ich bin Marathon, Du auch??

"Ein Leben ohne Hunde ist denkbar, jedoch sinnlos"

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