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Der Herbst verrinnt und der Regenfetischist trottet vor sich hin, leidlich angepasst an die Zumutungen des normalen mitteleuropäischen Wetters.

Bei diesem Trott kommen einem unweigerlich existenzielle Fragen des Regenfetischistendaseins in den Sinn, zum Beispiel die Frage: Wie wird man Regenfetischist? Ist das genetisch angelegt, durch Umwelteinflüsse hervorgerufen oder einfach eine spezielle Form des Bekloppt-Seins? Auf vielen langen Läufen dieses Jahr hatte ich Gelegenheit darüber nachzudenken. Ich habe eine Antwort gefunden; nur für mich, selbstverständlich, ganz subjektiv. Sie lautet: Weil einem gar nichts anderes übrig bleibt. Ja, ich gestehe: eigentlich bin ich Sonnenfetischist. Und hoffe, ich werde nun nicht aus dieser Gruppe ausgeschlossen als Quisling und Verräter an der heiligen Sache des deutschen Regentages. Wie Goethe und die ganzen anderen Dichterfürsten und –herzöge blühe ich auf unter dem unnachahmlichen Licht der Sonne am Mittelmeer. Ok – für Bestzeiten ist das nicht so das Richtige, aber der Rest ist einfach großartig. Aber hier, nördlich der Alpen, tut man besser daran, Regenfetischist zu werden, denn wie der weise Chinese sagt: Was sich sowieso nicht vermeiden lässt, kann man auch gleich begrüßen. Ich bin darin sehr erfolgreich. Meine regelmäßige Winterdepression habe ich ganz ohne Prozac, nur mit Laufen in den Griff bekommen. Ihr Bundesgenosse Schweinehund hockt düster im Zwinger. Unsere Freundin MC scheint Ähnliches erfahren zu haben, wie sonst könnte ihr Motto lauten, laufend fit und gut drauf?!

Doch die Gefahr ist groß, dass der Regenfetischist in der immergleichen Novembertristesse übermächtige Langeweile oder gar Ekel empfindet, vor dem was er tut und – noch viel mehr vor dem, was er unterlässt. Etwa einfach in die Karibik zu verschwinden.

Es muss etwas geschehen. Was tun?
Richtig! Der Regenfetischist legt die Latte höher. Es gibt – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, daher Ergänzungen willkommen – folgende Möglichkeiten dem Wetter und der Langeweile zu trotzen: erstens im Dunkeln, zweitens bei Schnee und Eis, drittens bei steifer Nordostbrise laufen.

Die Gelegenheit war günstig heute. Gut, ich gestehe, 100 % auf der Erschwernisskala habe ich nicht erreicht, geschneit hat es schon mittags, aber der Rest stimmt. Das Thermometer wandert beständig nach unten, der Wind heult ums Haus, es ist stockduster. Also die Bärs aus dem Keller geholt, die Funktionsmütze auf, das Windstopper-T-Shirt um und raus in die Nacht. Ich gebe zu, sonnensüchtiges Weichei, das ich bin, auf meiner Stirn prangt eine Lampe. Es gibt ja Leute unter den Jogmappern, die das für zivilisatorischen Ballast halten und den ultimativen Kick offenbar im läuferischen Blindflug suchen, sozusagen volles Sturzrisiko, die Freeclimber eben unter den Läufern. Ich seile mich da lieber an. Auf den gut beleuchteten Teilen meiner Nachtstrecke schalte ich die Lampe aus und auf den 250 m Pferdetrail verhilft sie mir zwar dazu, ein unstrukturiertes, schlammiges Etwas zu erkennen, aber nicht, das schuhtiefe Einsinken zu verhindern. Dennoch erfüllt mich ein Gefühl tiefer Befriedigung: noch vor 3-4 Jahren fühlte ich mich nachts wesentlich unsicherer, Gelände erschien mir auch mit Lampe konturlos und gefährlich. Ein überraschender Trainingseffekt. Ebenso wie der souveräne Umgang mit Umknicken. Ich bin nämlich einer der raren Supinierer und manchmal, im gedankenversunkenen, öden Regenfetischistentrott, knicke ich nach außen um. Früher humpelte ich mit schmerzverzerrtem Gesicht zum nächsten Baum, krallte mich einige Minuten fest und taperte nach etlichen Dehnungsübungen vorsichtig weiter. Heute ist das alles nur eine kurze Schrecksekunde wert. Blitzschnell verlagere ich das Gewicht auf den nicht knickenden Fuß und laufe weiter wie ein Reh.

Erschwernisfaktor Nummer 2: Als ich loslaufe liegt die Temperatur noch über Null, aber alles ist nass und ein eisiger Wind – bestimmt aus Sibirien – fegt durch die Mark Brandenburg. Sicher wäre Fontane bei diesem Wetter nicht gewandert, sondern hätte im Wirtshaus gesessen. Der Wind poliert kleine Eisflächen auf den Teer mit merklichen Auswirkungen auf den Laufstil. Nix is’ mit der von Buddy Nezzwerker liebevoll beschriebenen Hüftstreckung. Die würde heute zum Stil mancher unserer Politiker führen: kraftvoll antreten und auf der Stelle durchrutschen. Mit kleinen Trippelschritten arbeite ich mich vorwärts im nächtlichen Eiertanz.

Nachts laufen führt irgendwann zu einem surrealen Trancezustand. Von daher wäre es bestimmt reizvoll, die vielen Nachtstunden in Biel mal zu probieren. Auf der milchverglasten Autobahnbrücke huschen Gespensterschatten vorbei. Der Himmel hat seine düstere Nachtkappe aufgesetzt, aber da, am Hals im Westen, ein Streifen graurosa Haut! Und draußen auf dem Feld; ein gestrandetes Ufo neben einem hell angestrahlten Knast. Vielleicht eine Gefangenenbefreiung? Doch, ich weiß noch, es ist die Autobahnraststätte neben dem Logistikzentrum; ich bin nicht ganz abgedriftet.

Und der größte Triumph heute: keine Läuferbegegnungen. Die Schweinehunde müssen auf ganzer Linie gesiegt haben. Nur ein Regenfetischist ist draußen und trippelt über die Eisblumen.

HOLLA, DIE WALDFEE ...

"der wind poliert kleine eisflächen auf den teer..."
"der himmel hat seine düstere nachtkappe aufgesetzt..."

wow! es gibt echt leute unter uns, die mehr als nur laufen können. und deshalb darfst du auf jeden fall regenfetischist bleiben, trotz deines outings!

ich wünsch dir ein winterlich-romantisches wochenende!
gruß christiane

überzeugt

Hi Oliver,

>allerdings nur wenige Tage ohne Wasser (Regen)

...das überzeugt mich ;-))

...ebenso wie deine Großherzigkeit mehreren Fetischen gegenüber. Die muliple Persönlichkeit ist out, der multiple Fetischist aus der Taufe gehoben.

Im übrigen bin jedes Mal wieder begeistert von deinem Motto. Ist das ein Koan, das du geknackt hast?

LG Rainer

Leben ist Bewegung

Genau so ist es!

Man kann sich eben nicht immer alles im Leben aussuchen und schon gar nicht das Wetter beeinflussen! In seiner ohnehin knapp bemessenen Freizeit, kann man nicht auch noch auf das Wetter gucken, sondern muss froh sein, wenn man wieder raus auf die Piste kann. Morgen ist's endlich wieder soweit - yeah!!!

Depressionen (und schlechte Laune) sind mir tatsächlich fremd! Obwohl ich mich gerne mit Psychologie beschäftige, ist für mich diese Krankheit ein Buch mit 7 Siegeln. Mir ist zwar klar, dass es Leute mit labiler Persönlichkeitsstruktur gibt, aber andererseits denke ich, Mensch, wir sind doch erwachsene Leute, d.h., wenn's brennt packt man es eben an! Wenn ich mit meiner Situation unzufrieden bin, liegt es doch in meinem Ermessen, sie zu verändern. Wenn ich nur Medikamente einnehme, sind die Probleme keinesfalls gelöst, sondern höchstens verdrängt. Wenn ich laufe, läuft die Gehirnschmalzproduktion auf Hochtouren, d.h. beim Laufen kommen mir die besten Ideen!

Dennoch kenne ich genügend Leute, die auf die einschlägigen Medikamente setzen - und wiederum von mir denken, ich laufe meinen Problemen davon! ;-)

Zu deiner Sinnfrage kann ich als ebenfalls bekennende Sonnenanbeterin nur sagen, dass das tatsächlich ein "widriges" Gen sein muss, das uns trotz schwieriger (Wetter-)Verhältnisse immer wieder auf die Laufstrecke treibt oder zu sonstigen Herausforderungen hinreißen lässt! Das ist eben die (Sehn-)Sucht nach dem Laufen!

LG

MC

laufend fit und gut drauf!

Breites Entsetzen!

Wie jetzt? Sonnenfetischist? Geht ja mal gar nicht... ist natürlich nur subjektiv...weil ich zerfall bei Sonnenlicht ja zu Staub. *gg*

Aber: In meinem Reich soll jeder nach seiner Facon glücklich werden! Du darfst also weiterhin ein Doppelleben führen! ;)

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...gar nicht verrückt, ist auch nicht normal...

@ Oliver

Ja, ich finde Koans ganz wunderbar und "sitzen" tue ich auch immer wieder - wenn auch eher mit dem Atem beschäftigt.

Da die Dinge ohnehin bleiben wie sie sind (wenn man nur wüsste, wie...), hab ich den Exklusiv-Beitrag nun werbend öffentlich gemacht.

Leben ist Bewegung

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