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Man soll ja nie nie sagen, aber gestern habe ich echt keinen Bock mehr gehabt in Köln und mir geschworen nie wieder einen Ultramarathon zu laufen. 42 reichen völlig. Aber jetzt erst mal von vorne.

4:45 aufgestanden und mich so langsam fertig gemacht. In Ruhe gefrühstückt und mich dann zum Bahnhof aufgemacht. Im Zug sitze ich neben einen, der läuft seinen ersten HM. Ich schnacke mit ihm gemütlich und wir vertreiben uns die Zeit bis zum Eintreffen. Es ist trocken noch, schließlich lässt der Wetterbericht nichts gutes verheißen. Ich gebe meinen Kleiderbeutel ab und begebe mich in die Wechselzone für die Ultras. Dort sehe ich so einen Komiker im Kostüm, der barfuß HM und Marathon läuft. Mit dem einen oder anderen schnacke ich bezüglich Strategien und versuche mir meine anvisierten 5:30 bis 5:40 (5:12er bis 5:24-Pace) nicht ausreden zu lassen. Der eine meinte ob ich verrückt wäre, muss doch auf meine Marathon-Pace ne Minute raufrechnen. In dem Moment sage ich nicht, dass ich eigentlich 5:15 als Ziel genommen habe, die aber wegen der Erkältung der letzten Woche für nicht relistisch hielt.

Irgendwann zum Start. Im Nachhinein frag ich mich, warum ich auf die Idee kam vor den Kenianern zu starten nur weil der rote Block die Topathleten sind. Die echten Stars starten natürlich aus der ersten Reihe. Hätte mich auch dazu stellen können, aber keine Chance, der silberne Block war schon zu voll. Der Moderator meint es bleibt trocken...na ja schaun mer mal.

Lockeres Traben auf der STelle, es ist verdammt frisch und ich warte auf den Start, während wir Viva Colonia singen. Und dann endlich: PENG! Ich setze mich in Bewegung und genieße die ersten km. Gehe sie aber zu schnell an, km-Zeiten um 5 Minuten. Dennoch wird man nur überholt...gut, aber die meisten laufen anschließend auch keinen marathon mehr. Dennoch, es erschwert das Finden der eigenen Pace. ABer immerhin es ist trocken. Die Stimmung an der Strecke ist für die Uhrzeit und Temperatur gut...die ersten Samba-Bands stehen auch schon draußen. Die letzten 8km laufe ich mit einem Ultra ins Ziel, mit ner Pace von 5:10-5:15. Im Ziel steht dann eine Nettozeit von 1:49:08...zu schnell, aber ich fühle mich gut...noch!

Gehe zum Wechselzelt.Vor mir im Ziel der barfußlaufende Narr mit der roten Perücke...Hut ab! Umziehen, Essen, Toillettengang, Fachsimpeln und vor allem im Startblock auf den MArathonstart warten, dass alles wird zwischen Ende HM und Marathonstart gemacht.

In den Startblock gequetscht...mmmh ich wollte mich doch hinten einreihen und mache wieder den Fehler vorne zu starten. 11 Uhr sollte Start sein. Dann heißt es 11.11...typisch Kölle, hätt man sich auch denken können. Die ersten Tropfen fallen. Ich stehe außen im Block - direkt im Zug, nur mein Jogmap-Shirt an. Keinen Plastikumhang. Ich bewege mich auf der Stelle un ein wenig auf Temperatur zu bleiben, aber keine Chance, mit wird kalt und ich will endlich los. Nach einer halben Ewigkeit schießt Konfetti in die Luft und der Lauf beginnt.

km 1: sofort schaffe ich es meine Pace zu finden, die Stimmung ist jetzt schon besser als beim HM, trotz des Regens.

km 5: erste mal getrunken, eiskalt das Wasser, ich fröstele immer noch so ein wenig und mache den Fehler schon wieder zu schnell zu werden.

km 9: endlich erreiche ich wieder meine 5:12+ Pace. Der Körper arbeitet jetzt ruhig und gleichmäßig, jetzt genieße ich den Lauf. Habe zu diesem Zeitpunkt 30 km in den Beinen

km 10,5: Mein ganz persönliches Bergfest. Ein lauter Ausruf: "Geil, Bergfest!" veranlasst den Läufer neben mir zum Schmunzeln und wünscht mir noch viel Spaß. Habe meine Startnummer hinten gehabt, um andere Läufer vorzuwarnen "Achtung! Langsamer Läufer!" Der eine oder andere wünscht mir beim Überholen viel Erfolg, DANKE an euch!

km 13: Die Blase drückt, Toilettenpause :-)

km 15: Ein andere Ultra holt mich ein. Spricht mich an und ich laufe mit ihm den einen oder anderen km. Der Typ war echt klasse, aber ich merke, hola schon wieder zu schnell und tatsächlich. Schon wieder km-Zeiten zwischen 5:05 und 5:10.

km 19: Ich lasse den anderen Ultra laufen und wünsche ihm noch viel Erfolg. Aber ich merke jetzt nach 40 km, mein Körper ist auf Ziel programmiert.

km 21: "Jetzt die letzten Meter" sagt mein Körper, "dann biste im Ziel". "Nichts da!" entgegnet ihm mein Kopf. Jetzt geht der "Spaß" erst richtig los. Die Matte wird überquert, MArathon geschafft. Zweiter HM in 1:50:02. Jetzt Schluss und ich hätt mich gut gefühlt, aber nein, ich muss ja den Verrückten spielen.

km 25: Ganz neue Erfahrung. So lange war ich noch nie unterwegs. Inzwischen hangele ich mich von km zu km. Dennoch noch liegen meine Zeiten im vorgenommenen Korridor von 5:12 und 5:24. Aber ich merke die Anstrengung.

km 30: Zack, schlagartig werde ich langsamer...die Luft ist raus, ich bin stehend k.o. Fast schlimmer als meine Beine fühlt sich der ganze Rest meines Körpers an.

km 31: 5:41...mal eben 20 Sekunden langsamer geworden. Ich stecke mir meinen dritten Gel-Chip in den Mund und hoffe auf deren Wirkung

km 32: Jetzt kommt mein persönliche Todes-Abschnitt. Das Stück habe ich letztes Jahr schon gehasst. Die Amsterdamer Straße. 2 1/2 km nur geradeaus. Wenig Leute. Ich bin durchnässt, mir ist kalt und der gefühlt starke Gegenwind machen mir sehr zu schaffen. Ich habe keinen Bock mehr und denke ans Aufhören.

km 34: Sehe auf der anderen Straßenseite Läufer entgegenkommen und versuche zwei Freunde von mir zu erkennen. So sehr damit beschäftigt, bekomme ich das km-Schild 34 noch nicht einmal mit.

km 35: Der vorletzte stärkere Anstieg ist geschafft. Die Amsterdamer Straße liegt hinter mir. Und es sind nur noch sieben km. Jetzt weiß ich, ich werde nicht aufgeben, ich werde laufen, durchlaufen, bloß nicht anhalten oder gehen. Der Wille treibt mich an.

km 36: Mit 5:52-Pace der Tiefpunkt meiner Pace während der 63km. Kurz nach dem Schild ruft eine Frau den Läufer zu: "Ihr seht super aus!". Habe noch die Energie und schreie "Hör auf zu lügen!" mit einem Ansatz von Lächeln zurück. SIe versteht´s richtig. Generell sind wieder mehr Zuschauer - jetzt wo in der Innenstadt oder deren Anfang angekommen - zu sehen. EIn Gefühl der Motivation kommt hoch. Ich stecke meinen letzten Gel-Chip in den Mund.

km 37: Jetzt ein ganz gemütlicher Jogmap-Ruhr-Jubiläumslauf und schon biste im Ziel. Gestern haste das auch geschafft. Das muss doch heute auch noch gehen.

km 38: Immer noch wird man nur überholt, echt deprimierend.

km 40: Das Kopfsteinpflaster ist geschafft. Jetzt nur noch die Frage: "Wo ist eigentlich dieser beschissene Kölner DOM?"

km 41: Da ist er endlich. Ich sehe die Grundmauern bei einem Blick nach links. Möchte gerne den ganzen Dom in seiner vollen Pracht bewundern. ich versuche meinen Kopf zu heben, aber selbst das gelingt mir nicht mehr. Schmerzen am ganzen Körper. Arme, Schultern, Nacken leiden schlimmer als die Beine. Dann gelingt es mir dennoch kurz den Kopf zu heben, kurzer Blick und Kopf senken. Komme dabei leicht außer Tritt. Wundere mich dabei aber, dass ich keine Ansätze von Krämpfen hatte, kein Ziehen in den Beinen, und denke für den Bruchteil einer Sekunde, dass es ja gar nicht so schlimm gewesen sein kann heute.

km 42: Deutzer Brücke. Ich hasse sie. Am Streckenrand steht Didi Senft, der Teufel der Tour der FRance. Laut schreie ich ihm "DIDI" zu. Ich hatte mir vorgenommen - jetzt nach 62 km - ihm für die Anfeuerung aller Sportler zu danken und ihm die Hand zu schütteln. Aber ich wollt einfach nur noch ins Ziel und schleiche vorbei.

Ziel: Ich sehe das Ziel, jubelnde Zuschauer und eine 3 bei der Zielzeit, Minuten? Scheiß egal!!! Krieg ich auch nicht mehr mit. Kurz vor dem Ziel ein Lächeln im Gesicht. Ich überquere die Ziellinie. Jetzt muss ich mich erstmal irgendwo anlehnen. Der Weg übers Verpflegungsdorf fält sehr schwer. Esse und trinke alles was mir in die Hände kommt...mir wird schlecht und bewege mich halb erfroren Richtung Messehalle. Halbe Stunde für die Massage angestanden und dann ganz ehrlich, war die ziemlich bescheiden. Die ältere Frau hat je wenigstens mal angepackt, aber der Kerl (umd die 30) hat außer zartem Steicheln nichts gemacht. Gott sei Dank war noch Seitenwechsel :-) Die Duschen waren das Highlight und danach habe ich mich wieder halbwegs wie ein Mensch gefühlt. Nur die Schmerzen waren noch überall und lassen mir auch heute keine Ruh :-)

Der dritte HM war in einer Zeit von 1:57:35 bewältigt. Insgesamt 5:36:45. Bin total happy darüber.

Fazit für mich. Scheiß Wetter, Erkältung davor sind für einen Ultra nicht gerade ideal. Aber davon mal abgesehen. Denke ich nicht, noch einmal einen Ultra zu laufen. Es war ein einmaliges Erlebnis, soll aber auch einmalig bleiben.

Danke an alle Leute auf Jogmap, die das bis hierhin gelesen haben.
Danke an alle Leute auf Jogmap, die mir die Daumen gedrückt haben.
Danke an alle Leute von Jogmap Ruhr, ihr seid die besten.
Danke an meine Famile, die mich geistig begleitet hat und mir die Zusammenfassung aufgenommen haben (ich soll angeblich zu sehen sein)
Danke an Christoph und den Dicken, die auch in Köln den Marathon gelaufen sind. Ihr habt super gefightet. Glückwunsch zum Finishen und vielen Dank fürs anschließende gemeinsame Essen. Danke auch an Johannes für die Einladung.
Danke an alle meine Freunde, die mir per Telefon, Handy, Mail... viel Erfolg gewünscht, sich ein paar kleine Sorgen gemacht und sich nach meinen anschließendem Befinden erkundigt haben.
Danke an alle Zuschauer, Läufer, Organisatoren und Helfer. Ihr hättet echt besseres Wetter verdient gehabt.
Danke an alle, die ich jetzt hier vergessen haben, aber nicht vergessen werden dürften. Mehr gab mein Brainstorming gerad nicht her.

Schönen Gruß aus Essen
ein total erledigter Sascha

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wow...

respekt und glückwunsch...!!!!

Boah!

Hut ab. Ich bin echt sprachlos. Riesen Respekt. Gratulation.
cc

Hi Sascha, super-Zeit, die

Hi Sascha, super-Zeit, die Du da hingelegt hast. Ich stell mir so eine Pause enorm schwierig vor- erst nen halben, dann nen ganzen zu laufen. Dann lieber gleich die ganze Strecke am Stück- da stell ich mich dann mental drauf ein.
Allerdings laufe ich so ne Strecke nicht in Deiner Geschwindigkeit- danach könnte man mich fortschmeißen, bzw ich würde gar nicht erst ins Ziel kommen...
Gute Erholung und vielleicht trifft man sich doch mal -bei nem ultra???
LG Astrid

Absoluter Wahnsinn

Mensch, ich habe praktisch am Bildschirm geklebt, um Deinen Blog zu lesen.

Absoluter Wahnsinn, wie Du das geschafft hast, RESPEKT! Du musst schier platzen vor Stolz auf Dich und zwar zu Recht!

Glückwunsch!
Troedelliese (die grade mal von HM träumt)

Hallo Petra aus Aachen

Im Moment wünschte ich aufgrund des gigantischen Ganzkörpermuskelkaters, ich wäre auch "nur" den HM gelaufen :-) Egal welche Zeit, egal welche Strecke, wir sind alle Gewinner.

Viele Grüße
Sascha

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Vertraue deinem Körper und höre auf ihn!

Das ist ja irre, Hut ab vor

Das ist ja irre, Hut ab vor Deiner Leistung!
Glückwunsch, Glückwunsch, Glückwunsch!!!!!!!

Dein Tiefpunkt-Pace war mein Höhepunkt-Pace bei einem ganz normalen Marathon:)

Laufende Grüße von Tame

Alle Hüte ab!!!

Ein Ultra will ich auch mal werden, wenn ich groß bin!!!

Meinen tiefen Respekt - Verbeugung - und meine volle Bewunderung. Bin letztes Jahr in Köln meinen ersten Marathon gelaufen und habe 4:44 gebraucht!!!

Nie wieder? Mal schauen

Schmerz vergeht, Stolz bleibt.
Riesigen Respekt und Gratulationen für diese unglaubliche Leistung.
Aber ihr Ultras seid schon ein bißchen bekloppt :-), oder?
Erhole dich gut
L G Fairy

63km...

...sind harter Tobak, klar.

Aber das wäre mir vorher niemals eingefallen, wie gruselig die ganze Aktion mental sein muss: Beim HM sprinten alle rum und beim Marathon sind auch hauptsächlich die Mitteldistanzler unterwegs und Du musst mittendrin mit Ultra-Pace daherschleichen...

Nach 54km erst der Hammermann? Bei Deinem ersten, ziemlich zügig gelaufenenen Ultra? Was war nochmal Deine Begründung, keine Ultras mehr laufen zu wollen? Muskelkater? Nicht Dein Ernst, oder? ;)

Meinen allerrespektlichste Oberhochachtung - angesichts der Distanz, Deiner mentalen Stärke, der zu erstaunlich großen Teilen bewahrten Würde und natürlich zur Hammer-Zeit.

Regenerier' gut - ich hoffe ja mal, dass sich mit schwindender Schwäche dann auch das verdiente Dauergrinsen in Deinem Gesicht einstellt...

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de nihilo nihil

na siehste, hat unser

na siehste, hat unser jubiläumslauf doch was gute gehabt, ausser meine neue frisur.

wie schon geschrieben, stolze leistung, wahnsinnige leistung, wir sind schon alle ein wenig bluna :-)))

gruss frank

Grandioser Lauf

Und vor allem kann Dir diese Erfahrung niemand nehmen, egal wie es in deinem Läufer-Leben weitergeht.
Obwohl Du total erledigt bist, hast Du doch sehr lange ohne starke Qualen durchgehalten, Respekt.
Und wie Rü schon schreibt, kann ich Deine mentale Leistung in solch einem Mischwettbewerb nicht hoch genug bewerten.
Herzlichsten Glückwunsch
Gruß, Marco (der irgendwann auch mal eine Ultra-Erfahrung machen will)
You´ll never hutab alone

Hi

Respeckt.....

war mit 3std 50min 59 im Ziel und total im Arsch, war mein 4 Marathon.
also noch n Halbmarathon davor..Hut Ab

Adam

Gänsehaut!

Gänsehaut beim Lesen Deines Blogs bekommen! Glückwunsch!
jog on ra1

Ich zitiere mal...

jemanden aus unserer Beklopptentruppe:

"Na sooo schlimm kanns nicht gewesen sein, wenn Du noch solche Romane schreibst!" ;-)))

Im Ernst:
Danke, danke, danke für die Möglichkeit, so zeitnah zu erfahren, wie man sich wirklich kurz danach bzw. währenddessen fühlt.

Denn es ist zu befürchten, dass mit weiter vergehender Zeit der Stolz überwiegt und sich auch schriftlich durchsetzt.

Da ich auch mit Ultraläufen liebäugele - irgendwann - vielleicht - danke ich Dir für die seelischen Einblicke ganz besonders!
Klasse Leistung!
Bissi bluna natürlich, sich bei so einem Scheißwetter halbnackt an den Start zu stellen, aber jeder wie er es mag. ;-)

Weiterhin alles Gute und viel Erfolg und viele Berichte bitte.

L.

Wer im Wald sitzt, sollte nicht so laut rufen!

!

Hallo!

Einfach nur Glückwunsch und Respekt!

Nächstes Jahr ... vielleicht ... doch auf ein Neues - so was soll ja süchtig machen.. ;-)

Grüße,
Markus

Super bekloppt ...

... muss man dafür schon sein, oder?

Herzlichen Glückwunsch, da machen wir dann für Dein 2000er Jubiläum 'ne Staffel draus. Du 63 km wir (mit allen 10 restlichen Ruhries) jeweils 6,3 km. Fürchte, Du bist schneller als wir ...

Da musss uns wohl noch was anderes einfallen.

Meinen allergrößten Respekt,

c.garfield

Mein lieber Scholli! Ich

Mein lieber Scholli!

Ich ziehe echt den Hut vor dir!

Glückwunsch zur Ankunft und deinem eisernen Willen!

Schöne Grüße aus Hannover

Bulli

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