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Und schon ist der lange Lauf rund ums sauerländische Plettenberg wieder vorbei. Die Beine schmerzen noch, die sonnengebrannte Haut schmerzt auch, und der Kopf hat die Erkenntnis produziert, dass ich nichts Ambitioniertes mehr angehen werde in diesem Jahr. Den wilden Gedanken, vielleicht noch einen schnellen Marathon Ende Oktober zu laufen, habe ich unterwegs, ziemlich genau bei Kilometer 35, zu den Akten gelegt.

Aber fangen wir von vorne an. Es ist Samstagmorgen 4 Uhr, und ich werde exakt eine Minute vor dem Wecker wach. Wenn heute alles so passt wie das Wachwerden, denke ich, wird's bestimmt ein schöner Lauf. Zum ersten Mal in den Tagen und Wochen vor einem Ultralauf war ich nicht unruhig, hatte keinerlei körperliches Unheil heraufziehen sehen, und der Kopf war frei. Kein Wunder. In diesem Jahr lief bei den Ultras bisher alles glatt. Keine Krämpfe unterwegs, kein DNF.

Um kurz vor 5 Uhr werde ich von zwei Ultralaufkollegen aus Bochum abgeholt. Als wir nach einer Stunde Fahrtzeit in Plettenberg eintreffen, parken wir genau vor dem Campingbus meines Lauffreunds Haralds, der dort die Nacht verbracht hatte. Kurze Begrüßung, und ab geht's Richtung Feuerwache, wo wir die Startunterlagen abholen und Harald mit Martina zum Frühstücksbuffet marschiert. Wir treffen Burckhard und Uschi, ein paar Minuten später Rolli vom Laufladen "Wat läuft", ein paar Laufbekanntschaften vom Transgrancanaria sind auch da, Marco "The Soulrunner", Rudi vom DUV-Stammtisch und und und. Da bahnt sich also eine echte Familienveranstaltung an.

Beim Umziehen am Auto kommen mir dann die lieben Vereinskollegen Friederike und Detlef entgegen, die gemeinsam mit Harald über die anspruchsvolle Marathonstrecke laufen wollen. Die drei sowie Martina und Uschi würden Burckhard und mich am Start zur Langstrecke von 67,7 km über 1.800 Höhenmetern im Aufstieg auf die Reise schicken.

Und dann geht's auch schon los. Es ist 7:31 Uhr als die Startpistole abgefeuert wird, und die knapp 100 Teilnehmer des Ultras schon nach 300 Metern in den ersten Berg rein müssen. 170 Meter Höhendifferenz auf Asphalt über 2 Kilometer. Das ist ungefähr wie zweimal Bochumer Immastraße hintereinander. Also nix mit Reinschmusen in das Rennen - es geht gleich zur Sache. Ich fühle mich gut und denke: Heute probierst du mal was und gehst mehr Tempo und Risiko (einzelne jogmapper lästern ja gerne, ich sollte derartige Veranstaltungen gefälligst mal als Rennen betrachten. Warum also nicht mal Scheiße bauen und loskeulen ;-))?

Da ich für die großen Vorhaben im kommenden Jahr für autonomes Laufen gerüstet sein will, laufe ich mit vollgepacktem Trinkrucksack, 1,5 l Trinkblase, zwei 0,5L-Extraflaschen Schorle, zwei Schmalzbroten, Gels und Riegeln im Gepäck los, obwohl unterwegs die Verpflegung bekanntlich vom Allerbesten ist.

Trotz Risikofreude laufe ich den ersten Berg ruhig an, aber ich laufe. Oben angekommen, lasse ich's bergab ordentlich rollen. Wie ich später auf meiner Uhr sehen werde, gehen die Kilometer 3,4, 5 und 6 in einem Tempo zwischen 4:42 und 5:20 weg. Dann wartet schon der nächste Berg, noch tief in Morgennebel gehüllt. Ein phantastisches Bild. Es geht über Waldwege von 220 auf 530 Meter üNN, also 310 Höhenmeter Aufstieg über 3 Kilometer. Doof: Das Verdauungssystem meldet sich jetzt fordernd und kompromisslos. Also ab in die Büsche. Und weiter. Ich treffe Rudi, der Jens Vieler vor einigen Wochen beim Badwater Ultra durch die Wüste unterstützt hat. Wir reden eine Weile, und die Kilometer fließen so dahin. An den Verpflegungsstationen kippe ich mir nur Wasser über den Kopf. Es sind schon jetzt knapp 20 Grad Celsius. Gegessen und getrunken wird nur Proviant aus dem Rucksack. Muss ja mal leichter werden, das schwere Ding.

Der Rhythmus stimmt. Nach einer wunderschönen Waldpassage ohne nennenswerte Buckel, geht's bei km 15 wieder runter Richtung Lenne. 5:20 / 5:07 / 5:04. Tempo passt. Was folgt, ist die langweiligste Passage des Laufs entlang des Flüsschens Lenne. Die Kilometer sind allerdings aufgepeppt mit ein paar Gimmicks, wie die Schleife durch den Vorgarten eines Altenheims, wo die Bewohner uns von den Balkonen aus zujubeln und eine Runde durchs örtliche Spaßbad, wo wir die Becken umrunden in denen Badewannenentchen schwimmen. Die Temperaturen liegen inzwischen reichlich über 20° Celsius. Ich habe nicht übel Lust, zur Abkühlung reinzuspringen. Vierzig Kilometer weiter, und ich wäre reingesprungen, so weichgekocht wie ich dann sein sollte.

Nach sieben flachen Kilometern geht's nun wieder rauf. Ich bin jetzt mit Rolli vom Bochumer Laufladen "WAT läüft" unterwegs. Wir kommen gut hoch. Nicht schnell, aber gleichmäßig. 7,2 Kilometer mit 240 Höhenmetern sind zu überwinden. Bei 32,5 km geht's wieder steil und holprig abwärts. Ich spüre Oberschenkel und Waden. Ein erstes Warnsignal, doch besser Tempo rauszunehmen. Also gut, wenn's denn sein muss. Ab Kilometer 35 ziehen plötzlich auch noch Krämpfe in die Waden – und Rolli vorbei. Nee, jetzt. Die stündlich eingeworfenen Salztabletten haben also nichts genutzt. Theoretisch weiß ich ja längst, dass eine Unterversorgung mit Magnesium, Salz und Wasser nachgewiesener Maßen kein Grund für Krämpfe ist sondern Überbeanspruchung. Aber bei den letzten Ultras war ich auch mit Salztabletten unterwegs. Nur eben ruhiger. Jetzt weiß ich, dass die Dinger definitiv nix helfen. Also Scheiße. Es passiert genau das Gleiche wie im Vorjahr. Nur bitte jetzt nicht wieder so ein endloses Martyrium wie 2010.

Ich erreiche, gepflegt desillusioniert, den Verpflegungspunkt bei km 37,5. Die Uhr zeigt eine bisherige Laufzeit von 3:40 Stunden. Okay, ein Schnitt von 5:52 bei diesem Profil. Das war dann wohl doch reichlich zu schnell, obwohl ich mich energetisch noch prima fühlte und keineswegs schlapp. Aber meine Sollbruchstelle ist nun mal das Chassis. Sollte ich eigentlich längst verinnerlicht haben. Vermutlich hatte ich mein Hirn aber vorhin im Auto liegen lassen.

Am Verpflegungspunkt lasse ich mir dann erstmal ausgiebig die Waden massieren. Mir wird klar, dass es ab jetzt nur noch darum gehen kann, das Rennen überhaupt zu beenden. Schließlich warten nicht nur 30 weitere Kilometer und der Anstieg zum Dach der Strecke auf mich, sondern auch die technisch anspruchsvollsten Abwärtspassagen. Ab jetzt werde ich durchgereicht. Vom zwischenzeitlichen Gesamtplatz 15 immer weiter nach hinten. Das war's also mit dem bekloppten Versuch, einen Ultralauf mal als Rennen anzugehen. Bei Kilometer 45 schließt "Soulrunner" Marco zu mir auf. Kurz zuvor war ich kläglich bei dem Versuch gescheitert, mir Musik via Handy auf die Ohren zu holen. Dieses verdammt lange Mistkabel der Kopfhörer hatte sich so verheddert, dass ich das Ding irgendwann wieder entnervt zurück in die Tasche stopfte.

Mit Marco verläuft der jetzt folgend Anstieg zum Haus Ebbe, dem Dach der Tortour, recht kurzweilig. Wir gehen die meiste Zeit über und bestärken uns darin, dass wir das Ding schon irgendwie runterschwuchteln würden, wie es ein Lauffreund immer völlig un-pc sagt, wenn er nicht mehr aus dem Quark kommt. Zumal der Veranstalter Finishershirts in Rosa angekündigt hatte. Das passte doch.

Das Handy klingelt, und mein elfjähriger Sohn ist dran. Er will mich am Verpflegungspunkt bei km 52 anfeuern. "Hallo Papa, ich bin's. Bist du im Zeitplan?" Ähem, tja, also Zeitplan. Nee, ich war längst nicht mehr im Zeitplan. Es ist sowieso völlig panne, Zeitpläne für Ultaläufe zu machen. Aber irgendeine Orientierung musste ich ihm ja im Vorfeld geben. Und so hatte ich vorab was von einem Zeitfenster zwischen 12:45 bis 13:00 Uhr gefaselt. "Also, ähem, ja mein Lieber, der Papa kommt doch wohl ein bisschen später." – "Wie viel später?" – "Na ja, so eine gute halbe Stunde. Hab' immer wieder Wadenkrämpfe" – "Na, dann viel Glück. Ich warte."

Natürlich ist das ein schönes Stück Motivation, in Erwartung der Anfeuerung mich wenigstens nicht so hängen zu lassen, dass ich die halbe Stunde nicht noch überzog. Blöder Weise kommen jetzt aber die technisch anspruchsvollen Streckenabschnitte. Mit glitschigen, morastigen Downhills, gespickt mit kantigen großen Steinen. Ich versuche, Lockerheit zu generieren, denn die Krampfanfälligkeit hatte nachgelassen. Aber kaum hundert Meter weiter, mitten im tiefsten Morast, wo mir immer mal wieder ein Schuh abhanden zu kommen drohte, ziehen die Krämpfe wieder in die Waden. Okay, okay, ich mach' ja schon wieder langsamer.

Mit exakt einer halben Stunden Verspätung treffe ich am vereinbarten Treffpunkt ein. Zum ersten Mal nutze ich einen VP und esse Salzstangen, trinke Cola. Mein Sohn begleitet mich ein paar hundert Meter, dann geht's wieder alleine weiter. Am nächsten VP hole ich den Soulrunner wieder ein, der aufgrund meines längeren Aufenthalts am letzten Punkt schon vorgelaufen war. Ab da laufen und gehen wir gemeinsam und genießen den schönsten Streckenabschnitt mit seinen wunderbaren Ausblicken über Täler, Wiesen und Wälder in vollen Zügen.

Inzwischen war die Sonne längst zur Höchstform aufgelaufen. Und auf den Freiflächen oberhalb von Plettenberg, ohne schützenden Wald, dürften die Temperaturen nahe der 30°-Grad-Marke liegen. Wo ist bloß das Schwimmbad? Nun schloss auch Gerd auf, mit dem ich hergefahren war. Gemeinsam traben wir auf dem Bergrücken entlang, überwiegend leicht bergab mit einer Pace von 6:15-6:30, bevor es zum Schluss noch einmal stark runtergeht. Wir gehen jetzt und reden über die weite Welt des Laufens. Die beiden nehmen Rücksicht auf meine jetzt immer häufiger aufziehenden Krämpfe. Selbst im letzten Flachstück, auf den abschließenden zwei Kilometern im Ort, muss ich immer wieder gehen. Detlef und Friederike, die ihren Marathon längst beendet haben, sehen mich auf dem letzten Kilometer gehen. "Alles klar?" rufen sie. "Krämpfe. Aber es geht" rufe ich zurück. Eine ziemlich doofe Antwort. Dass ich gehe, war unzweifelhaft auch so zu erkennen.

Die letzten vierhundert Meter bis zum Ziel kommen wir noch mal ins Traben und laufen gemeinsam ein. Ich lasse den beiden aber den Vortritt. Sie haben auf den letzten Kilometern reichlich Rücksicht genommen, da will ich jetzt nicht noch nominell vor ihnen platziert sein.

Im Ziel gibt's dann, neben der obligatorischen Medaille, das Finisher Shirt in .... nee, nix Rosa sondern Orange. "Die Herausforderung" steht vorne drauf. Darunter ist das Höhenprofil abgebildet. Ja, es war wirklich eine Herausforderung. Und wieder einmal galt es Krämpfe zu managen. Darin bin ich jetzt geübter. Und so kam ich dann auch in einer wadenverkrampften Zeit von 7:44:55 rein, die 38 Minuten schneller ist als beim p-Weg-Martyrium von 2010. Zweifellos ein Fortschritt. Burckhard kam dann als erster der AK 70 in 8:20:55 rein. Sauber!

Fazit: Die Plettenberger haben mal wieder eine großartige Veranstaltung auf die Beine gestellt, bestens organisiert mit zumeist wunderschönem Streckenverlauf. Für die Hitze konnten sie ja nichts. Der p-Weg ist ein sehr anspruchsvoller Ultralauf, zwar 5 Kilometer kürzer als der Rennsteiglauf, aber aus meiner Sicht deutlich schwieriger zu laufen aufgrund der zusätzlichen Höhenmeter und des teils schwierigeren Geläufs.

Ich freue mich schon jetzt auf 2012.

4.8
Gesamtwertung: 4.8 (5 Wertungen)

Toller Bericht!

Und trotz Gemaggel mit den Waden toll gelaufen - finde ich.
Gute Regeneration wünsch ich!

Danke

... für den Bericht. Ich war 4 Minuten nach Dir im Ziel und schon lange nicht mehr so am Ende nach einem Lauf wie dieses mal. Ein wirklich hammerharter aber perfekt organisierter Lauf mit erstklassiger Verpflegung und das noch zu einem günstigen Preis! Das besondere war auch, dass die Leute an den Verpflegungsständen wirklich mit Herz dabei sind und nicht nur Getränke reichen und fragen, was man braucht, sondern einen auch noch total anfeuern.
Ob ich mir das nochmal gebe kann ich aber nicht sagen. An noch 5km mehr auf dem Rennsteig wage ich gar nicht zu denken. Die Strecke war einfach sehr schwierig und 67.7km sind auch nicht grade kurz.
Wünsche Dir eine gute Erholung!

Grüße,

Michael

PS: Ich bin im Trikot der Himmelsstürmer gelaufen. Vielleicht hast Du mich kurz gesehen.

Oha!

Trotz Krämpfe immerhin 38 min. schneller als beim letzten Mal! Respekt! Man gewöhnt sich an alles! Du sogar an Krämpfe! Wenn du so weiter machst, wird der Krampf womöglich eines Tages noch dein Freund!

Viele Grüße auch an Burckhard und Gratulation für seinen 1. AK-Platz!

MC :-)

P.S.: Der P-Weg steht übrigens auch schon auf meiner Wunschliste!

Super verbessert!

Trotz Krämpfen und wartendem Filius. Nun ja, ich denke ein Ultra ist eben kein Rennen, aber da solltest Du dann mal Schalk fragen und nicht mich. Schließlich hab ich noch keinen Ultra hinter mir .

Den p-Weg

fand ich im letzten Jahr auch recht anpruchsvoll.
Unter der Hitze (Schwüle) am WE haben wohl viele gelitten.
Als perfekter Krampfmanager hast Du doch eine SEHR gute Zeit hingelegt und hast zwischendurch auch die Verspätung exakt vorausgesagt.

Also ich finde ...

... ein Marschgepäck von über 2,5kg echt sportlich. Da dann auch noch Tempo zu machen... Hut ab! ich könnte mir vorstellen, dass eine Reduzierung auf das Notwendige (von VP zu VP) eine super Lösung wäre. Dann mußt du nicht ganz zurück zu deinen "Wandertagen".
Spaß bei Seite. Die Zeit für die Distanz und das Höhenprofil finde ich wirklich sehr beachtlich. Klasse! Glückwunsch!
;-)

1+

Moin klada,

sehr toller Bericht und eine noch genialere Leistung!

1.000 Mal spannender als jeder Artikel in diesem Buch übers Ultralaufen, das ich mir neulich zugelegt habe ;-)

Danke!

Schöne Grüße

P

+++ Laufen bringt dich voran +++

Ambition vs. Genuss

Tja, nun ist die Frage, ob man solch einen Lauf als ambitionierten Wettkampf oder als Genusslauf ansehen soll. Wenn Du von reichhaltiger Verpflegung schreibst und es auch noch genügend Landschaft gibt, spricht eigentlich nichts dagegen, einen Genusslauf draus zu machen. Dann sollte man wirklich nicht hetzen.

Übrigens hättest Du Dir zum Training auch einen Satz Schneeketten in den Rucksack packen und Du selbst an der so hoch gelobten Verpflegung der Veranstaltung teilhaben können. ;-)

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Transalpine Run 2011 – Team Vorarlberg-Pfalz PSVV/SCL

Packender Bericht, großartige Leistung !!!

Lieber klada,

da hast Du ja wieder einen ordentlichen Schluck aus der Pulle genommen. Ja, die Versuchung, Tempo zu machen, kenne auch ich nur zu gut.

Aber das mit vollem Marschgepäck durchziehen zu wollen, ist voll krass, Alder. Schön, dass Du letztendlich heil angekommen bist. Wenn Du noch mal 'was draufsetzen willst, dann lauf' doch mit Schnüffeltüte und so richtig schwitzt man erst unter'm Poncho.

Jetzt lass' es 'mal ruhig angehen. Schalk hat mir nahe gelegt, eine Winterpause zu machen. Diese Anregung gebe ich gern weiter. Meine Winterpause im letzten Jahr war ausgesprochen fruchtbar.

Herzliche Grüße,
Holger



08.10. Ruhrtal-Marathon
09.10. RWE-Marathon
30.10. Röntgenlauf

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