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Bevor Dr. Alzheimer endgültig zuschlägt, ist es gut, Sachen aufzuschreiben. Und weil ich letztens an meinen ersten Marathon dachte und schmunzeln musste, tut Ihr es vielleicht auch - zumal viele sich auch in diesem Jahr erstmals Berlin vornehmen und meine Fehler noch vermeiden können. So war es - in Kurzform - damals bei mir. Gruß, Docrob ;-)

Anfang September Debüt beim SCC-Halbmarathon mit Start und Ziel im Mommsenstadion. Vorher im Sommer in Irland nach nur einem Lauf fünf Wochen nichts mehr gemacht. Dafür geht es beim ersten Wettkampf mit 1:40 noch ganz ordentlich, verglichen damit, dass heutzutage zwei Stunden oft das Ziel sind. Früher war die Ausrüstung schlechter, aber der Ehrgeiz viel verbreiteter. Ich wurde 670., voriges Jahr hätte es mit der Zeit genau zu Platz 300 gereicht. Vor dem Start erzählt ein Läufer dem anderen stolz, dass er sich extra noch einen halben Liter Milch reingequält hat. Ich wusste schon damals aus Erfahrung, welches Schicksal ihn im Grunewald erwarten würde.

Vier Wochen später mein erster Marathon in Berlin. Start auf der Wiese vor dem Reichstag. Bis heute als Regen-Marathon berüchtigt, weil es kurz nach dem Start anfing, für zwei Stunden oder so zu regnen. Samstag mit Freund und Laufpartner Klaus Strecke abgefahren, bei Km 32 in Dahlem stellt Klaus fest, dass ich im Training (genau einmal) schon so weit gelaufen bin. Exakt dort steht am nächsten Tag der Mann mit dem Hammer und stellt mir ständig die Frage, warum ich mir das antue. Doch ich besiege ihn, weil ich mich weigere, in meinen schweren Schiedsrichter-Laufschuhen eine Gehpause einzulegen.

Gegen die Schinderei und die Kälte im durchgeweichten T-Shirt hilft auch nicht mein Morgengetränk - heißer Orangensaft mit Traubenzucker, laut Klaus der Tipp eines alten Radfahrers. Nach 3:45 brutto (Chips gab es noch nicht) endlich im Ziel bei Wertheim auf dem Kudamm, das Foto finde ich nicht mehr. Gerade noch unter den ersten 5000 von 7315, die ankamen. Am nächsten Tag werde ich krank und von der Arbeit nach Hause geschickt, der Preis für eine große kämpferische Leistung, die auch als Selbstmordversuch gelten kann.

Auf der Medaille ist Abebe Bikila drauf. Wem der Name nichts sagt: 1960 barfuß Olympiasieger in Rom, 1964 in Tokio in Schuhen nochmal. Nach dem schon lange verstorbenen Äthiopier schaffte es nur Waldemar Cierpinski 1976 und 1980, zweimal in Folge Marathon-Gold zu holen. Die Medaille mit Hailes großem Vorvorvorgänger ist mir wohl immer noch die liebste. Aber danach hatte ich vom Laufen erstmal genug. Doch Ihr wisst: Wen es einmal erwischt hat...

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Und Twix...

...hieß noch Raider. Hach waren das Zeiten ;-)) Nee, ohne Scheiß - schöner Bericht! Merci!!!

Erster Marathon

Hi docrob,
mein erster Marathon ist zwar erst 5 Jahre her (hoffentlich noch nicht durch Alzheimer-Untergang bedroht), aber ebenso wie Deiner in Berlin, und ebenso wie Deiner vom Anfänger-Fehler behaftet, zu wenig lange Läufe in der Vorbereitung gelaufen zu sein. Mich erwischte der Mann mit dem Hammer am Anfang des Kudamms und es war schrecklich warm (wie eigentlich bei fast allen meiner Marathons, nur in München 04 gab es Marathon-Idealbedingungen.) Immerhin war ich in Berlin 03 Teil des Weltrekordes von Paul Tergat (ob er den auch geschafft hätte, wäre ich nicht mitgelaufen?:-)). Die Berliner rissen die Fenster auf und schrien: "Weltrekord", da war ich noch nicht mal mit der Hälfte durch, total demotivierend.
Letztendlich bin ich Kudamm und Unter den Linden mehr geschlichen als gelaufen und in über 4:30 ins Ziel getorkelt (ebenso den Fehler gemacht, den Lauf zu schnell anzugehen). Damals hab ich mich sehr übers nackte Überleben und Durchkommen gefreut, aus heutiger Sicht muß ich sagen: grottig gelaufen, deswegen hab ich mit Berlin noch eine Rechnung offen, die ich plane im Jahre 2009 zu begleichen.
Gruß, Marco
You´ll never marathonier alone
PS.: auf meiner Medaille ist Thomas Hicks drauf, Marathon-Olympiasieger 1904, wer den noch kennt, hat nun wahrlich kein Alzheimer.

Hicks - da war auch noch was

Am 30. August 1904 wurden beim Olympia-Marathon in St. Louis genau 40 Kilometer gelaufen - und zwar mit Hügeln und auf staubigen, von Kampfrichtern mit Autos befahrenen Straßen bei 32 Grad. Die einzige Wassertränke gab es 20 Kilometer entfernt vom Stadion.

Nur 14 von 32 Teilnehmern kamen an, einer wurde bewusstlos aufgefunden, ein anderer von Hunden durch ein Feld gejagt (er wurde trotzdem oder gerade deswegen Neunter). Ein Kubaner, dem sie am Start die langen Hosenbeine abschnitten, hatte auf seiner Reise nach St. Louis sein Geld verspielt. Nachdem er sich beim Rennen mit Pfirsichen und Äpfeln erfrischte, bekam er Magenkrämpfe. Er wird als Vierter in den Ergebnissen geführt.

Zum Sieger wurde zunächst ein Fred Lorz erklärt, man fotografierte ihn bereits mit der Tochter von Präsident Roosevelt. Allerdings hatte er sich, wie er noch vor der Siegerehrung selbst zugab, nach 15 Kilometern in ein Auto gesetzt und war 18 Kilometer mitgefahren. Kein Wunder, dass er als Erster im Stadion ankam. Er wurde zunächst lebenslang gesperrt, gewann 1905 aber den Boston-Marathon (ja, den gab es schon damals).

Es siegte also in 3:28:53 Thomas Hicks, ein gebürtiger Engländer aus Cambridge bei Boston - allerdings auch nicht astrein. Er wollte sich zwischendurch hinlegen, durfte das aber nicht und bekam zur Stärkung Strychninsulfat und rohes Ei, später nochmal Strychnin und Brandy. Ich empfehle das keinesfalls zur Nachahmung, auch wenn es wie damals in St. Louis drei Kilometer vor dem Ziel bergauf gehen sollte. Mit Euch geht es mit Sicherheit bergab, und auch Hicks sieht auf dem Siegerfoto meines Buches von Sports Illustrated aus, als wäre er nicht nur vom Rennen und Siegen high.

Dann doch lieber einen halben Liter Milch;-)

Danke Docrob für die sehr amüsanten Zusatzinformationen und sowieso für den schönen Bericht von Deinem Berlin-Marathon.
Gruß, Marco
You´ll never lerndazu alone

"Berliner rissen die Fenster

"Berliner rissen die Fenster auf und schrien: "Weltrekord", da war ich noch nicht mal mit der Hälfte durch"

... und ich bin neulich bei einem Wettkampf überrundet worden. Da hätt ich mich auch am liebsten hingeschnissen, um nie wieder aufzustehen!"
jog on ra1

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