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Liebe jogmap-Gemeinde,

das Schöne am ersten Wettkampf ist ja, dass man quasi automatisch persönliche Bestzeit läuft. Und so darf auch ich in diesem abkürzungsgeplagten Land vermelden: PB über 10 km.

Weil es aber nicht meine Art ist, mich kurz zu fassen, noch ein paar karge Zeilen zusätzlich. Beginnen wir also mit der Vorbereitung, so wie es sich gehört. Zwei Wochen vor dem Start hatten mein Fahrrad und ich eine unliebsame Begegnung mit einer Straßenbahnschiene. Die Schiene hat gewonnen und nicht unerhebliche Teile meiner rechten Körperhälfte in eine mit reichlich Salami belegte Pizza verwandelt. Rein optisch jedenfalls.
Eine Woche lang war nicht an Sport zu denken und so blieben mir anschließend noch satte sieben Tage Zeit, mich dem großen Moment zu nähern. Ich weiß, ich war spät dran, aber an eben jenem siebten Tag vor meinem Start fiel mir ein, dass ich das eine oder andere schlaue Buch besitze, in welchem kryptische Seiten mit Namen "Trainingsplan" abgedruckt sind. Ich blätterte ein wenig in diesen Trainingplänen und sah, was ich alles hätte machen können, wenn ich schon einige Wochen vorher geblättert hätte. Sehr interessant. Im Geiste holte ich alles nach und das darf jetzt bitte keiner unterschätzen. Mentales Training ist ungeheuer wichtig!
Weil aber nicht der Kopf läuft, sondern die Beine, streute ich am Dienstag noch ein Intervalltraining ein. Auch so eine Premiere. Ich fand's gut, Samson nicht. Mein Lieblingshund musste nämlich mit intervallen und war hinterher platt wie eine Flunder. Donnerstag ein lockerer 7,5 Kilometerlauf gepaart mit der Erinnerung an etliche 40-Kilometer-Wochen, die mich fit genug gemacht haben sollten, mein Mindestziel am Samstag zu erreichen: Unter 60 Minuten, oder wie die Profis hier sagen: sub60.
Um 14 Uhr tapperte ich in Richtung Haustür, um die zwei Kilometer zum Startpunkt zu bewältigen. Einlaufen von der Haustür aus, das hat was. Samson sah mir mit einer Mischung aus Unverständnis und Erleichterung nach. Irritiert, dass er nicht mitdurfte, heilfroh, dass er nicht mitmusste.
Ankunft beim TuS Rüppurr, Dutzende, nein, Hunderte Läufer um mich herum. Alle asketisch, alle austrainiert, alle mit den neuesten Errungenschaften moderner Synthetik am gleichermaßen schlanken wie muskulösen Leib. Und mittendrin ich. Ich sah mich um. Ich staunte. Ich musste auf die Toilette. Und ich wartete. Auf Frau Okta, die samt Samson und Trinkflasche in den Startbereich kommen wollte, um mir meine Jacke abzunehmen und ein Schlückchen kalten Tee anzubieten. Doch Frau Okta kam nicht. Nicht um 14.25 Uhr, nicht um 14.26 Uhr. Um 14.27 Uhr, drei Minuten vor dem Start, schließlich sah ich einen buschigen Schwanz zwischen all den bunten Blättern wedeln: Samson mit Frau Okta im Schlepptau. Die Trinkflasche war noch im Auto, aber keine Zeit mich aufzuregen. Jacke weg, Hund geküsst, Frau gestreichelt (oder umgekehrt) und ab zum Start. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, dass Samson vor lauter Glückseligkeit, nicht wieder an die elende Joggingleine gehängt zu werden, den nächsten Gartenzaun markierte. Er ist halt doch ein fauler Sack, mein Hund.
Ich ordnete mich zwangsläufig ganz hinten im gut 400-Mann-und-Frau-Feld ein. Nervös war ich nicht, keine Zeit. Gut gemacht, Frau Okta. Konzentration, noch ein blöder Spruch von einem alternden Witzbold, der sich über meine Garmin 305 lustig machte. Soooooo groß ist die doch gar nicht...
Startschuss. Langsames Loslaufen, rechtzeitiges Drücken des Startknopfes auf meiner riesigen Uhr, langsames Weiterlaufen. Die ersten paar hundert Meter am Waldrand entlang, dann quillt die Läufermasse wie Grießbrei in den Wald. Gut darin versteckt ein paar dickere Klümpchen. Eins davon bin ich.
Meine Güte, ist der Beginn langsam. Gefühlte 6,20er Pace. Aber okay, ich will es eh langsam angehen lassen. Vielleicht nicht soooo langsam, aber besser als umgekehrt. Nach 500 Metern sehe ich zur Kontrolle doch mal auf die Uhr. Ups! 5,26er Pace. Die reinste scientologische Gehirnwäsche in so einem Läuferpulk. Jegliches Zeitgefühl geht in dieser sektenartigen Zusammenkunft flöten. Beinahe gruselt es mich, aber ich konzentriere mich dann doch lieber aufs Laufen. 5,26 für den ersten Kilometer, höchste Zeit auf die Bremse zu treten. Und so geschieht es auch. 5,41 für den zweiten, mir doch schnuppe, wenn mich sieben- und 70-Jährige überholen.
Anschließend pendele ich mich ein bei 5,35, hänge mich an ein pfälzisch plauderndes Läuferpaar dran. Sie erzählen von Albmarathons und anderen Grausamkeiten und sind völlig entspannt. Nach Plaudern ist mir nicht, aber entspannt sein, das kann ich auch noch. Und interessiert zuhören. Irgendwann sagt der männliche Teil des Duos vor mir zu seiner Begleiterin: "Alla, isch verabschied misch dann amol." Och nö, denke ich.
Kommt auch nicht so, sie verabschieden sich nämlich beide. Von mir. Das Tempo ziehen sie zwar nur leicht an, aber ich, ein Ausbund an Disziplin, folge nicht, sondern behalte mein eigenes Tempo bei.
Für die ersten fünf Kilometer benötige ich ziemlich genau 28,15 Minuten. Meinen Traum - unter 55 Minuten - hake ich in diesem Moment ab. Statt dessen setze ich mir drei Ziele: Erstens: Nicht einbrechen. Wenn das klappt, dann zweitens: Teil zwei etwas schneller laufen als Teil eins. Wenn das auch klappt, dann drittens: Unter 56 Minuten bleiben.
Ich bin immer noch locker, fühle mich wohl und seltsam leicht ohne Joggingleine mit einem daran hängenden Samson, der ständig schnüffeln, trinken, spielen oder einfach ausruhen will und sich ziehen lässt. So gesehen verdanke ich Samsons Faulheit vermutlich ein paar ganz gute Trainingseffekte. Vor allem, was die Bauchmuskeln betrifft.
Aber ich schweife ab. Kurz vor Kilometer 6 bemerke ich, dass eine vor mir laufende Gruppe langsam näher rückt. Dabei bin ich gar nicht schneller geworden. Aber die Gruppe langsamer. Außerdem fällt mir auf, dass ich schon seit mindesten 12 Minuten nicht mehr überholt worden bin. Soll ich das Tempo anziehen? Ich entscheide mich dagegen. Geduld, nicht zu früh die Reserven rausschießen. Ich bleibe bei den 5,33, bei denen ich mich mittlerweile eingependelt habe.
Nach sechseinhalb Kilometern beginnt trotzdem, was ich mir erhofft hatte: Ich fange an zu überholen. Langsam aber stetig arbeite ich mich nach vorne, ohne dabei schneller zu werden. Noch drei Kilometer, ich fühle mich prächtig. Ziehe das Tempo ganz leicht an, 5,25, einen nach dem anderen kassiere ich ein. Ein Grießbrei-Klümpchen auf der Überholspur.
Noch zwei Kilometer. Zeit, alles aus sich rauszuholen. Der Puls steigt merklich an, die Luft wird knapper, ich fliege dahin. Oder was man halt so fliegen nennt, wenn ein 91-Kilo-Koloss durch den Wald keucht.
Noch ein Kilometer. Scheiße, denke ich. Ich kann nicht mehr. Zu früh Gas gegeben. 5,04 habe ich für Nummer 9 gebraucht, mein schnellster Kilometer ever. Ich merke, wie mir die Kraft ausgeht, wie meine Muskeln aufjaulen und im nächsten Moment zu Pudding werden. Oder zu Grießbrei. Vor mir tauchen zwei Läuferinnen auf. Ich walze Meter für Meter heran, hieve mich an den Damen vorbei, quäle mich weiter. Noch 500 Meter. Im nächsten Moment überhole ich einen älteren Herrn, der nicht mehr kann und ins Gehen überwechselt. Es ist der Witzbold, der sich am Start über meine großartige Garmin lustig gemacht hatte. Mit einer vernünftigen Uhr wäre ihm das nicht passiert ;-)
Da vorn ist schon das Ziel zu sehen, nur noch eine halbe Runde über die Aschenbahn des TuS. "Los, Endspurt", schreit mich Teufelchen eins von meiner linken Schulter aus an. "Ich kann nicht mehr", ächzt Teufelchen 2 von rechts.
"Du kannst, du Memme. Gib Gas. Los! Lauf, du Sau!"
"Lass mich." Nur noch ein Krächzen.
"JETZT RENN ENDLICH!!!!!!"
Und ich renne. Überhole auf den letzten 150 Metern noch drei Läufer, sehe aus den Augenwinkeln Frau Okta, die mich anfeuert. Und Samson, der mir zujubelt! Oh, nein, doch nicht, nur ein Wahnbild, von den übermenschlichen Anstrengungen der vergangenen Stunde hervorgerufen. Tatsächlich liegt Samson ungerührt da und verpennt Herrchens großen Auftritt. Undankbares Vieh!
Egal, ich sause durchs Ziel, drücke die Stopptaste, trudle aus, keuche, schleppe mich mit letzter Kraft zur Getränkeausgabe - und vergesse völlig auf die Uhr zu sehen. Erst als ich die ersten Schlucke Tee intus habe, fällt mir ein, dass da doch noch was war: 54,47 Minuten. Ich fasse es nicht. Für den letzten Kilometer habe ich dank Endspurt 5,02 Minuten gebraucht, seit Kilometer 4 hat mich keiner mehr überholt. Für mich eine Sensation.
Unterdessen trudeln die nächsten Klümpchen ein und sammeln sich im Ziel. Ich bin eins davon - ein Glückliches. Und mittlerweile ist sogar Samson wach und beglückwünscht mich schwanzwedelnd. "Morgen darfst du wieder mit", verspreche ich ihm. Ich weiß nicht warum, aber in dem Moment stellt er das Wedeln spontan ein.

Das nächste Ziel ist übrigens auch schon klar - Halbmarathon in Freiburg, meiner Heimatstadt, am 1. April. Dann wird der Bericht auch doppelt so lang :-)

Gruß, okta

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

ich liebe Grießbrei....

vor allem nach solchen Läufen ;-)

Danke für den herrlichen Bericht, aus der Läuferseele geschrieben, darin bist du auf jeden Fall schon Profi. Und sub 55 beim ersten 10er, Hut ab, da musste ich mich länger für quälen.

Herzlichen Glückwunsch!!!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Grießbrei!

Ein schönes Bild - durch den Wald quellender Brei - ein sehr amüsanter Bericht und eine super Zeit fürs erste Mal. Herzlichen Glückwunsch, ich freu mich schon auf deinen Halbmarathon.

yazi

91kg Griesbrei - herrlich!

Die Idee, ein 91kg schweres Griesbreiklümpchen durch den Wald rennen zu sehen, finde ich gut; zumal ich bislang nicht einmal ahnte, dass Griesbrei laufen kann ;-)

Vielleicht hast Du Lust noch vor dem HM im April einen Wettkampf zu laufen? Dann haben wir nämlich vielleicht auch etwas davon: einen so witzigen Blog wie diesen hier. Vielen Dank!


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

COOL!! Herzlichen

COOL!! Herzlichen Glückwunsch! Toller Bericht!
Das ist echt geil, so ein Wettkampftollstolzgefühl, oder?
Und Freiburg hab ich auch schon im Visier, mal sehen...

Seit 2011:



"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings" (Carl Einstein)

Klasse!!!

Herzlichen Glückwunsch zum tollen Finish!
Sub55, das ist doch wohl perfekt! Toller Bericht, vielen Dank!
Jetzt wird aber erstmal schön regeneriert und wieder mit dem Vierbeiner gelaufen;-)

Tame:-)
PS: heute gibts Grießpudding zum Nachtisch;-))
BORN - denn sie wissen nicht was sie tun!

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH

zu deiner tollen zeit, bin den bericht nur durchgeflogen, muß ihn später richtig lesen, gruß lukas

danke für den wunderbaren bericht :-)))

Herzlichen Glückwunsch

sowohl zum tollen Einstand als auch zum gelungenen Wettkampfbericht.

dass mit der PB im ersten Wettkampf hat nur einen Haken, man muss auch im Ziel ankommen. Das ist dir mit einer tollen Zeit gelungen Ich hoffe auch mir gelingt das bei meinem Debut in knapp 2 Wochen. Dein Bericht schildert mir recht anschaulich was auf mich zukommt und worauf ich zu achten habe. Vielen Dank dafür.

Viele Grüße
Michael

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