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Der Ernstfall. Der Ernstfall heißt Transgrancanaria. Da will ich hin, nächstes Jahr. 123 Kilometer, Start um 0.00 Uhr. Da warten viel, viel technisch anspruchsvoller Trail und reichlich Höhenmeter.

Nun, wie bereitet man sowas vor, dieses Kennenlernen der eigenen Limits, wenn die Sicht begrenzt ist, die Augen müde, die Böden tückisch sind? Zum Glück gibt's ein paar unternehmenslustige Ultraverrückte in Ennepetal, nur 20 km von meinem Zuhause weg, die einmal im Jahr einen Gemeinschaftslauf über rund 60 km mit 1.600 Höhenmetern veranstalten. Motto: Keiner wird zurückgelassen, niemand stirbt unbeaufsichtigt. Geplante Laufzeit: 9-10 Stunden. Und dann steht in der Asschreibung noch was Aufschlussreiches: "Wenn jetzt einer sagt: 'Neun bis zehn Stunden für sechzig Kilometer? Das ist kein Problem!', dann war der wohl noch nicht bei uns…"

Ich komme um 20:55 Uhr an, fünf Minuten vor dem Start. Laufrucksack auf und kurze Ansprache von Markus. Erster Satz: "Ist einer von euch noch nicht den UTMB gelaufen?" Ich schlucke. Scheiße, was geht denn hier ab? Und ich blicke mich um, sehe aber nur zwei UTMB-Shirts. Aber das hat nichts zu sagen, Markus hat auch keines an. Dass Markus grinst, kann ich in der Dunkelheit nicht sehen. Später werde ich hören, dass nur einige der 17 Teilnehmer mit der Mutter aller Bergschlachten tatsächlich Erfahrung haben.

Und dann kann ich lange mit zwei UTMBlern sprechen, von denen einer eine 2:46 auf Marathon stehen hat und für den UTMB trotzdem mehr als 42 Stunden brauchte. Uff. Aber er beruhigt: "Viele Leute rechnen gerne von anderen Rennen hoch, zum Beispiel von Rennsteig oder k78. Aber das ist ein großer Fehler. Diese Tagesrennen kann man in keiner Weise mit denen vergleichen, bei denen ein oder gar zwei Nächte durchgelaufen werden muss. Hochrechnen funktioniert schon gar nicht. "

Genau das hatte ich mir erhofft von dieser Veranstaltung, einerseits persönliche Erfahrungen sammeln, andererseits von denen anderer profitieren. Nicht zuletzt, was die Kleidungsmitnahme angeht, war viel nützliches zu erfahren.

Aber zum Lauf selbst: Kaum sind wir den Berg vom Start runter, geht's wieder rauf. Ab jetzt wechseln sich An- und Abstiege ab, Flachstücke sind selten. Hier liegt noch viel Sturmschaden kreuz und quer über den Wegen, die teils matschig, wurzelig und steinig sind.

Kurz vor der ersten von zwei Verpflegungsstellen (km 16) geht's einen steilen Abhang über Naturtreppen runter. Plötzlich ein Schrei. War jemand von uns an der schlecht gesicherten Felskante abgestürzt? Ein kurzes Bangen, dann war klar, dass ein reichlich alkoholisierter Teenie sich fast zu Tode erschreckt hatte, als wir durch den Wald, stirnbelampt, auf ihn und seine zwei Kumpels zuliefen. Er dachte wohl: Jetzt ist es vorbei, jetzt wirst du geholt von irgendwelchen Außerirdischen.

Etwas später ruft Markus von hinten: "Nächste Abbiegung links." Die Läufer vorne in der Gruppe laufen rechts. Dann tönt's von hinten: "Hey, ich meine das andere Links." Also, die Stimmung war super.

Meine noch vom p-Weg angeschlagene Muskulatur hält. Das ruhige Tempo tut gut. Bei km 38 die nächste Verpflegung. Es ist inzwischen irgendwas um 3 Uhr. Diesmal wird bei Mitorganisator Andreas im Garten pausiert. Essen, Trinken, Vorräte auffüllen. Etwas ausruhen, dann weiter. Es geht erst ein paar km flach. Dann endlos lange ruppige Steigungen rauf. Und immer wieder Matsch, umgestürzte Bäume, döselig aufgequollene Waldräumgerätespuren. Dass dauert ja alles sooo viel länger als im Hellen.

Vier Uhr. Die meisten erleben jetzt ihren toten Punkt, mich eingeschlossen. Markus versucht mit einem Quiz, einen Hallo-Wach-Effekt zu erzeugen. Wie heißen die Piraten bei Pipi Langstrumpf, die Bodyguards von Biene Maja, und wer weiß, wie das Dorf heißt, in dem Wickie lebt. Mann, das Quiz ist noch schwerer als der schlimmste Anstieg. Nun werden Fußballerzitate ausgetauscht "Es ist immer gut, einen wie Ollie hinten drin zu haben" ...

Inzwischen haben wir längst die Hasper Talsperre überquert. Irgendwie gespenstisch, hier nachts rüberzulaufen. Bei Kilometer 50 ist dann zwar die letzte lange Steigung überwunden, aber es kommen immer wieder kleine Rampen, dazu Überquerungen von Bächen und reichlich Holz auf den Wegen.

Als wir in dieser sternklaren Nacht, wo die Temperaturen teilweise unter 5 Grad fielen, am Ziel ankommen, habe ich 61 km auf der Uhr. Und es wartet zum Frühstück eine deftige Nachlaufwurst und Erbsensuppe. Dann bekommt jeder seine Urkunde. Eine wunderbare Nacht hat ein würdiges Ende gefunden.

Fazit: Gemeinschaftsläufe mit besonderem Programm sind eine prima Sache. Nicht zuletzt dann, wenn die Schnekel – wie bei mir – nicht in Bestzustand sind.

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Wer sind denn...

... die Bodyguards von Biene Maja und Willi :0( !?
Hey Klada, beim lesen bekomme ich direkt Lust mit zu laufen... Jetzt brauchst du ja nur noch 62km und du hast den Transgrancanaria in der Tasche... :0))

LG, Kawi

Respekt. Bei der Uhrzeit

Respekt. Bei der Uhrzeit denke ich schon ans zu Bett gehen, und Du startest einen Ultra durch die Nacht!

Verflucht noch eins, aber um die deftige Nachlaufwurst und die Erbsensuppe zum Frühstück bzw. als Zielverpflegung, also darum, darum beneide ich Dich! ;)

Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg auf dem Weg zu Deinem Traum vom Transgrancanaria
Vex

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VEX WÜTEND! ... MUSS ... BEZWINGEN ... IANBANKS!!!

Ist anspruchsmäßig bestimmt nicht ...

zu vergleichen, aber erinnert mich ansatzweise irgendwie an die Georgsmarienhütter Null vor ein paar Wochen. War nicht dunkel, nur total diesig und auch nicht so lang 51 km und hoch mit irgendwas um 800 HM und gute Wege und Straßen, aber sehr lustig und locker gesellschaftlich.
Und tote Punkte gabs da auch!;o)

Schöner Probelauf. Viel Spaß im Erstfall!;o)

Lieben Gruß Carla

Das war dann die erste Generalprobe

der sicherlich noch weitere folgen werden. Hört sich doch gut an so ein Gemeinschaftslauf im Dunkeln und über Wurzeln und baumversperrte Wege.

Viel Spaß bei der weiteren Vorbereitung auf Dein großes Ziel.

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