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Die Vorbereitung

Trainiert habe ich in den 8 Wochen zwischen einem 10km-Lauf und der Tapering-Woche vorm Marathon 696km, bin also durchschnittlich knapp 90km pro Woche gelaufen. Diesmal ohne besondere Vorkommnisse wie Zwangs-Tapern wegen Knie-Wehwehchen. Bis auf wenige ausgelassene oder durch Ausgleichssportarten ersetzte Tage nach dem 2:59-Plan von Steffny mit ca. 5 Sekunden schnellerem Tempo. Mein "Minimalziel" war dabei eine Zeit unter 3 Stunden, mein Optimalziel unter 2:55:00 zu kommen, um einen "Guaranteed Entry" zum NYC Marathon zu bekommen. (Zumindest wenn sie die Qualifikationszeit für 2012 nicht verschärfen.)

Die Wettervorhersage war für mich ein Krimi mit Happy End. Das ging von "lebhaftem Wind" in Tateinheit mit "ergiebigem Dauerregen" über "Regenschauer" mit "kalter Polarluft" und "leichtem Regen" bis zu "auf jeden Fall trocken". Die Kleiderfrage blieb lange offen, ich entschied mich letztlich für "kurz mit kurz mit kurzen Handschuhen". Laut dem Moderator am Spiridon-Louis-Ring (Weg zum Start) hielt ich mich damit an die "alte Läuferregel", dass man über 10 Grad kurz laufen solle. Obwohl's in dem Momoment eher noch 5 Grad waren. Immerhin hatte ich ja meine "Ohne Mäuse keine Maus - zahlt Fernsehgebühren"-Plastiktüte

Einlaufen

Diese zog ich erst 1 Minute vor dem Start aus, vielleicht ist das der Grund, warum man mich in Fernsehbeitrag von münchen.tv gezeigt hat. Übrigens stehe ich da bei Minute 1:46 in der dritten Startreihe. Also nicht ganz vorne, aber schon recht weit. Das Schöne an München ist: Man kann da 10 Minuten vor dem Start auftauchen und kommt trotzdem noch leicht bis ganz nach vorne.


Start-Foto: Im Bild sieht man mich hinten kurz nach der Startlinie und die 5 ersten Frauen, die vor mir waren, darunter Bernadette Pichlmaier und Mikki Heiß (vom Stadtlauf).

Nach dem Start wurde ich natürlich von einer Flut von Läufern überholt. Ähnlich wie bei den Vorbereitungsläufen nur mit mehr Teilnehmern eben. Ein Läufer sprach mich nach ca. 3km an: "In Karlsfeld war ich auch schon hinter dir." Er wolle auf 3 Stunden laufen. Nachdem ich ihm meine Zielzeit sage, sagt er: "Dann bist du gut unterwegs, ich bin etwas zu schnell." Ich glaube da ist er nicht alleine.
Nach der Begrüßung durch die ersten Zuschauer an der Leopoldstraße bis km 5 folgen wie schon im letzten Jahr weitere 10km leichtes Einlaufen durch den englischen Garten. Doof finde ich ja, dass es erst bei KM 13,5 die ersten Bananen gibt. Doof fand ich auch die Läuferin, die mich bei KM 13,6 fragt, ob sie ein kleines Stück meiner Banane abhaben könnte. (Selbstverständlich geb ich ihr trotzdem was ab.)

Mitlaufen

Danach bekomme ich die für mich schönste Seite vom München Marathon zu sehen: Den weniger schönen Teil der Strecke. So zuschauerarm, dass mich meine Freundin den kompletten Weg bis zum Isartor (KM 29) begleiten kann. So kann sie mir ab und zu eine Powerade-Flasche reichen. Die habe ich in Wien lieben gelernt, weil sie sich viel besser trinken lassen, als diese kleinen Plastikbecherchen, wo man sich immer abmühen muss, um überhaupt ein paar Schlückchen runterzukriegen, bevor sämtlicher Inhalt übers Shirt gekippt ist. Einer der wenigen Zuschauer meint: "Schau, da hat jemand ein Versorgungsschiff dabei..." Übrigens habe ich dieses Schiff nicht bestellt, sondern wollte eigentlich nur, dass es mich an verschiedenen Stellen anfeuern kann. Aber es wäre mir beleidigt gewesen, wenn ich die Eskorte untersagt hätte. ;)

Dranbleiben

Schon bei der HM-Marke habe ich ein ganz winzig leichtes Ziehen oben in der Wade gespürt. Für mich war das ein Vorzeichen, dass es früher als sonst hart werden wird. Runter zum Isartor und dann (hier ohne Begleitung) durch die Innenstadt zum Odeonsplatz lenkten mich Zuschauer und Kulisse noch ab, aber die Streckenführung schlägt ab KM 32 gnadenlos zu: An der TU vorbei über Karolinen- und Königsplatz zurück zur Leopoldstraße wird's zuschauerarm und hart. Immerhin hatte ich meine Eskorte wieder, die auf mich einredet, an einem Läufer in lila Shirt dranzubleiben. Das habe ich sowieso vor. Seine ausgeprägten Muskeln lassen mich erahnen: "Der meint's ernst." Er weiß, dass ich ihm an den Fersen hänge und zu weit setzen wir uns etwas von unserem Grüppchen ab. An dieser Stelle ist es für mich ein Psycho-Spiel: Es ist hart. Schinderei sondersgleichen. Aber ich muss dranbleiben. Bis zur Loepoldstraße schaffe ich das, die Trommler und Musik dort geben mir sogar so viel Aufwind, dass ich meine Schmerzen vergesse und an meinem Pacemaker vorbeiziehe.


Dranbleiben

Leiden

Aber wo verdammt ist das Bier? Bei der "Erdinger Powerzone" gabs weder Power noch Erdinger. Was für eine Zone soll das denn bitteschön sein? Und bei KM 38 ist weder auf dem Plan noch auf der Strecke selbst die rettende Bier-Station vom letzten Jahr zu sehen. Dabei weiß doch jeder, dass das Bier das Schönste an München ist. Und jetz gibt's nicht mal Cola. Ohne Cola, ohne Bier "Bergauf" laufen? (mindestens 1% Steigung)
Mir wird schwindlig. Auf dem schwarzen Asphalt bewegen sich graue Spiralen. Meine Muskeln ziehen sich zusammen. Irgendwo auf den letzten Kilometern hat mein Garmin einen 200m Messfehler-Sprung, das 40KM-Schild kommt zu spät. Ich kann nicht mehr, schneller geht nicht. Eher langsamer. Der lila Läufer ist vorbeigezogen, entschwindet. Heulen darf ich nicht und stehenbleiben auch nicht. Bloß weiterlaufen. "Noch ein Kilometer" sagt meine Freundin. Ich schnauze sie an: "Noch zwei."


Noch 100

Durch das Marathontor und im Stadion ist sie wieder da, diese Leichtigkeit: Ich fliege, alle Schmerzen vergessen. Zählen in Metern: 300, 200, 100. Es hat nicht gereicht für NYC. Ich weiß: Ich könnte auch noch per Reiseveranstalter mitlaufen. Oder bis Ende Januar noch einen HM in 1:23 versuchen. Aber eigentlich will ich weder das eine, noch das andere. Somit entscheiden 31 Sekunden: 2012 laufe ich nicht in New York, sondern in Berlin.

Stolz

Auf dem Rasen sehe ich grüne Spiralen. Endlich bekomme ich mein Bier. Ich humple zum zweiten und falle einmal beim Versuch um, aufzustehen und ein drittes zu holen. Duschzelt gibt's keines mehr und zur Schwimmhalle ist's zu weit, also geht's ungeduscht zur Massage. Immerhin komme ich dort vor der großen Masse an und so hat Veronika sehr viel Zeit für mich. Mein "offizielles" Ziel, sub 3, habe ich geschafft. Später erfahre ich, dass ich mit 2:55:31 Platz 76 der Männer belege und bin schon ein wenig stolz.

4.75
Gesamtwertung: 4.8 (8 Wertungen)

ein

schöner bericht, und tolle fotos, gruß lukas

überigens, GLÜCKWUNSCH zu deiner zeit, ja, da kannste sehr stolz sein

Reschpekt!!

Da kannste richtig stolz drauf sein!
Herzlichen Glückwunsch zu dieser bombastischen Zeit!
Hihi, Spiralen in bunten Farben, sehr interessant, was die Marathonies alles so sehen auf den letzten Km.;o)
Danke für diesen interessanten Bericht inkl. Bildern.

Lieben Gruß Carla-Santana

Hut ab! Tolle Zeit!

Und das im dritten Versuch. Wenn auch knapp an der Quali vorbeigeschrammt - im Versuch 4 klappt das bei der Vorbereitung bestimmt.

Schöne Fotos und ein motivierender Bericht. Hart wird es wohl für jeden - irgendwo auf den 42,195(+) km.

Super Zeit, klingt nach einem ...

... super Lauf. Kannste stolz sein. und die 31sec. Mein Gott. 2:55h sind 2:55h. ;-)
Herzlichen Glückwunsch!
Der HM in 1:23h sollte locker drin sein. Vielleicht machst du einfach zwei Wochen Pause und suchst dir so drei-vier Wochen nach München noch einen flachen HM. Dann fällt die 1:23h ganz sicher. Das Potential ist da und nach diesem gutem Lauf, ist auch der Trainingszustand nach dieser Zeit für so eine HM-Zeit perfekt.
Ansonsten ist zwar Berlin im April für eine NY-Quali schon zu spät, aber da kann man sehr gut schnelle Zeiten Laufen. Du wirst zwar weiter hinten landen. Platz 76 wird da eher schwer, aber der ist immer gut für schnelle Zeiten - sofern es nicht so eine Hitzeschlacht wie dieses Jahr wird.
Genieß den Erfolg und erhol dich gut.
;-)

manchen...

...gibt´s der liebe herrgott im schlaf - äääh - lauf!

grandios! der wahnsinn, diese zeit. meinen ganz herzlichsten glückwunsch!
____________________
laufend fassungslos staunt: happy

herzlichen glückwunsch

zu einer tollen zeit einem toll beschriebenen lauf und gutem aussehen auf den fotos
und Du weißt doch ... "new york wird meistens ..."
völlig
bestimmp

The goal of science is to build better mousetraps, the goal of nature is to build better mice!

ein bisschen Stolz

Marathon ist eine Herausforderung - ohne Frage.

Aber auf deine Zielzeit darfst du ganz dolle Stolz sein, nicht nur ein bisschen!

Was ich mich nur die ganze Zeit frage..........
Duschzelt gibt´s keines mehr - warum? Wurde es erst gar nicht aufgebaut, oder war es etwa nach dieser kurzen Zeit schon wieder abgebaut?

Jedenfalls ist deine Zeit der Knaller!

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos
Bin nicht gestört und auch nicht schnell - nur verhaltensoriginell

Das mit dem Duschzelt ist doch ganz einfach.

In München haben die endlich wieder vernünftige Zielzeiten eingeführt.
Da war nach 2:55h eben doch das Duschzelt langsam schon abgebaut.
Die warten da eben nicht mehr auf alle Nachzügler.
;-)

Danke, danke

Vielen Dank für die lieben Kommentare.

Duschen konnte man in der Schwimmhalle ein paar hundert Meter weiter. Da hatte man als Teilnehmer auch freien Eintritt. Habe jetz erst gesehen, dass es da laut Plan auch Massagen gegeben hätte.
Duschzelt wurde keins mehr aufgebaut, vielleicht gab's das letztes Jahr nur weil Jubiläum (25) war.
Kam mir in diesem Jahr auch so vor, als wären weniger Musikgruppen an der Strecke gewesen. Kann auch sein, dass ein paar bei dem Wetter nicht spielen wollten.

Vor Januar auf Teufel kommm raus noch eine HM-Bestzeit versuchen will ich eigentlich nicht. Ich will lieber konsequent 4 Wochen Saisonpause machen. Denke das ist besser, als nach 2 Wochen Pause noch um ein Ticket zu laufen. Dann wird's NYC eben 2013, man soll ja auch langfristig planen. ;)

Mit dieser Leistung

kannst Du mehr als nur "ein wenig" stolz sein. Herzlichen Glückwunsch.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Transalpine Run 2011 – Team Vorarlberg-Pfalz PSVV/SCL

guaranteed-entry-rules-to-change (in 2013)

scheinbar reichen 2:55 für Männer ab 2013 nicht mehr.

Auszug aus einem Artikel vom 12.10.2011 auf "runnersworld.com"

Standards for guaranteed entry based on previous race times will be stricter.The open marathon qualifying time for men, which had been 2:55, will become 2:45, and for women, the time will drop from 3:23 to 3:00. Since qualifying has already begun for 2012, these changes will take effect in 2013.

http://newyorkmarathon.runnersworld.com/2011/10/nyc-marathon-guaranteed-entry-rules-to-change.html

langsam laufende Grüße
Einohr

@Einohr

Vielen herzlichen Dank für den Hinweis.

Das heißt entweder probiere ich doch noch die 1:23 oder ich setze mein Laufziel für 2012 auf 2:45.
Muss ich mal drüber schlafen.

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