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Endlich war das „Zwangs-Chillen“ vorbei und ich konnte meine Sporttasche für Karlsruhe packen. Nachdem ich Ende der 80er-Jahre ausbildungsmäßig in Karlsruhe war und dort auch 2003 meine Prüfung zu meiner 2. Ausbildung ablegte, freute ich mich wahnsinnig auf ein Wiedersehen!

Als wir eintrafen, war es sehr frisch, so dass ich meinen Entschluss, in „kurz“ zu laufen fast schon bereut hatte. Zum Glück hatte ich ein altes T-Shirt und einen präparierten Müllsack für das Warten im Startbereich dabei. Ich reihte mich unweit der beiden 3:44-Zugläufer und unmittelbar neben einem Dixiklo ein. Doch da nochmals kurz hineinzuhuschen war schlicht ein Ding der Unmöglichkeit! Naja, immerhin hatte ich ja schon vorher mehrfach alle Möglichkeiten genutzt!

Wir starteten pünktlich, wobei die Strecke uns zunächst über die Brauer- und Kriegsstraße ostwärts nach Durlach führte. Bei Km 3 war schon das erste Transparent „Es ist nicht meer weit“ zu sehen. Na du bist süß, dachte ich, wir sind ja noch nicht mal warm gelaufen und außerdem sind es bis zum Meer locker 800 km! Ich befand mich nun im unmittelbaren Dunstkreis der beiden 3:44-Zugläufer, einem Pärchen und einem Ironman, als wir einen Extasy Action Shop passierten. In dieser Phase lief es sehr locker und ich konzentrierte mich darauf, die Pacesetter nicht aus den Augen zu lassen. Plötzlich bog einer der beiden (offensichtlich für eine P-Pause) ab – zur Überraschung von so manchem Läufer! Manchmal zahlt sich ein Mindestabstand eben doch aus, denn man sollte nicht den falschen Männern hinterherrennen! ;-))

Irgendwann kam die erste Brücke. Das Ding schwankte ganz schön, so dass einem fast schlecht wurde. Dummerweise meldete sich immer wieder mein Zeh. Ich zwang mich, an etwas total anderes zu denken, sprich, ich sinnierte darüber, wie man nur „auf Grund eines technischen Versagens“, also quasi aus Versehen 300 Millionen Euro an eine pleite gegangene Bank überweisen kann! Komischerweise lief es gleich wieder viel besser.

Im nächsten Teilort war eine super Stimmung. Ein talentierter Zuschauer sorgte mit seinen „Moderationen“ für Kurzweil. Kurz vor „Halbzeit“ motivierte ich noch einen Läufer, dem es wohl nicht so gut ging. Gemeinsam überholten wir sogar eine Afrikanerin mit dem unafrikanischen Namen Ruth. Eine Afrikanerin überholen zu dürfen, streichelt das eigene Ego ungemein! Am Getränkestand verloren wir uns aus den Augen, dafür hatte ich wieder die beiden 3:44-Pacesetter, das Pärchen und den Ironman um mich. Das Mädel erzählte mir auf meine Anfrage, sie laufe ihren ersten Marathon. Ich merkte, dass sie ganz schön zu knabbern hatte, und ließ sie daraufhin lieber in Ruhe. Kilometerlang plätscherte der Lauf so vor sich hin. Ich sah ein kleines Restaurant, das Zwiebelkuchen und neuen Wein anpries. Die Idee war ja nicht schlecht, aber ich musste mich noch etwas gedulden. Mein Zeh zwickte erneut und ich dachte sofort wieder an die 300 Millionen und gut war’s.

Ab Km 29 begann der nostalgische Teil der Laufstrecke. Das erste Déja-vu befand sich in der Hertzstraße, wo ich meine 1. Ausbildung gemacht und über die Paragrafen des Steuerrechts gebrütet und geflucht hatte! Mittlerweile ist der Abstand zu den Zugläufern auch getränkebedingt etwas größer geworden. Hie und da sah ich noch den Ironman, der immer etwas angesäuert guckte, sobald man den Abstand auf ihn verkürzte oder - noch schlimmer - an ihn vorbeizog. Wir hatten offensichtlich das gleiche Tempo, so dass immer mal ein gegenseitiges Überholen drin lag.

Bei Km 30 kam ich mit einem Marathon-Wiedereinsteiger ins Gespräch. Er sei vor 14 Jahren den letzten Marathon gelaufen und nun lief es ihm gar nicht gut, was um diese Zeit auch kein Wunder war. Ich versuchte, ihn so gut es ging zu motivieren, denn zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns auf Hausstreckenniveau! Er müsse für seinen Wiedereinstieg sicherlich in zeitlicher Hinsicht Zugeständnisse machen, aber ommhh, das schafft er, rief ich ihm zu. Wir kamen an dem Schild Km 33 vorbei, d.h. nicht mal mehr 10 Km!!! Es kam nochmals eine Brücke und am nächsten Getränkestand hatten auch wir uns aus den Augen verloren.

Neben mir ächzte ein anderer Läufer, der sich wie ich über den Schotter auf dem Schlossplatz „freute“. Ommmhh, den Rest kriegst du auch noch hin, rief ich ihm zu und hielt auf den 34 Km zu, wo ich meinen Mann und meine Tochter sah, worüber ich mich riesig gefreut hatte! Weiter ging's durch den Schlosspark, wo nahezu tote Hose herrschte, denn der Löwenanteil der Läufer lief den Halbmarathon und die waren längst im „Runner's Heaven“! Dieser einsame und verwinkelte Streckenabschnitt war sozusagen mein persönlicher toter Punkt, wo ich auch Tempo einbüßte, hatte jedoch den Vorteil, dass ich meine Beiden öfters sah!

Dennoch war ich froh, als es wieder in lebhaftere Gefilde ging! Ich kam an der IHK vorbei, wo ich am Ende des Super-Sommers 2003 über meine zweite Prüfung schwitzte! Begleitet durch viele Anfeuerungsrufe und einem „Mensch, der sieht man so richtig an, dass es ihr Spaß macht, die muss sich nicht mal quälen!“ (wenn die wüssten!) befand ich mich mit Km 37 sozusagen auf dem Höhepunkt des Marathons. Zwischendurch kam mir ein weiblicher Laufvirus entgegen. Na die hatte mir ja gerade noch gefehlt! ;-) Später in der Damenumkleide konnte ich die Gute nochmals richtig begutachten. Der ganze Körper war mit Spezialfarbe bemalt, so dass man nur auf dem zweiten Blick erkannte, dass sie ansonsten nur mit einem Höschen bekleidet war! Die Idee mit dem Lauf-Virus... echt klasse!

Es folgte das Schild Km 40 und passend dazu wartete Bon Jovis akkustische starke Schulter an der folgenden Unterführung! Schön laut - genau so musste es sein! Noch schöner war es, mal nicht über eine dieser Brücken zu müssen, sondern auch mal unten durchlaufen zu dürfen! Leider war das Thema Brücke noch nicht ganz ausgestanden. Mittlerweile hatte ich auch den Marathonwiedereinsteiger wiedergefunden. Er tat mir richtig Leid. „Nicht einmal mehr 2 km, du schaffst es“, rief ich ihm zu! Mir selbst reichte es allerdings jetzt auch. Wieder kam eine Brücke und in der Schlussphase kam noch eine leichte Steigung. Am Streckenrand sah ich meine Lauffreunde, die alle dieses Mal den „Halben“ gelaufen sind. Jeder Läufer wurde sogar im Ziel namentlich angesagt! Hinter dem Ziel erwartete uns das „Runner's Heaven“, wo man es sich so richtig gut gehen lassen konnte.

Mit 3:49:xx konnte ich mich um über eine Minute gegenüber Hamburg verbessern und belegte in meiner AK den 10. Platz und schaffte es sogar bei den Damen unter die Top 100! Ich bin immer noch im Endorphinrausch! ;-))

Alles in allem war es wieder eine gelungene und super organisierte Veranstaltung. Der einzige Wermutstropfen war der besch... Schnitt der gelben Funktionsshirts! ;-))

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Na, wenigstens hat die 300

Na, wenigstens hat die 300 Mio Überweisung einen klitzekleinen Vorteil, sie hat dich den schmerzenden Zeh vergessen lassen, großer Aufwand , aber immerhin. Ist schon eigenartig, auf was für Gedanken man beim Laufen kommt.
Glückwunsch zum Top 100 Marathon ;)

bye
murphy

An MC im Himmel

So hört sich ein perfekter Marathonlauf an ! Anstrengend, aber nicht überfordert und noch Zeit und Energie andere zu ermutigen ! Ich hoffe, daß ich am 28.9 genau so schön "rund" laufe.
Meine aller herzlichsten Glückwünsche zum gelungenen 2. Marathon.
Wie oft werde ich dir eigentlich in den nächsten Jahren gratulieren dürfen ? Ich bin mal gespannt.
L G Fairy

Hallo MC!

Hallo MC!
Herzlichen Glückwunsch, toller Bericht, tolle Zeit, tolle Platzierung. Was will das Läuferherz mehr?
jog on ra 1

Ach deshalb läufste MT...

...um den Männern hinterher zu laufen! Das kannste doch einfacher haben! ;)

Und las ich da "nur noch 10 km"!? Hömma...dat nehm ich bald persönlich!

Nee...im Ernst -> Glückwunsch zu dem schönen Läufchen und das das Zehlein sich doch noch eines besseren besonnen und nicht weiter gezickt hat!
Und ich könnte schwören der Kommentar „Mensch, der sieht man so richtig an, dass es ihr Spaß macht, die muss sich nicht mal quälen!“ passte wie Faust auf's Auge!

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...gar nicht verrückt, ist auch nicht normal...

Glückwunsch!!!

Hört sich ja traumhaft an!!! Klasse!!!

Super Leistung - Glückwunsch!!!

Hallo MC,

bei so einem großen Lauf AK 10. zu werden, ist echt große Klasse!

Und wenn du noch plaudern konntest, warst du wohl absolut im grünen Bereich, was die Quälerei angeht.

Sehr ansprechend fand ich die Beschreibung deines persönliches Déja-vu. Mir wird es ähnlich gehen, wenn ich im Oktober in meiner Geburtsstadt München laufe.

Leben ist Bewegung

genial!!!

herzlichen glückwunsch. du bist echt ein laufundschreibwunder!!
hast du dir schon mal überlegt ein buch über die lauferei zu schreiben. ich hoffe, dass dein lauf so locker verlief wie dein schreibstil.
ich ziehe meinen hut vor der leistung.
es grüßt aus der nachbarschaft
laleläufer

Herzlichen Glückwunsch

zu der klasse Zeit. Ein schöner Bericht. Da bekommt gleich Lust zum Loslaufen.

LG Gitti

Hut ab.....

kannst wirklich stolz auf Dich sein.....
Genies die Endorphine....
LG Spindoc
Der mit dem Hund läuft!

Super, wenn ich Deine

Super, wenn ich Deine Berichte lese komme ich mir vor, als sei ich dabei. Den Schloßplatz kenne ich gehenderweise mit dünnen Sohlen- ist echt gemein. Glückwunsch zur Zeit und Platzierung.
Astrid

300 Mio...

300 Mio. dafür dass dein Zeh Ruhe gibt und du neue PB läufst... *denk* .. JAAAA das war's wert!!!! Glückwunsch!!!

Auch von mir...

...einen herzlichen - zum Lauf, zum Bericht, zur Zeit. Au ja, ich will auch wieder Marathon. Und die 300-Millionen-Frage merk' ich mir - vielleicht hilft die ja auch, wenn was anderes zwickt.

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de nihilo nihil

Super Bericht

zu Deinem super Lauf. Macht echt Spaß, ihn zu lesen. Herzlichen Glückwunsch und gute Besserung für den Zeh.

cherry65

Jeder, der vor mir Läuft, hat es sich verdient.

liebe MC! wieder herrlich

liebe MC!
wieder herrlich geschrieben. läuft man richtig ein stück mit. und nochmal herzliche gratulation!
LG aus dem krankenlager - christiane

Verspätete Glückwünsche

Auch von mir selbstverständlich noch allerherzlichste Glückwünsche zum gelungenen Lauf und zur Zeitverbesserung.
Das Problem ist, das, wenn man erst so spät beglückwünscht, sämtliche Kommentare, die mir beim Lesen Deines Berichtes einfielen, schon längst abgehandelt wurden.
Der Satz: "Mensch, der sieht man so richtig an, dass es ihr Spaß macht, die muss sich nicht mal quälen!“fiel mir auch ins Auge, muß ein wahrer Menschenkenner sein:-))
Und das Du den teuersten Zeh der Welt besitzt, muß ich auch nicht noch mal erwähnen.
Dann noch schöne (Rest-)Regeneration,
Gruß, Marco
You´ll never läuferhimmel alone

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